Ein neues Zuhause für Pina
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„Kontakthof“ ist wohl das bekannteste und meistgespielte Tanztheater-Stück von Pina Bausch. Ein Patchwork von Szenen über Flirt und Einsamkeit, Lebenslust und Trauer, Frech- und Schüchternheit. In Tanz umgesetzt zu schön-sentimentaler Musik aus alten Tangos, Schlagern und Filmmelodien. Bei der Uraufführung in Wuppertal 1978 spielten 20 Tänzerinnen und Tänzer mit.
Jetzt, im Juni 2026, sitze ich im Theatersaal des LAC-Kulturzentrums in Lugano, im Rahmen des Festivals Lugano Dance Project. Fasziniert folge ich den letzten Aufführungen von „Kontakthof-Echoes’78“: In dieser Choreografie haben sich einige Tänzerinnen und Tänzer zusammengetan, die schon bei der Uraufführung vor fast 50 Jahren mitwirkten. In ihre Auftritte mischen sich Videoaufnahmen von damals. Geisterhaft.
Ebenso geisterhaft melden sich bei mir Erinnerungen an frühere Begegnungen mit Pina Bausch und ihrem Tanztheater.
März 1980: Ein frühes Interview mit Pina
Mit dem Zug fahre ich von Zürich nach Wuppertal für eine Zeitungs-Reportage über Pina Bausch. Ihr 1973 gegründetes Tanztheater ist bereits berühmt, viele Fans reisen jeweils zu den Premieren an. In Wuppertal selbst ist man aber eher skeptisch geblieben. Mein Pensionswirt findet: „Das hat doch nichts mehr mit Tanz zu tun. Die Aufführungen der letzten Zeit – ‘Kontakthof’, ‘Keuschheitslegende’ - das war schon richtig unanständig. Wir hätten eben lieber richtiges Ballett.“
Ich spaziere zur „Lichtburg“, einem stillgelegten Filmtheater, wo sich der Probensaal der Bausch-Truppe befindet. Niemand begrüßt mich, als ich den Raum betrete. Die Tänzerinnen und Tänzer benehmen sich laut und affektiert. Pina sitzt regungslos hinter einem Tischchen. Mit hysterischem Schreien rennt eine Frau quer durch den Saal hinter einem Mann her. Da erst merke ich: Wir befinden uns schon mitten in einer Probe.
Im Saal sind auch zwei Solistinnen, die sich bei der Uraufführung besonders profilierten: Die elegante Meryl Tankard und die rundliche Jo Ann Endicott. Beide sind Australierinnen. Bei meinem Besuch schaut Endicott allerdings nur zu: Sie sei schwanger, flüstert sie mir zu, und verrät mir sogar den Namen des Erzeugers, eines Mitarbeiters des Wuppertaler Tanztheaters, der allerdings anderweitig verheiratet sei.
Die Kinderfrage bei Tänzerinnen war also schon damals akut. Auch bei Pina. Die 1940 Geborene bringt 1981 ihren Sohn Salomon zur Welt, der heute ihr künstlerischer Erbverwalter ist.
Das Interview mit Bausch verläuft dann eher mühsam. Sie redet leise und stockend, und was sie mir über die Entstehung ihrer Stücke verrät, kann ich noch nicht richtig begreifen. Lustiger verläuft es abends in der Kneipe bei einem Gläschen Wein. Da ist nämlich Mechthild Grossmann dazu gekommen, eine alte Pina-Freundin, die im Tanztheater als Schauspielerin mitwirkt. Sie neckt Pina, wie diese seinerzeit mit ihren langen Füssen Ballett getanzt habe, erzählt aber auch viel Aufschlussreiches. Grossmann kann man bis heute im Fernsehen begegnen: Als listige, dauerrauchende Staatsanwältin mit enorm tiefer Stimme - im „Tatort“ in Münster.
Oktober 2002: Ein Fest in Wuppertal
Gut 20 Jahre später findet „Ein Fest in Wuppertal“ statt. Publikum aus aller Welt strömt zu diesem Festival, das neben prominenten Gastspielen auch fünf Stücke von Pina Bausch bringt: „Masurca Fogo“, „1980“, „Das Brasilienstück“, „Komm tanz mit mir“ und „Die sieben Todsünden“.
Bausch ist inzwischen weltberühmt, ja, zu einer Ikone geworden. Den Schlussapplaus nimmt sie in meist gleicher Kleidung entgegen: Weites schwarzes Oberteil, noch weitere schwarze Hosen, schwere Schnürstiefel, das dunkle Haar zu einem Rossschwanz oder Knoten gebunden. Ihr Gesicht aber gleicht dem einer Mona Lisa oder einer Madonna.
Auch „Kontakthof“ läuft im Programm des Festivals. Allerdings nicht live, sondern in Form der Filmpremiere von „Kontakthof. Mit Damen und Herren ab ‘65’“. Also mit Amateuren. Bausch hat die Variante selbst kreiert und häufig auch geprobt. Neben mir sitzt während der Filmvorführung ein Herr, der selber mitgetanzt hat. Er kann vor Freude kaum stillsitzen, erzählt von den intensiven Proben und Auftritten in ganz Europa.
Meryl Tankard ist bei diesem Festival nicht mehr dabei. Nach Australien zurückgekehrt, wird sie dort zu einer wegweisenden Choreografin und Company-Leiterin. Jo Ann Endicott aber ist nach einer Pause wieder voll präsent in Wuppertal. Sie tanzt erneut die Anna 2 in „Die sieben Todsünden“, hat sich zur wichtigen Mitarbeiterin von Pina Bausch entwickelt und wird ein paar Jahre später maßgeblich bei der Einstudierung von Bauschs „Kontakthof“-Jugendfassung für 14- bis 18-Jährige mitwirken.
Juni 2026: Da waren’s nur noch acht
Und nun also „Kontakthof-Echoes’78“ beim Festival in Lugano. Meryl Tankard hat Ende 2024 das Stück mit neun Tänzerinnen und Tänzern einstudiert, die bei der Bausch-Uraufführung 1978 mitwirkten. Es sind fünf Frauen und vier Männer: Neben Endicott und Tankard selbst Beatrice Libonati, Anne Martin und die dunkelhäutige Elisabeth Clarke sowie Lutz Förster, John Griffin und Arthur Rosenfeld. Ed Kortlandt hat sich inzwischen zurückgezogen. Da waren’s nur noch acht.
In „Echoes 78“ vermischen sich zwei Perspektiven: Einerseits sieht man schwarz-weiße Video-Aufnahmen der „Kontakthof“-Uraufführung; sie werden in den Bühnenraum projiziert, ohne auf einer Leinwand zu landen (bewundernswert arrangiert von Bénédicte Billiet). Anderseits die heutigen Tänzerinnen und Tänzer in ihren farbigen Kostümen, quick und lebendig. Alle zwischen 70 und 80 Jahre alt.
Der Eröffnungs-Schlager „Frühling und Sonnenschein“ wird zum ersten Ohrwurm des Abends. Weibliche Körper werden präsentiert, mit wackelnden Pos unter den engen Röcken, was damals offenbar so Mode war wie heute wieder (Kim Kardashian!). Neben imponierenden Gruppenauftritten erlebt man das witzige Duett zweier Mädchen in luftigen Kleidchen, mit rosa Schleifen im Haar, die tanzend an sich herumzupfen (Jo Ann und Meryl). Bestürzend dagegen der Blick auf die Stuhlreihe im Tanzsaal, die seinerzeit voll besetzt war, nun aber lauter Lücken aufweist. Oder die Liebesszenen, wo der Partner, die Partnerin inzwischen abhandengekommen ist und die Umarmung ins Leere läuft.
Jo Ann Endicott mit langen grauen Haaren ist schlanker geworden, hat ihre Apfelbäckchen behalten, wirkt mit ihrer Lebhaftigkeit und Selbstironie am stärksten im ganzen Team. Meryl Tankard fällt nicht mehr durch besondere Eleganz auf, dafür wegen ihrer Bühnen-Präsenz und choreografischen Kreativität. Der lange Lutz Förster ist ein weißhaariger älterer Herr mit Brille geworden, der von oben herab auf die Anderen blickt. Er hat von 1978 bis 1996 im „Kontakthof“ mitgetanzt und ist später, nach Bauschs Tod, ein paar Jahre lang Chef der Wuppertaler Company gewesen. Doch das ist eine andere Geschichte.
Das zahlreich herbei geströmte Publikum im Theatersaal des LAC in Lugano freut sich über das Stück und applaudiert heftig. Doch jetzt ist Schluss mit den „Echoes’78“. Die beiden Auftritte in Lugano waren die letzten der 2024 begonnenen Serie. Den ursprünglichen „Kontakthof“ wird man aber immer mal wieder sehen. Weltweit.
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