Auf dem Karussell
Anna Till zeigt in der Residenz Leipzig ein tänzerisches Nachdenken über das „Kreisen“
Performances im Stadtraum sind so normal geworden, dass nicht mal mehr die Rede davon sein kann, das hätte „Konjunktur“. Die Befreiung aus dem „Bühnenrahmen“ atmet diese Mischung aus Offenheit und neuen Perspektiven. Dabei braucht es auch keine Neuerfindung des Rads. Auch der Raum, den Anna Till / situation productions auf und neben der Hauptstraße rund um das Dresdner Societaetstheater bespielen, ist kein neuer. Schon vor sechs Jahren haben ihn die go plastic company mit „Asphaltwelten. Part 1“ bespielt.
Liefen die Zuschauer*innen damals mit Kopfhörern für den atmosphärischen Sound zwischen den Bäumen durch, nimmt „Impossible Horizons“ die tatsächlichen Umgebungsgeräusche als Hintergrund. Für alle Beteiligten gilt: Das ist ein silent walk. Es geht darum, mit allen Sinnen die Stadt aufzunehmen. Nur in einer Szene, am zentralen Brunnen, gibt es die kurze Einspielung einer weiblichen Stimme, die beschreibt, was ihr ihre Wohnung bedeutet: eine zweite Haut, ein Ort der Zugehörigkeit, ein Ort, an dem alles in Ordnung ist. Sie selbst war nach eigenen Angaben fast ein Jahr obdachlos.
Genau das ist der Punkt von „Impossible Horizons“. Was bedeutet der eigene Raum in der Stadt? Wo liegen dessen Grenzen? Und wem öffnet man seine Tür? Der Blick der Zuschauer*innen wandert dabei immer wieder entlang der Fassaden, der Fenster und Balkone. Das führt über verschiedene Stationen, für die das Publikum in zwei Gruppen geteilt wird. Durch den Garten hinter dem Societaetstheater, über Innenhöfe, Spielplätze, das Dach des Theaters und sogar die Lobby eines Hotels. Selbst, wenn man die Stadt kennt, staunt man angesichts der Stille, die einen umfängt, biegt man nur einmal ab von der belebten Fußgängerzone. Zwischendurch treffen die beiden Besucher*innengruppen aufeinander. Und gehen dann doch wieder getrennte Wege. So ist das eben im Leben.
Zwischendurch verweisen große Schilder immer wieder auf Gedanken, die sich auf die eigene Behausung beziehen. „Schuhe an“, „Fenster zu“, „Los“. Und alles auch auf Tschechisch, denn Ende des Monats läuft die Performance durch Prag.
Je länger man den insgesamt fünf Performer*innen zuschaut, desto deutlicher wird, dass bei solchen Arbeiten weniger der choreografische Ansatz von Bedeutung ist. Vielmehr ist es die Wirkung im Raum, die zwangsläufig eine ganz andere ist als die übliche Bühnen-Perspektive. Entschleunigung und Bewusstmachung tun dabei auch noch das Ihrige.
Unerwartete Begegnungen
Das schärft die Sinne. Spielende Kinder bleiben von der Gruppe der schweigenden Erwachsenen erstaunlich unbeeindruckt. Auf dem Spielplatz machen sie kurz Platz an der Tischtennisplatte, verziehen keine Miene. Alles selbstverständlich. Es dauert auch nicht lange, bis sie wieder die Kelle zur Hand nehmen können. Begegnungen sind flüchtig. In der Hotellobby touchiert eine Performerin am Empfang unbeabsichtigt eine unbeteiligte Dame. „Danke! Bissel aufpassen, näh?!“, ist die schroffe Antwort. Kunst trifft Leben. Herzlich willkommen!
Nach einer Stunde kommen beide Gruppen in der Tagesbar Löwe wieder zusammen. Im deren Wintergarten zwitschern Vögel aus den Lautsprechern. Draußen hört man keine. Die Zuschauer*innen sitzen auf Stühlen, die nach außen gerichtet sind. Es wird eng. Da ist klar: Wer im Glashaus sitzt, sollte nach draußen gucken. Das ist so ungewohnt wie merkwürdig. Als würde man sonst nie aus dem Fenster schauen. Man fragt sich, wie das von außen betrachtet wirkt. Die Performer*innen agieren vor den bodentiefen Fenstern. Wer schaut da jetzt wem zu?
In der stickigen Wärme flüstert es aus dem Lautsprecher: Wenn deine Wohnung eine Pflanze wäre, welche wäre sie? Ein Gänseblümchen, hört man da: unscheinbar, aber gemütlich. Eine Sukkulente, schmucklos. So treiben die Gedanken dahin, während die Performer*innen sich immer weiter entfernen, irgendwann kann man sie nur noch dank ihrer grellen pink/orangen Kostüme ausmachen. Und dann sind sie Teil des Ganzen da draußen geworden.
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