Strandleben, Sternenhimmel und Slapstick
Dreimal Jerome Robbins an einem Abend im Palais Garnier
Das Verb kuratieren liest sich hoheitsvoll, verantwortungsbewusst und dem Gegenstand, der kuratiert werden soll, auf wissende Weise verbunden. Einen mehrteiligen Tanzabend sinnhaft zu kuratieren ist eine Kunst für sich. Gleichzeitig offenbart jede Zusammenstellung auch die künstlerische Haltung des Verantwortlichen. Wie ein offenes Buch erweisen sich da Dramaturgie und Absicht.
Im Fall der jüngsten Premiere des Wiener Staatsballetts unter Alessandra Ferri mag einem nachsichtig immerhin ein Grund einfallen, warum man sich diesen choreografisch seichten Abend mit „Interplay“ von Jerome Robbins (Morton Gould;1945), „Dispatch duet“ (Ted Hearne; 2022) von Pam Tanowitz, „Each in their own time“ (Brahms; 2021) von Lar Lubovitch und „Let me mingle tears with thee“ (Stabat mater, Pergolesi; 2023) von Jessica Lang zu Gemüte führen kann. Der liegt klarerweise auf der Hand und hat, Jahrzehnte nach seiner Uraufführung, vor allem einen historischen Wert: Robbins‘ heiteres Nachkriegsballett „Interplay“. Es macht dank des Drives, den das Volksopernorchester unter Robert Reimer an diesem Abend mit Morton Goulds anfeuernder „American Concertette“ versprüht, den Auftakt. Es ließe sich seitens der Tänzer*innen absichtsvoller und „knalliger“ seinem Publikum „verkaufen“, da es sich um unterhaltsame Neoklassik pur mit manchem Hüftwackler und hochgerecktem, abgewinkeltem Arm handelt: Junge Leute von damals, die Spaß miteinander hatten.
Verflacht und uninteressant
Danach aber verflacht die Programmierung wegen uninteressanter, für einen Export in eine Hauptstadt wenig geeigneter Choreografie, und macht den Kopf frei für Assoziationen: Wann war der letzte tatsächlich große neoklassische amerikanische Beitrag einer in den USA lebenden Choreograf*in? William Forsythe als Antwort zählt hier nicht, hatte er doch Stuttgart, Wien und Frankfurt bereits „ergriffen“. Also eher Balanchine, streng eine Karte gezogen in diesem intuitiven Quiz: „Agon“ (Strawinsky, 1957), eine plausible Möglichkeit, dann seine „Symphony in three movements“ (Strawinsky, 1972).
War Lar Lubovitchs erfolgreiche Zeit nicht in den 1980er Jahren gewesen und da vor allem von lokaler Bedeutung? Haben uns Europeans seither nicht und auch bereits davor doch vor allem Vertreter*innen nichtklassischer in den USA entstandener Kunst begeistert? Wie Merce Cunningham, Trisha Brown, Lucinda Childs, auch Mark Morris. Werkkataloge, in denen immer wieder auch klassisch-trainierte Ensembles, so auch in Wien, zuletzt unter Martin Schläpfer, fündig werden.
Werden junge Choreograf*innen zu wenig für eine innovative Auseinandersetzung mit klassischem Vokabular in Staatstheater-Ensembles angefragt? Dürfen Uraufführungen künstlerisch nicht mehr scheitern? Klammern sich künstlerisch offenere Ensembles als Wien deshalb derzeit vor allem an Sharon Eyal, Marcos Morau – Publikumserfolg garantiert – oder erhaschen mit Überzeugung ein Werk von Schwergewicht Crystal Pite? Viele Fragen in einer Zeit, in der Sparen auch an den österreichischen Theatern angesagt ist und jede Ausgabe der Steuergelder, dieses Mal Robbins & Co., mit weitem, künstlerischen Horizont auch ganz genau überlegt sein will.
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