Schaut auf dieses Dorf!
Das Origen Festival in Riom beeindruckt auch diesen Sommer mit Uraufführungen
Das Publikum strömt zum Start des Origen Tanzfestivals zahlreich nach Riom. In diesem Jahr werden acht Uraufführungen innerhalb von nur drei Wochen auf den Bühnen in der Burg und der Clavadeira von Riom und der Remise in Mulegns gezeigt. Nach dem Auftakt von Lucas Valente und Sébastien Bertaud folgen in den kommenden zwei Wochen Ilya Jivoy, Robert Robinson, Brice Asnar, Andrey Kaydanovskiy, Nicola Wills und Maša Kolar. Wie in jedem Jahr erhalten die Choreograf*innen einen thematischen Inspirationsanstoß; in diesem Jahr ist es „Rom“. Die römische Geschichte ist omnipräsent im Surses, der über 300 km² großen alpinen Region, in der auch Riom liegt.
Something is cooking
Mit „Panem et Circenses“ ist der Brasilianer Lucas Valente zum vierten Mal Gast bei Origen.
An der steinernen Wand des alten Gemäuers der Burg Riom sind hölzerne Tische bestückt mit diversen Küchenutensilien und einer Kochplatte, davor ein Tisch, an dem während des Einlasses Meiri Maeda, Inara Wheeler, Michelle Willems (alle vom Staatsballett Berlin) eifrig beschäftigt sind: Ein Rezept wird studiert, Tomaten geschnitten, Teig geknetet und geformt.
Nachdem letzterer ruhen darf, starten die Tänzerinnen in die Verarbeitung von unfassbar viel Bewegungsmaterial, dessen choreografische Rezeptur man gerne entschlüsseln können würde, doch die Zutatenliste geht ins Unendliche. In stupendem Licht von Lukas Marian ist der Tisch für die Tänzerinnen die Bühne auf der Bühne. Auf, hinter und um ihn agieren sie zu dritt, allein, zu zweit. Zwischendurch stellen Meiri Maeda und Michelle Willems mit einer Pastamaschine Spaghetti her, im Hintergrund köchelt die Sauce. Hier geht es um kulturelles Erbe, Weitergabe von Wissen, es hat etwas verschwörerisch Rituelles. Und vielleicht auch um einen Blick in die Zukunft, den Inara Wheeler kartenlegend zu ergründen sucht (eine Szene, die sich wie die Anfangssequenz etwas zieht). Und auch um ein Erbe im Tanz vom Spitzenschuh bis zu Sneakers und High Heels, die alle zum Einsatz kommen.
Lucas Valentes Stil in einem Adjektiv zu kondensieren ist unmöglich. Er schafft es immer wieder, mit reduzierten, kleinteilig-vertrackten Bewegungsabläufen zu verblüffen, hier vor allem für die Oberkörper. Hut ab, wie die drei fantastischen Tänzerinnen dieses dauerbewegte, physische Puzzle kongenial im Sog und Rhythmus der eklektischen Musikauswahl meistern. Pünktlich zum Schluss des Stücks ist die verführerisch duftende Pasta fertig, die drei hauen ordentlich rein, auch noch stimmlich. „Panem et Circenses“ ist wieder mal ein Werk von Lucas Valente, in dem sich Fantasie und Präzision die Hand geben. Und das auf verdiente Begeisterung stößt.
Glanz der Pariser Oper
Der französische Choreograf Sébastien Bertaud ist Stammgast bei Origen. Mit „Dido und Aeneas“ schenkt er dem Publikum am Abend in der bis auf den letzten Platz gefüllten Clavadeira erneut das exklusive Erleben einer illustren Abordnung der Pariser Oper: Première Danseuse Silvia Saint-Martin, Premier Danseur Pablo Legasa und sowie Adèle Belem und Mario Rubio. Auf grünem Boden, unter hängenden Lichtröhren (Licht: Adriana Carlota Bewert) und mit drei – eher unnötigen - transparenten Säulenfragmenten entfaltet sich zu Purcells Musik ein Werk, das Elegie und Schönheit zelebriert und immer wieder mit kleinen unerwarteten Brüchen in der Choreografie aufwartet. Mit neonfarbenen Kostümen, die Damen mit quietschbunten Perücken und barfuß, kommt es kesser daher als Bertauds letztjährige Werke für Origen. Gelegentlich verliert es sich in sich selbst, ist aber mit den großartigen Tänzer*innen, deren hohe klassische Schule so unverkennbar ist, Augenweide und Erlebnis.
Tanz im Hochgebirge
Es bedurfte seitens des Origens Team vermutlich Feldherren-Logistik, um ein Freilichtspiel in 2300 Meter Höhe auf dem Julierpass zu ermöglichen. Bereits seit Anfang Juli ist dort „Hannibal“, das längst ausverkaufte Stück des Origen Intendanten Giovanni Netzer, zu sehen. Es bietet grandiose Unterhaltung, spielt gleichzeitig tiefgründig auf das aktuelle Kräftemessen der Großmächte an und ruft in Erinnerung, dass Theater erst seit wenigen Jahrhunderten in Innenräumen stattfindet.
Vor einem imposanten, mit einem Planen-Dach bedeckten und an einer Seite komplett offenen hölzernen Zeltgebäude, entspinnt sich das Stück um den karthagischen Feldherrn und sein Heer, das in einem Zeltlager auf einem Alpenpass des Abstiegs nach Italien harrt – Feinde in Sichtweite. Vor der Zuschauertribüne erstreckt sich zwar eine Bühne, doch das Spiel ist entgrenzt – in was für einer Kulisse! Es erstreckt sich hunderte Meter weit in das karge und felsige Terrain des Hochgebirges, in dem sich 13 professionelle Tänzer*innen und neun Amateure darstellerisch stark und bei allen Wetterlagen im wahrsten Sinne des Wortes auspowern. Die phänomenalen Kostüme von Martin Leuthold und Lucia Netzer-Peduzzi und ihrem Atelier verstärken den Eindruck des Archaischen. Inszenierung und Choreografie sind groß und gestisch, die Musik von Lorenz Dangel und Ori Lichtik effektvoll. Es gibt Kampfszenen, Anklänge an die Handwerker-Szenen aus dem „Sommernachtstraum“, und auch eine Prise Romantik fehlt nicht. „Hannibal“ dürfte allen, die es, eingemummelt in Daunenjacken und Decken, erleben können, als atemberaubendes Theatererlebnis in Erinnerung bleiben.
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