Die Autorin inmitten des Publikums: „Dance People“ von Omar Rajeh

Tanz gestern, heute, morgen

Festival Lugano Dance Project 2026

Die dritte Ausgabe glänzte neben dem Thema kulturelles Erbe auch mit einer Neuinszenierung zum Mitmachen und einer Weltpremiere.

Lugano, 22/06/2026

Im großzügigen und vitalen Zentrum LAC Lugano Arte e Cultura am Luganer See („lac“ franz. „See“) im Südtessin trafen Generationen von internationalen Stimmen des zeitgenössischen Tanzschaffens aufeinander. Nicht neben, sondern mit dem Publikum begaben sie sich auf eine Reise zwischen gestern und morgen. Das diesjährige Lugano Dance Project beschäftigte sich mit dem Tanz als kulturelles Erbe, respektive der Weitergabe von Tanzkultur, die über die reine Bewahrung hinausgeht. Das Festival war die dritte und leider auch letzte Durchführung des hauptsächlich von privaten Sponsoren finanzierten Anlasses. 

Was mit der ikonischen Produktion „Kontakthof – Echoes of ‘78“ von Pina Bausch begann, neu inszeniert und kuratiert von der ehemaligen Mittänzerin Meryl Tankard, endete nach fünf Tagen am Sonntag mit der Weltpremiere von „White Space“ des amerikanischen Choreografen Kyle Abraham 

Dazwischen? Klein- und Kleinstperformances, Workshops, Gespräche und die „Gatherings“ mit einer Aufführung zum Mittanzen des Libanesen Omar Rajeh. Das Zusammenkommen von Künstler*innen und Publikum, sogenannte immersive Begegnungen, war bewusst geplant.

Deutlich und berührend verkörperte dies die Tessinerin Camilla Parini in ihrer Miniperformance „Je suisse (or not)“ im Refektorium des renovierten ehemaligen Klosters der angrenzenden Kirche Santa Maria degli Angeli (mit Fresken aus dem 16. Jahrhundert von Bernardo Luini). Nur gerade maximal zwei Personen durften der unter einem Eisbären-Kostüm verborgenen Künstlerin eine halbe Stunde gegenübersitzen und in ihrem Familienalbum blättern. Sie sei zu scheu, um selbst über ihre Biografie zu reden. Auf der Suche nach der eigenen Identität blieb ihr ein Satz ihrer Großmutter in Erinnerung: „Denk daran, den Bären zu suchen.“ Die Umarmung des Bärenkostüms und die Lüftung der Kopfbedeckung blieben in der Erinnerung haften, ganz ohne Tanz!

Gatherings

Eine weitere Schweizerin, die Choreografin Yasmine Hugonnet aus der Romandie, suchte ebenfalls einen intimen Rahmen. Ihr Stück „Our Times“ hat ein flexibles, autonomes Konzept, das diesmal in einem stilvollen, von Säulen umgebenen Rondell eines historischen Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert umgesetzt wurde. Die drei sich gut ergänzenden Tänzerinnen – unter ihnen auch die Choreografin – näherten sich dem Publikum in langsamen bis zu immer virulenteren Dreiecks-Schritten, mal verharrten sie in Balance, mal steigerten sie sich gegenseitig. Ein etwas beklemmender Tanz der Stille, der nur manchmal kurz durch eine schwache Klangproduktion ergänzt wurde.

Der Tag Nummer drei war anschließend ganz den „Gatherings“ gewidmete. Der Tänzer und Choreograf Omar Rajeh kuratierte diese Abfolge von Veranstaltungen. In der Agora, dem Atrium des LAC, suchte Hamdi Dridi in seinem Solo „The Soul(s) of Power“ die Verständigung zwischen Ich und Du mit einem Mix aus Breaking-Elementen zu Rap und Scratches und arabischem Soul – eine Schwerstarbeit rund um und an Turn-Table und Boom-Box. 

Ghida Hachicho veranschaulichte in „Prelude to Violence“ zusammen mit Mounzer Baalbaki den Krieg zweier Schimpansen-Gruppen im Gombe Reservat in Tansania (1974-1978). Gekonnt imitierten sie Bewegungen, Schritte, Gesten und Blicke unserer Vorfahren. Sie verwiesen damit auch auf die individuellen Eigenschaften und Charaktere dieser Tiere und verdeutlichten deren stumme Verständigung auf eindrückliche Weise. 

Das zweitletzte „Gathering“ übernahm Omar Rajeh selbst mit seiner Frau Mia Habis mit der Neuinszenierung von „Dance People“ (2025), bevor es gegen Mitternacht zum allgemeinen Abtanzen mit dem DJ-Set von Zeid Hamdan ging. Die Aufführung fand im Freien auf der Piazza Luini statt und war ein lebendiges, tänzerisches und technisches Feuerwerk. Den Rahmen bildeten rote Bänder und eine mobile Soundinstallation, die die Musik-Kreatoren und Verstärker beherbergten sowie einen Oud-Spieler, der live auf seinem marokkanischen Zupfinstrument die Technobeats begleitete. Die zehn Tänzer*innen füllten den freien Raum mit zeitgenössischen, vibrierenden Tanzformen. Die Performance war musikalisch und visuell schlicht betörend und ansteckend. Rajeh, dessen Maqam-Stil auch in einem Workshop praktizierte werden konnte, geht es nicht nur um den Tanz an sich, sondern um die Dringlichkeit von Wahrnehmung und politischem Widerstand und Solidarität.

Postmodern Gumbo-Stil

Den Abschluss machte am letzten Tag die Uraufführung „White Space“ von Kyle Abraham und den elf Tänzer*innen seiner A.I. M. (Abraham.In.Motion) Compagnie im großen Theatersaal vom LAC. Der 1977 in Pittsburgh geborene, multitalentierte Künstler thematisierte – stilistisch zumindest – mit den in schwarzen und weißen, fast durchsichtigen Kostümen gekleideten Tänzer*innen seine Erfahrungen als junger schwarzer und schwuler Künstler bis in die heutige Zeit, in der gewisse Wörter in seiner Heimat nicht mehr ausgesprochen werden dürfen. Der renommierte Choreograf beschäftigt sich in seinen Werken hauptsächlich mit Fragen zu Gender und Sexualität.

Alle elf Tanzenden sind Persönlichkeiten von außerordentlichem Können. Neben vorsichtig kuratierten Gruppen-Essays erhielten sie ihre eindrücklichen Soloauftritte. Abraham ließ ihnen viel Raum für ihre Fähigkeiten, die geprägt sind von Herkunft und Physionomie. Sein Markenzeichen ist der „postmodern Gumbo-Stil“, eine Fusion aus klassischem und zeitgenössischem Tanz, durchzogen von dem allzeit vorherrschenden Hip-Hop-Dance und Street-Dance, Alvin Ailey-Annäherungen (Abraham hatte selber in dieser Company getanzt) und Modern Dance. Musikalisch belgeitet wurde die Produktion von zwei Pianisten, die die stimmungsvolle, zeitgenössische Komposition von Jason Moran und Nico Muhly live umsetzten. 

Das Lugano Dance Project richtete sich vornehmlich an ein tanzaffines Publikum – Tanzschaffende, Vermittler*innen und Veranstalter*innen; entsprechend lang war die Gästeliste. Der Tanz ist eine soziale Kunstform, er braucht das Miteinander, den Zusammenhalt und die Reflexion, wie es in Lugano möglich war. Nicht nur ein kluges Programm, auch die Locations im und ums LAC spielten auf einer hohen Liga. Es bleibt zu hoffen, dass es eine Nachfolge gibt.

Und Fazit des fünftägigen Festivals: Die heutigen Tänzerinnen und Tänzer verheißen eine vielversprechende Zukunft, so versiert und dynamisch, eigenständig und selbstbewusst sie sind. Was die Choreografien angeht, gibt es Luft nach oben. Ihnen fällt vermehrt die Aufgabe zu, diese Talente zu „inszenieren“.

 

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