„Bolero X“ von Shahar Binyamini

„Hope“ ist das Ding mit Beinen

Gastspiel des Ballet BC aus Vancouver in Ludwigshafen

Drei Handschriften zeitgenössischer Ästhetiken, eine Qualität – Die Kanadier begeistern mit Arbeiten von Medhi Walerski, Shahar Binyamini und Crystal Pite.

Ludwigshafen, 01/02/2026

„‚Hope‘ is the thing with feathers“ – Emily Dickinsons Gedicht aus dem Jahr 1862 wurde weltbekannt. Es beeindruckte auch Medhi Walerski, den künstlerischen Leiter der kanadischen Vorzeige-Kompanie für zeitgenössisches Ballett „BC Vancouver“. In seiner Choreografie „Sway“ (2019) dürfen sieben formidable Tänzer*innen aufs neoklassisch Schönste schwanken und wanken, immer getragen von einer funktionsfähigen Gemeinschaft. In einem ikonischen Anfangs- und Schlussbild ziehen sich Tänzerin und Tänzer gleichzeitig gegenseitig vom Boden hoch – im unbedingten Vertrauen auf den Gegenhalt in der Verbindung. Das Gedicht wurde mit keinem Wort erwähnt und steckte doch unausgesprochen in allen Tänzerkörpern.

Eine andere Art von Optimismus verbreitete Shahar Binyamini, der langjährige Choreografie-Assistent von Ohad Naharin in der Batsheva Dance Company. Für das Ballet BC Vancouver kreierte er 2023 eine Choreografie zur weltweit meistgespielten Komposition klassischer Musik, den „Bolero“ von Maurice Ravel. Die schiere, pure Wucht des Tanzes in der großen Gruppe – die Kanadier boten 24 Tänzer*innen auf – verfehlte auch im Ludwigshafener Pfalzbau ihre Wirkung nicht und verlockte das Publikum zu Beifallsstürmen. 

„untanzbare“ Themen

Zum Einstieg – Aufwärmen des Publikums garantiert – präsentierte die Kompanie ein Stück von Crystal Pite, der berühmtesten Choreografin des Landes. Wenn man ihre Meriten aufzählen wollte, ginge es vermutlich schneller, hervorzuheben, welchen bedeutenden internationalen Preis sie für ihre Arbeit noch nicht bekommen hat. In „Frontier“ (2008 für Nederlands Dans Theater NDT 1) widmet sich die Choreografin, die im Ruf steht, eigentlich „untanzbare“ Themen überzeugend auf die Bühne zu bringen, der Schnittstelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem. 

Für Letzteres schickte sie eine gefühlte Armee schwarzer Kapuzenfiguren auf die Bühne, den weiß gekleideten Darstellern zahlen- und kräftemäßig weit überlegen. Im sparsamen Dreivierteldunkel stützen und störten sie ihre weißen Gegenspieler, gaben kleine und große Anstöße, Gegenhalt und Motivation, ließen Bewegungsträume in Erfüllung gehen und wehrten sich erfolgreich dagegen, durchschaut und eingeordnet zu werden. Die zugleich klare und rätselhafte Choreografie demonstrierte, warum Crystal Pite in einer eigenen Liga spielt: weil sie das Widersprüchliche, das Unausgesprochene, das Schwierige und Komplexe ihrer Thematik mit schlafwandlerischer Sicherheit austariert, statt es hinter einer perfekten zeitgenössischen Ästhetik zu verbergen. 

 

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