„Ein Sommernachtstraum“ von Cathy Marston, Tanz: Charles-Louis Yoshiyama (Lysander, mitte), Max Richter (Helena, vorn) und Ensemble

Turntables und Liebeskratzer

„Ein Sommernachtstraum“ von Cathy Marston fürs Ballett Zürich

Mit ihrer Inszenierung betritt Ballettdirektorin Cathy Marston Neuland. Sie verschlankt den Shakespeare-Klassiker und peppt ihn nicht nur musikalisch auf.

Zürich, 13/10/2026

Der Rummelplatz ist ein trostloser Ort, auf den nur noch die Abrissmannschaft zu warten scheint. Wenn da nicht der Rummelplatzbesitzer Oberon und sein Diener Puck wären, die an diesem wundersamen Ort unbedingt bleiben wollen, weil er zu ihrem Leben gehört. Unterstützt bei ihrem Kampf werden sie von Rummelplatz-Geistern. Oberons Frau Titania ist bereit für den Aufbruch und will weg, weshalb es zum Streit zwischen den beiden kommt. Während die Abrissmannschaft schläft, treibt Puck mit seinem Zauberstab Schabernack mit den Liebespaaren Helena und Demetrius, Hermia und Lysander, die in den nächtlichen Park eingedrungen sind.

So ganz im Klaren mit der Inszenierung sind bestimmt nicht alle Premierenbesucher*innen, trotz großem Schlussapplaus und den schon zum Ritual gewordenen Standing Ovations. 

Musikalisch wagt Cathy Marston einen Exkurs ins Zeitgenössische. Da Mendelssohns Schauspiel-Komposition nur knapp 50 Minuten dauert, braucht die Choreografie zusätzliches Tonmaterial. Mendelssohns Musik bildet zwar noch immer das Herzstück, eine zentrale Rolle übernimmt aber die Komposition „Concerto for Turntables and Orchestra“ von Gabriel Prokofiev, dem Enkel des großen Komponisten. Klänge davon werden nun live von einem DJ (Mr. Switch ist Meister seines Fachs) live auf Vinyl-Schallplatten vorwärts und rückwärts abgespielt, während das Orchester das ganze Stück spielt. Was sich verwegen anhört, ist es auch. 

Die eigentliche Hauptrolle spielt Puck

Der DJ hat – ein glücklicher Einfall! - einen eigenen Balkon zwischen den Zuschauer*innen im Parterre links erhalten, wo er sowohl den Dirigenten wie die Tanzenden auf der Bühne im Auge behalten kann. Und wir Zuschauenden ihn bei seiner Arbeit mit den Augen begleiten können. Das fast schon unmöglich Scheinende haben er und Robert Houssart als musikalischer Leiter zusammen mit dem Orchester fertiggebracht. Die Scratches und Klanglandschaften verweben sich mit erstaunlicher Leichtigkeit mit der Neukomposition von Prokofiew und den Mendelssohn-Passagen zu einem Ganzen.

Wenn immer Puck sein Unwesen treibt und Chaos unter die Liebenden bringt, werden deren Liebeskratzer durch die Scratches auf den Plattenspielern verstärkt, was dem Stück zu einem unheimlichen Drive verhilft. Denn die eigentliche Hauptrolle spielt Puck, bei Shakespeare ein Kobold, hier eine Art liebenswürdiger Halbstarker, der schon bald seine Untaten bereut und versucht, die Wogen zu glätten. Er wird von dem ausdruckstarken und wandlungsfähigen Lucas van Rensburg getanzt und gestaltet, der erst seit letzter Saison im Ensemble tanzt. Sein Puck ist kein Elferich, sondern ein robuster Diener des Oberon, der sich von ihm selbständig macht und die Liebespaare blind und übermütig durcheinanderbringt. Charles-Louis Yoshiyama als Lysander, Chandler Dalton als Demetrius, Mia Heathcote als Hermia (hingebungsvoll!) und Max Richter als Helena überzeugen in ihren Duetten. Brandon Lawrence gibt einen dämonischen Oberon, der immer menschlichere Züge einnimmt, und Nancy Osbaldestone eine formschöne und selbstsichere Titania. 

Die Abrissmannschaft (im Originalstück die Handwerker, die ein Stück proben sollten) bewegt sich slapstickhaft. Sie trägt Tattoos mit Liebeszeichen am Körper und klobige Schuhe an den Füßen und unterstützt ihren Puck mit rasantem Street Dance. Beim fröhlichen Finale tanzen sie wie schwarze Schwänchen in Tutus. Bei den Liebespaaren bleib Cathy Marston bei klassisch ausgewogenen Schrittfolgen, mit vielen Hebungen und Spreizungen, die Frauen tanzen auf Spitze und wirken eher brav.

Pferdekarussell und Hula-Hoop-Reifen

Bühnenbild und Kostüme ganz in Grau-Schwarz stammen von Richard Hudson. Die Bühne im ersten Akt wird dominiert von einem riesigen, düsteren Pferdekarussell. Hudsons Vision passt bestens zur Handlung: Wie magisch werden die Kulissen aufgelockert mit farbig aufblitzenden Lichtern und verwandeln sich zu einem „Tunnel of Love“, wenn auf der Bühne gerade die Gefühle aufflackern oder die aufgeweckten Geister in Auto-Scootern auffahren und mit Hula-Hoop-Reifen tanzen.  

Im zweiten Teil gibt es kein komödiantisches Treiben mehr, sondern echte Gefühle. Die Duette der Liebespaare sind deutlich inniger, nicht sexy zwar, aber emotionaler. Vor allem das Duo Titania (formschön Nancy Osbaldeston) mit der verliebten Zettel (Yun-Su Park) aka Sicherheitsinspektorin der Abrissgemeinschaft, die durch Zauber einen Eselskopf erhält, trifft ins Herz. Oder die zärtliche Versöhnung zwischen Oberon und Puck. Puck kann mit seiner Hilfe das Chaos auflösen und alle sind fröhlich und glücklich vereint. Im erstaunlichen Schluss erfährt sogar Puck ein Liebesglück.

Es ist Cathy Marstons mutigste und gewagteste Inszenierung seit ihren Anfängen in Zürich. Und sie verfängt, wenn man nicht an Seh- und Hörgewohnheiten festhält. Sie hat unbeeindruckt von Erwartungshaltungen eine Version aufgegleist, die auch ein jüngeres und mit Shakespeare und Mendelssohn weniger bewandertes Publikum – hoffentlich – ins Opernhaus bringt. Die meisten Vorstellungen sind jedenfalls weit im Voraus ausgebucht. 

 

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