Auschnitt aus dem Film „Between Times – The Hamburg Ballet in Transition“

„Wir sind noch weit davon entfernt, dass Tänzer*innen offen sprechen.“

Filmemacherin Kim Hess im Gespräch über ihren Film „Between Times – The Hamburg Ballet in Transition“

Als in Hamburg das Ballett um die Nachfolge von John Neumeier explodierte, war ein Filmteam mittendrin. Martina Klein spricht mit der Regisseurin Kim Hesse über Demis Volpi, John Neumeier und wie man so einen Vorgang filmisch festhält.

Hamburg, 26/09/2026

Martina Klein: Ihre Filmidee war die Dokumentation eines Wechsels nach 51 Jahren John Neumeier am Hamburger Ballett auf den Choreografen und damaligen Intendanten des Ballett am Rhein Demis Volpi. Bereits im Juni 2025 und nach nur neun Monaten war dieser Wechsel gescheitert. War damit nicht auch ihr Filmprojekt beendet?

Kim Hess: Ganz im Gegenteil. Wir wissen, wie schwierig die Nachfolge großer Ikonen wie Pina Bausch sein kann. Umso faszinierender fand ich, dass John Neumeier Demis Volpi persönlich gebeten hatte, seine Nachfolge anzutreten und seine Wahl nach zweijähriger Suche der Findungskommission auf ihn fiel. Dieser seltene Moment, in dem zwei Künstlergenerationen zusammenfinden, war für mich der Ausgangspunkt. Als der Konflikt öffentlich wurde, ging es nicht mehr allein um die Transformation einer Kompanie, sondern um Deutungshoheit, unterschiedliche Wahrnehmungen, Loyalität, Geld, tief verwurzelte Ängste und die Fragilität von Veränderung. Für mich als junge Regisseurin war das eine neue Herausforderung. Aber genau das muss ein Dokumentarfilm aushalten: dass die Wirklichkeit eine andere Geschichte erzählt als ursprünglich geplant.

Ihr Protagonist war Demis Volpi – nimmt man da nicht automatisch seine Perspektive ein?

Meine filmische Haltung ist eng mit Trinh T. Minh-has’ Konzept des „Speaking Nearby“ verbunden: nicht über Menschen zu sprechen, sondern aus respektvoller Nähe neben ihnen zu erzählen, unterschiedliche Wahrnehmungen zuzulassen und Widersprüche auszuhalten, ohne den Anspruch auf die eine Wahrheit zu erheben. Diese Haltung haben wir für „Between Times“ im gesamten Team intensiv diskutiert und gemeinsam mit meinen Produzentinnen Lotta Schmelzer und Lisa Purtscher sowie unserem Editor Sam Handel filmisch entwickelt.

Sie haben Demis Volpi die ersten 40 Tage in Hamburg mit der Kamera ganz nah begleiten dürfen. Was haben sie von der Arbeitsatmosphäre mitbekommen?

Wir haben über 50 Stunden beobachtendes Filmmaterial gesammelt. Zugleich hat unsere Beobachtung natürliche Grenzen: Was in einer Probe sichtbar wird, ist nicht zwangsläufig das, was Menschen über längere Zeit an ihrem Arbeitsplatz erleben. Wir erlebten eine erste Spielzeit, die allen Beteiligten enormes Engagement abverlangte und zunächst sehr erfolgreich war. Die künstlerische Neuausrichtung mit Choreograf*innen wie Justin Peck, Hans van Manen und Aszure Barton sowie Werken von William Forsythe setzte viel in Bewegung. Unsere Beobachtungen von Demis Volpis Umgang mit der Kompanie sind im Film zu sehen.

Am 5. Mai 2025 spricht der Tänzer Alexandr Trusch in einem Interview von einem „toxischen Arbeitsklima“. Wie hat das ihre Arbeit beeinflusst?

Die Vorwürfe kamen auch für uns überraschend. Sie waren so schwerwiegend, dass sie selbstverständlich ernst genommen werden mussten. Mir war wichtig, beiden Erfahrungen im Film Raum zu geben, der ursprünglichen Aufbruchstimmung wie dem späteren Konflikt.

Seit der Pressekonferenz im März 2024 war uns bewusst, unter welchen öffentlichen Spannungen und medialen Beobachtung dieser Generationswechsel stand. Eine ganze Institution musste lernen, sich ohne die Persönlichkeit neu zu definieren, die sie über ein halbes Jahrhundert geprägt hatte und die als Choreograf weiterhin Teil der Spielzeit blieb. Wie schwer Neumeier selbst der Abschied fiel, zeigte sein ZEIT-Interview vom Februar 2024, in dem er erklärte, eigentlich nicht aufhören zu wollen.

Wie sind sie mit den Zweifeln an der Integrität ihres Protagonisten umgegangen – die Vorwürfe gingen bis zu Machtmissbrauch – wäre das nicht ein Grund gewesen, die Dokumentation zu beenden?

Nein, im Gegenteil. Gerade als der Konflikt medial eskalierte, wurde mir die Verantwortung unserer dokumentarischen Arbeit noch bewusster. Mir war wichtig, die Vorwürfe weder zu negieren noch kleinzureden und zugleich zu berücksichtigen, dass viele Stimmen in der öffentlichen Debatte nicht gehört wurden – darunter auch viele Tänzer*innen, die gerne mit Volpi arbeiten. Dass sie bis heute nicht öffentlich sprechen, hat Gründe, die es zu bedenken gilt. Ich komme aus dem Journalismus und glaube an Recherche, Kontextualisierung und Widerspruch. Dafür habe ich rund 50 vertrauliche Hintergrundgespräche geführt, auch außerhalb des Hamburg Balletts, und eng mit den Redaktionen von SWR und NDR zusammengearbeitet. Mein Gesamteindruck ist, dass wir auch 2026 noch weit davon entfernt sind, dass Tänzer*innen offen sprechen – nicht nur bezogen auf Hamburg, sondern ganz grundsätzlich.

Eine Schlüsselszene des Filmes ist die offene Werkstatt am 25. Mai in der Hamburger Oper. Demis Volpi stellt sich dem Publikum und zeigt erste Ausschnitte aus seinem Handlungsballett „Demian“. Nach anfänglichem Tumult im Publikum gibt es zum Schluss anhaltenden Applaus. Die Berichterstattung zeichnete ein anderes Bild. Das dokumentieren sie durch das Einspielen eines Hörfunk-Berichtes. 

Alle verwendeten Stimmen sind Original-Zitate. Mich interessierte an diesem Moment besonders die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Wahrnehmungen. Wir sehen einen Intendanten, der öffentlich zu den Vorwürfen Stellung nimmt, Einblicke in seine Arbeit und die der Tänzer*innen gibt, die am Ende großen Applaus erhalten. Die Berichterstattung konzentrierte sich hingegen auf eine Krise. Durch die Montage wollten wir diesen Widerspruch sichtbar machen und auch zeigen, wie sehr mediale Berichterstattung unsere Wahrnehmung von Ereignissen prägt.

Demis Volpi und das Hamburger Ballett haben sich am 10. Juni 2025 getrennt. Die Interimsführung übernahmen drei enge Vertraute von John Neumeier: Nicolas Hartmann, Lloyd Riggins und Gigi Hyatt. Kultursenator Carsten Brosda hat die Verträge gerade bis 2027 verlängert. Warum fehlt dieser Part in der Dokumentation?

Wie im Film dokumentiert, konnten wir rund sechs Monate lang nicht am Hamburg Ballett drehen. Ein Interview mit Nicolas Hartmann wurde uns zunächst zugesagt, jedoch einen Tag vor dem geplanten Dreh wieder abgesagt. Auch Kultursenator Carsten Brosda stand uns für ein Interview nicht zur Verfügung. Die Informationen zur Interimsführung haben wir deshalb in Form einer Texttafel in den Film aufgenommen.

Auf einer dieser Texttafeln ist auch zu lesen, dass sie John Neumeier acht Mal um ein Interview gebeten haben, was ohne Reaktion blieb. Und es ist auch zu lesen, dass sich alle Vorwürfe gegen Demis Volpi als unhaltbar erwiesen haben. 
„Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören“, das ist ein Zitat aus Hesses „Demian“, das sie dem Film voranstellen. Ein Sinnbild für den von ihnen begleiteten Prozess?

Hermann Hesses „Demian“ war das große künstlerische Projekt, mit dem Demis Volpi seine erste Spielzeit in Hamburg abschließen wollte. Eine Geschichte über das Verlassen einer vertrauten Welt, innere Spaltung und die Suche nach einer eigenen Identität. 
Ich persönlich glaube nicht an Hesses These, auch wenn ich ihre innere Logik nachvollziehen kann. Ich hoffe vielmehr auf eine Verbindung des Alten mit dem Neuen. Ich glaube an die Möglichkeit, Tradition weiterzuentwickeln, ohne sie auszulöschen. Und ich glaube nicht an übergeordnete Götter – auch nicht im Tanz.

 

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