„Blind Owl – Blinde Eule“ von Bibiana Jiménez 

Life in Plastic

„Blind Owl – Blinde Eule“ von Bibiana Jiménez in der Tanzfaktur Köln

Ein namenloser Erzähler, ein Mädchen, ein alter Mann und ein Meer aus Plastik: Während die Körper auf der Bühne alles geben, kämpft das Publikum mit der Technik.

Köln, 04/07/2026

Eine nackte Person wird von einer gewaltigen durchsichtigen Haut umschlungen, fast aufgefressen. Die Folie schmiegt sich an den Körper, wird zur zweiten, erstickenden Hülle, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Die Person am Boden erstarrt schließlich in einer embryonalen Haltung, ein leichtes Zittern durchläuft den Körper, ein Bild von einer schutzlosen Neugeburt. In diesem Moment ist die Folie mehr als nur ein Requisit. Sie projiziert gesellschaftliche Kontrolle und innere Beklemmung.

Kampf um Identität

Hier zeigt sich die ganze Wucht der Uraufführung „Blind Owl – Blinde Eule“ der Kompanie XXTanzTheater. Sie wirft uns ohne Vorwarnung in eine Welt der Zersplitterung. Inspiriert von Sadegh Hedayats politisch aufgeladenem Roman über einen Opiumtrip wird in dichten 60 Minuten keine lineare Geschichte erzählt, sondern eine choreografische Halluzination über Identität und patriarchale Strukturen.

Die Bewegungssprache von Daniela Riebesam, Tuong Phuong und Kenji Shinohe wirkt obsessiv in ihren Wiederholungen, etwa von Kopfbewegungen, die fast mechanisch anmuten. Ein Kriechen und Rollen am Boden legt die Zerbrechlichkeit der Figuren offen, ebenso wie jede verkrümmte Hand vor den Augen hier von einer inneren Blindheit erzählt, die tiefer geht als eine Einschränkung des Sichtfeldes. Die kompromisslos präzisen körperlichen Muster erzeugen eine Sogwirkung. Der Kampf um ein „Ich“ ist hier ein Trio aus personifizierten Facetten ein und derselben Figur in drei Verkörperungen.

3D-Geraschel

Die dichte Seherfahrung wird jäh unterbrochen. Worauf vor Beginn des Stücks stolz hingewiesen wurde, wird nun eingelöst. Auftritt: die 3D-Brille. Innovatives Gimmick oder verbringt sich mehr dahinter? Ein kollektives Geraschel geht durch die Reihen – ein bisschen so, als würde im Kino die Popcorn-Runde eingeläutet. Die für die Brillen gestalteten Videoanimationen wirken im Verhältnis zum kraftvollen Tanz eher wie ein visueller Störfaktor. Die Technik will eine Dimension erzwingen, die die Körper der Darstellenden längst vermittelt haben. Vielleicht auch deshalb lassen schon beim zweiten Mal die meisten Zuschauenden ihre Brillen auf den Knien liegen. Der Blick will zurück zu den atmenden Körpern auf der Bühne. Dort peitscht die Musik das Geschehen voran. Der Wechsel zwischen sanftem Klavier und einem stressigen, fast unangenehmen lauten Beat tut weh. Er untermalt den Stress der erzählten Identitätsauflösung akustisch. Das ist nichts für schwache Nerven, aber konsequent. 

Vor der Brille, unter der Haut

Das XXTanzTheater unter der Leitung von Bibiana Jiménez steht seit zehn Jahren für feministisch motiviertes politisches Tanztheater. Die für ihre Arbeit mit dem Kölner Tanztheaterpreis ausgezeichnete Choreografin ist bekannt dafür, Machtstrukturen radikal zu befragen. Auch in „Blind owl“ blitzt dieser Anspruch auf, wenn Identität als ein fragiler, durch gesellschaftliche Kontrolle geformter Prozess gezeigt wird. Leider verdeckt dieses Mal der massive Input aus Sound, 3D-Animationen und literarischer Schwere ein gutes Stück weit das, was eigentlich im Mittelpunkt stehen könnte: die starke tänzerische Performance von Riebesam, Phuong und Shinohe.

So steht am Ende der 60 Minuten vor allem die Einsicht, dass der Mensch im Raum bei allen technisch verlockenden Möglichkeiten womöglich doch die stärkste politische Aussage ist. Auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht mehr Mut braucht, wieder „einfach“ auf die eigene, multidimensionale Körperlichkeit zu vertrauen. Denn wahre Tiefe entsteht nicht vor der Brille, sondern unter der Haut.

 

Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW

Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts „Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW“, einer Kooperation von tanznetz mit dem Masterstudiengang Tanzwissenschaft des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz (ZZT) an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und dem nrw landesbuero tanz.

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