Kampfunfähig
War die Tanzplattform zu harmlos für diese Zeiten?
Kölns freie Tanzszene ist wütend und das nicht ohne Grund. Aus jahrelang geschmiedeten Plänen eines von den städtischen Bühnen und der freien Szene zusammen genutzten Tanzhauses wird erstmal nichts. Stattdessen wird die ehemalige Interimsspielstätte der Bühnen Köln, das Depot mit einem großen und einem kleinen Saal, jetzt vollständig an den Kölner Unternehmer Frank Blase und seine Firma Apiro Entertainment vermieten, der dort ein Musicaltheater installieren will. Ab November soll hier das Fußball-Musical „Kick Like a Woman“ laufen. Das groß angekündigte Projekt eines Tanzhauses für Köln, das endlich der Relevanz der freien Szene entspricht und entsprechende Proben- und Aufführungsmöglichkeiten bietet, ist damit Geschichte. Statt des großen Wurfes gibt es nur eine Klein-Kölner Lösung.
Vertane Chance
„Mit dem Kooperationshaus hätte Köln die einmalige Chance gehabt, eine neue, bundesweit beispielhafte Struktur für die Zusammenarbeit von Stadt und freier Szene zu schaffen. Diese Chance wird nun aufgegeben – und die finanziellen Folgen der Sparmaßnahmen der Bühnen drohen vor allem diejenigen zu treffen, die ohnehin über die geringsten strukturellen Ressourcen verfügen: die freie Szene“, heißt es in einer Stellungnahme des Vereins Darstellende Künste und des Kölner Kulturnetz als Vertreter*innen der freien Szene, und sie drücken damit die Frustration über das Ende des Projekts aus, an dem Szenevertreter*innen, Mitglieder der Bühnen und der Kulturpolitik lange getüftelt hatten.
Dabei hatte es lange gut ausgesehen, 2023 gab es sogar einen entsprechenden Stadtratsbeschluss: Die Bühnen Köln hätten das Depot weiter gehalten und die freie Szene hätte es nutzen können. Doch Unternehmer Blase, ohnehin gut vernetzt in die Kölner Politik, konnte mit einem großen Batzen Geld überzeugen. Zudem berichtet der Kölner Stadtanzeiger, dass er die freie Kultur über zehn Jahre mit insgesamt zehn Millionen Euro unterstützen möchte. Diese soll dann auch in der kleinen Bühne des Depots spielen können, im Raum stehen wohl 45 Termine pro Jahr. Für die Bühnen Köln war der Weiterbetrieb des Depots mit 500.000 Euro veranschlagt. Die können jetzt auf Kosten der freien Szene eingespart werden, wobei das gesamte Sparvolumen, das die Bühnen erbringen sollen, bei etwa sieben Millionen Euro liegt.
Neue Strukturen müssen her - vielleicht als Stiftung?
Die Vertreter der freien Szene fordern, dass die halbe Million des Theaters unbedingt für die freie Szene erhalten bleiben und stellen zu dem zusätzlichen privaten Geld fest: „Ebenso müssen die von Frank Blase zugesagten eine Million Euro vollständig für die Entwicklung und Stärkung der freien Szene eingesetzt werden. Sie dürfen nicht bestehende Förderungen oder notwendige öffentliche Finanzierung ersetzen. Es geht damit nicht um eine bloße finanzielle Kompensation für den Wegfall des Kooperationshauses.“ Es gehe um die Frage, ob Köln die jetzt entstehenden Mittel nutzt, um tatsächlich neue Strukturen, neue Möglichkeiten und langfristige Entwicklungsperspektiven für die freie Szene zu entwickeln und sie bringen die Schaffung einer entsprechenden Stiftung ins Spiel. Der nun veröffentlichte Brief will die Entscheidung komplett auf den Prüfstand stellen.
DOKUMENTATION: Offener Brief der Initiative Erhalt Kooperationshaus Depot in Köln-Mülheim
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Herr Kulturdezernent,
sehr geehrte Mitglieder des Rats der Stadt Köln,
sehr geehrte Mitglieder des Kultur- und Betriebsausschusses Bühnen der Stadt Köln,
wir sind schockiert, dass die Stadt Köln sich entgegen des Ratsbeschlusses (1126/2023) aus der Trägerschaft und dem Betrieb des Kunst- und Kulturortes Depot in Köln-Mülheim zurückziehen möchte. Die jahrelange Arbeit und die enormen Ressourcen, die Zivilgesellschaft, Theater- und Kunstschaffende sowie Engagierte in Mülheim in diesen Ort investiert haben, wurde mit einem Federstrich entwertet. Nach intransparenten Verhandlungen hinter verschlossener Tür kündigt die Stadt ihren eigenen Ratsbeschluss auf und ordnet somit demokratisch legitimierte Kulturpolitik einem privatwirtschaftlichen, kommerziellen Musical-Angebot unter. Das zeigt, wie wenig Achtung demokratischen Prozessen und zivilgesellschaftlichem Engagement in Köln entgegengebracht wird.
Köln braucht diesen Ort, weil
Wir fordern:
Mit freundlichen Grüßen
Initiative Erhalt Kooperationshaus Depot in Köln-Mülheim
Noch keine Beiträge
basierend auf den Schlüsselwörtern
Bitte anmelden um Kommentare zu schreiben