Neue Auszeichnung
Sae Tamura erhält neuen Tanzpreis beim Ballett Dortmund
London im viktorianischen Zeitalter, ein festlicher Abend im Hause der Westenras: Im lichtdurchfluteten Wintergarten prostet man sich zu, tanzt einen beschwingten Walzer, die lebenslustige Lucy (Sae Tamura), Tochter des Hauses, flirtet und verdreht jedem Mann den Kopf. Ihre ernsthafte Freundin Mina (Ekaterine Surmava) verabschiedet traurig ihren Verlobten Jonathan (Luke Talirz). Der junge Anwalt soll einem skurrilen Kunden in Transsilvanien Immobilien in Großbritannien verkaufen. Jonathans Kollege Renfield (Antonio Ferreira) scheiterte an dieser Aufgabe. Mit seltsamen Erschöpfungszuständen kehrte er zurück und lebt nun in der Irrenanstalt.
Bekannt ist: Der Kunde ist nicht nur skurril, sondern obwohl er schon einige hundert Jahre alt ist, eine echte Gefahr. Als Untoter, der seine große Liebe verlor, lebt er von Blut, fürchtet das Tageslicht und Knoblauch und glaubt, in Jonathans Verlobter Mina seine verlorene Liebe wiederzuerkennen. So zieht es ihn und seine Entourage aus Phantomen, Vampirinnen und Vampiren in die britische Hauptstadt. Allein weil er ja Nahrung braucht, hinterlässt er auch dort seine Spuren des Todes, der auch Lucy zum Opfer fällt. Ihr Geliebter (Simon Jones), Professor Van Helsing (Maksym Palamarchuk), der Psychiater Dr. Steward (Damian Huiduc Manolescu) und Jonathan wissen: Auch Mina ist in größter Gefahr. Sie selbst schwankt zwischen Furcht und Anziehung und ist fast bereit, sich Dracula hinzugeben. Doch in diesem vollzieht sich eine Wandlung: Er bittet Mina, ihn – nach bewährter Exorzistenart - zu töten, um den Fluch zu durchbrechen.
Ambivalenz von Grausamkeit und Liebe
Wie „Giselle“ zieht auch Bram Stokers Roman „Dracula“ von 1897 seine Motive noch aus der Epoche der Romantik, in der, als Gegenbewegung zur vernunftbetonten Aufklärung, alles, was mit Wissenschaft und Verstand nicht zu begreifen war, Hochkonjunktur hatte. Dazu gehörten auch die Blutsauger, die Schauer der Angst und Hingabe zugleich hervorriefen. Und das bis heute tun, wenn man an die „Biss“-Romane von Stephenie Meyer und deren Verfilmung denkt, bis heute tun. Und auch Vampire tanzten schon Ballett: Zum ersten Mal 1823 in Paris in der Ballettpantomime „Polichinelle vampire“.
Krzysztof Pastor entschied sich, als er das Ballett für 2018 für das West Australien Ballett schuf, seinen Fokus nicht auf billige Gruseleffekte zu setzen. Der Sieg der Liebe über den grausamen Fluch steht in seinem Ballett im Mittelpunkt. Die Ambivalenz zwischen der Grausamkeit und unendlicher Liebe erweckt er in seiner Hauptfigur zum Leben. Mit einem geschickten Kunstgriff entscheidet sich Pastor, Dracula gleich zweimal auf die Bühne zu schicken. Den jungen, verführerischen, den Javier Cacheiro Alemán geschmeidig und verführerisch tanzt, und den alten Dracula, getanzt von Guillem Rojo i Gallego mit rundem Rücken, vorgezogenen Schultern und viel Dämonie. Das Widersprüchliche verkörpern sie beide. Um die Wechsel zwischen den Zweien nach dem Genuss von frischem Blut dramaturgisch geschickt zu ermöglichen, lässt Pastor seine Titelfigur von zwei Phantomen begleiten. Keigo Muto und Simone Dalè sind wie synchrone, gesichtslose Schatten an Draculas Seite, präzise und scheinbar körperlos. Mit raffinierten Hebungen und Drehungen verwandelt sich so nahezu unbemerkt der kraftlose alte Dracula in den virilen jungen.
Wilde Gelage und unbedarfte Walzer
Die klassisch-akademischen Schritte, die Pastor verwendet, haben alle eins gemeinsam: Niemals sind sie reine Form, immer bringen sie die Handlung voran. Wilde Gelage in Draculas Schloss, unbedarfte Walzer und düstere Choreografien in Zeitlupe wechseln sich mit innigen und kreativen Pas de deux oder Trios ab. Und es gelingt den Dortmunder Tänzer*innen überzeugend, virtuos und selbstverständlich zu tanzenden Geschichtenerzähler*innen zu werden:
Sae Tamura, wenn sie von der unbedarften, lebenslustigen Lucy zur besessenen Furie wird. Ekaterine Surmava, als Mina, die hin- und hergerissen in der letzten Szene in einem nicht enden wollenden Penché mit Dracula fast unter ihrer emotionalen Last zerbricht. António Ferreira, der mit implodierenden Sprüngen und Ports des Bras versucht, in der Rolle des „irren“ Renfield, Mina und die anderen vor Dracula zu warnen – und doch nicht verstanden wird. Oder der völlig verwirrte Jonathan, der von den Gepflogenheiten im Schloss des Grafen sichtlich irritiert ist und den Luke Talirz konsequent wohlerzogen britisch gibt, bis er mit seinem Gastgeber einen verstörenden Tango tanzt.
Was „Dracula“ zu einem Ballett macht, das die Premierenzuschauer*innen in seinen Bann gezogen hat, ist nicht zuletzt die Musik von Wojciech Kilar, die mal düster, mal bedrohlich, mal sorglos eine ideale Basis für die Schritte von Pastor ist.
Phil R. Daniels und Charles Cusick Smith entwarfen das Bühnenbild und die Kostüme. Ispiriert von Caspar David Friedrich und dem Stil des Viktorianischen Zeitalter sparen sie nicht an Details. Transparenzen, Hell- und Dunkeleffekte (Licht: Jon Buswell) lassen manchmal geradezu filmische Effekte entstehen. Ein Rahmen für das Ensemble, das eine düstere Geschichte von Hingabe statt Horror erzählt.
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