„POROUS MATTER“ von Anna Anderegg

Nah’ dran

Anna Anderegg mit „POROUS MATTER“ beim Zürcher Theaterspektakel

In einem spannenden, universitären Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft wird der von Mikro-Organismen durchsetzte menschliche Körper erkundet. Doch dann kommt das Anthropozän...

Zürich, 28/08/2026

Als mit 15minütiger Verspätung das mehr oder weniger geduldige Publikum endlich in den Vorraum des Lichthofes am Campus Irchel der Universität Zürich eingelassen wird, steigt die Spannung vorerst nur langsam. Zunächst gibt es Informationen zu unserem Verhalten: Wir sollen im Kreis um die Performenden am Boden sitzen, so nahe dran wie möglich. Wenn diese dann den Innenkreis verlassen würden, sollen wir aufstehen und ihnen folgen, respektive sie umkreisen.

„POROUS MATTER“, zu deutsch poröse Materie, zielt auf die Durchlässigkeit des (menschlichen) Körpers und ist ein von langer Hand angelegtes interdisziplinären Projekt eines Teams von Wissenschaftler*innen und Künstler*innen. Die Kooperation zwischen der Schweizer Tänzerin und Choreografin Anna Anderegg und des Art x Science Office der Universität Zürich hat in einer oszillierenden, faszinierenden, aber auch Geist und Körper des Publikum beanspruchenden Performance im Rahmen des Theater Spektakels eine Form gefunden. Der menschliche Körper, so das Thema, ist bevölkert von Mikroben, Pilzen und Zellkolonien, die unser Dasein prägen.

Stimmungsvolle Atmosphäre

Zuerst ist im großen Lichtsaal aber nochmals Geduld angesagt. Die fünf in bunten, anliegenden Kostümen gekleideten Performer*innen sitzen, stehen oder liegen innerhalb einer kreisförmigen Bühnenfläche. Zwischen (kabellosen) Leuchtstäben und dreieckigen Spiegelversatzstücken beginnen sie sich in Zeitlupentempo zu bewegen. Einzelne weitere Lichtquellen beleuchten nur vereinzelt und gezielt die Szenerie. Meist ist es dunkel bis düster im Saal, mal nur durch die Stirnlampen der Performenden erhellt. Die im großen Raum verteilten Raumklänge erschaffen eine stimmungsvolle Atmosphäre. Die Spannung steigt.

Die Körper rucken und zucken und die Frage stellt sich: Kann das ambitiöse Vorhaben gelingen? Ist das Ganze nicht zu kopflastig? Was sollen, was können wir daraus lernen? Im Laufe der einstündigen Performance wird aus der Bedeutungsschwere ein immersives – nicht interaktives! – Erlebnis. Das Geschehen geht langsam aber sicher „under the skin“, wie aus den Lautsprechern tönt.

Auch inhaltlich nah’ dran

Die sorgfältige, aber abstrakte Perfomance ist nicht nur räumlich, sondern auch inhaltlich immer „nah’ dran“. Wir bewegen uns mit den sich im Raum verteilenden Performenden, unter Ihnen auch die Choreografin Anna Anderegg. Wir werden so selber zu einem Makro-Organismus. Winzige Mikro-Organismen erscheinen auf den (ebenfalls kabellosen) Screens, welche die Tänzerinnen nicht nur mit sich herumtragen, sondern sich geradezu einverleiben. „Mushrooms eat corps“, ertönt es da treffend. Wie eine lebendige Membran verändert sich der Raum. Aus den winzigen Organismen werden Lebewesen. Bis zum Schluss im Kreis nur noch die Technik übrigbleibt. Die Lebewesen sind aber unter uns.

Das groß angelegte Projekt hat seine visuelle, ästhetische Wirkung entfaltet. Auch der technische, aber nicht aufdringliche Aufwand hat sich gelohnt. „POROUS MATTER“ hallt nach und ist nicht einfach zu verdauen. Mehr zu erfahren ist dann direkt von der wissenschaftlichen Kuratorin Katharina Weikl und Anna Anderegg:

Wissenschaftlicher Austausch

Die ersten Gespräche zwischen den Beiden fanden 2023 statt, so Weikl. Der richtige Start war dann Ende 2024 mit dem Fokus, den Körper als poröse Materie zu verstehen. Ein intensiver Austausch mit Forschenden aus den Bereichen Evolutionsbiologie, Dermatologie, Mikrobiologie und Professor*innen zum Perspektivenwechsel in der Geschichte des Anthropozän folgte. Die erste Aufführung fand 2025 in Biel statt. Es ging nicht um greifbare „Resultate“ im Sinne von wissenschaftlichen Fakten, sondern um neue Perspektiven zu entwickeln – immer im Dialog von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft.

Der Choreografin Anderegg war es wichtig, „den Körper als Landschaft, geprägt von vielen anderen Spezies, als Ort zu verstehen und neu zu entdecken.“ Zum wohlgelungenen und stark applaudierten Schluss meint sie: „Wir wollten nicht mit der anthropozänen Zerstörung enden, zum anderen aber auch nicht mit einem aufgesetzten Ende. Schlussendlich sind wir bei Ehrfurcht und Empathie gelandet – für alles, was da war, und für alles, was noch da und schützenswert ist.“ Bravo.

 

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