„Die Kameliendame“ von John Neumeier. Tanz: Olga Esina und Brendan Saye, Wiener Staatsballett

„Die Kameliendame“ von John Neumeier. Tanz: Olga Esina und Brendan Saye, Wiener Staatsballett

Und dann strömt die Emotion doch

Das Wiener Staatsballett tanzt John Neumeiers legendäres Ballett „Die Kameliendame“

1978 in Stuttgart uraufgeführt, ist dieser vor allem durch Marcia Haydée in der Titelrolle in die Tanz-Geschichte eingegangene Klassiker heute im Repertoire von zahlreichen internationalen Ensembles. In Wien fällt die Besetzung der Hauptpartien Marguerite und Armand nicht leicht.

Wien, 27/03/2024

John Neumeier – der Ausnahmechoreograf — der von Hamburg aus ein halbes Jahrhundert lang sämtliche wichtige Ballettbühnen der Welt mit seinen Produktionen erreicht und beglückt hat, ist auch an der Wiener Staatsoper ein Vielgefeierter. Die Zahl seines kürzlich begangenen halbrunden Geburtstags braucht man nicht anführen; seine jugendliche Elastizität, der übrigens sein gleichaltriger Wien-Entdecker Gerhard Brunner um nichts nachsteht, gepaart mit den haarscharfen Erläuterungen für die Tänzer*innen, vor allem warum etwas wie erfühlt und daher auch entsprechend ausschauen sollte, sind präzise und eine faszinierend intensive Anleitung auch für die Zuschauenden. Zuletzt war das in Wien erfahrbar in der öffentlichen Vormittagsprobe zur „Kameliendame“ auf der Bühne mit dem Hauptpaar seiner B-Premiere Olga Esina und Brendan Saye.

Insofern ist jeder der Neumeierschen Arbeitsaufenthalte in Wien intensiv und fruchtbar und das seit 1977, damals begann die Zusammenarbeit mit der Neuinszenierung (und nicht Uraufführung wie im Programmheft steht) der hier seit 1922 einen besonderen Stellenwert einnehmenden „Josephs Legende“ von Richard Strauss mit Judith Jamison, Kevin Haigen und Karl Musil. Dem folgten bald das Gluck-Ballett „Don Juan“ mit Susanne Kirnbauer, ein fesselnder Zweiteiler mit „Daphnis und Chloë“ und der Wiener Neuinszenierung von „Der Feuervogel“ mit Lynne Charles, Anthony Dowell und Gabriele Haslinger, Lorin Maazel am Pult; „Ein Sommernachtstraum“ und acht weitere Choreografien, die Beiträge zu den Nurejew-Galen nicht mitgerechnet. Trotz längerer zeitlicher Abstände mag man John Neumeiers Anwesenheiten an der Donau als jeweils essenziell für die Verfasstheit des Ensembles bezeichnen, das ausschließlich profitieren kann: für die nötige Alertheit, für Timing und Musikalität, die Gewärtigkeit mit Anderen auf der Bühne, für die Tanztechnik sowieso und für das sich Zutrauen von emotionaler also auch „unschöner“ weil wahrhaftig empfundener Gestaltung und der Artikulierung derselben, die nichts mit traditioneller Ballett-Pantomime zu tun hat.

Gleich drei Experten hat Neumeier dieses Mal für die extrem komplexe Einstudierung vorausgeschickt: Kevin Haigen, Janusz Mazon und zuletzt noch Ivan Urban. Vieles musste wieder bzw. neu erlernt werden, darunter Neumeiers extrem schwierige Hebefiguren. Mit drei unterschiedlichen Premieren-Besetzungen, ganz in der Hamburger Tradition, wartet der Dreistünder nun in Wien auf.

Neumeier hält sich an den Roman „La dame aux camélias“ von Alexandre Dumas fils (1848), nicht an dessen spätere Bühnenfassung. Er begreift die literarische Schilderung dieses tragischen Verhältnisses zwischen der Lebedame Marguerite Gautier und ihrem verliebten Armand als eine nie direkt erzählte. Es sind Erinnerungen, Gedanken, die wie filmisch angelegt, aus unterschiedlicher Perspektive den Lesenden erreichen. Insofern ist es John Neumeier auch nahezu ideal gelungen, die filmische Überblendungen suggerierende Literatur in einer ähnlichen Weise, auf jeden Fall mit einer bühnentechnisch verständlichen ausgeklügelten Methode der Rückblenden, durchzogen von „gegenwärtigen“ Szenen von der Auktion des Vermögens der Kurtisane nach ihrem Tod an Schwindsucht auf die Bühne zu bringen. Der Dramaturg Neumeier lässt es sich dabei nicht nehmen, etwa einen zusammengerollten Teppich aus Gautiers Haushalt den ganzen Abend auf der Vorbühne stehen zu lassen, die Sicht aus der scheinbaren Gegenwart bleibt immer gewahrt. Dass ihn Ballett im Ballett gereizt hat, wundert bei Neumeiers Vorliebe für Finessen und manchmal Skurrilitäten, die auch schon einmal zu viel werden können, nicht. Die Beziehung von Manon Lescaut und dem Chevalier Des Grieux, die bei Dumas erwähnt wird, spiegelt bei Neumeier, getanzt von einem spätbarocken gewandeten Paar, das Schicksal von Marguerite und Armand. Das gelang dem in der B-Premiere als Manon und Des Grieux besetzten Paar Kiyoka Hashimoto und Masayu Kimoto auf intensive Weise; dadurch verdeutlichten sich auch die Zusammenhänge mit den Protagonisten. Ein wesentlicher Umstand, der sich am ersten Abend nur schemenhaft eingestellt hatte.

Ein Prolog und drei Akte, zwei Pausen, ein ausführlicher großer Abend des akklamierten Neumeier-Balletts in der Wiener Staatsoper mit der zu Recht vielgelobten kostbaren Ausstattung von Jürgen Rose. Und ja: Natürlich braucht es ein Hauptpaar, das einen zu rühren vermag, sonst zieht das mit vielen kammerballettartigen Szenen gebaute Drama an einem vorbei. Und ja: das mit viel Verve aller Einstudierenden vorbereitete Ensemble wird damit seinen Weg beschreiten und sich eintanzen, es ist eine ausführliche Vorstellungsreihe angesetzt. Bei der A-Premiere mit Ketevan Papava als Marguerite Gautier und Timoor Afshar als Armand Duval mochte man noch mehr von betörendem Chopin unter Markus Lehtinen aus dem Graben (Gast-Pianist Michal Bialk) und abschnittweise auf der Bühne (Igor Zapravdin) als von den Tanzenden gefangen genommen worden sein. 

Das Freitanzen und Sich-Einspielen in diesem umfangreichen Werk, das aber mit scheinbar größter Leichtigkeit, auch in etlichen behutsam inszenierten kleinen Szenen, und größtmöglicher natürlicher Emotionalität des Hauptpaars in an sich hinreißend musikalisch und poetisch (auch schwierig) choreografierten Duos daherkommen soll, sei allen Beteiligten gewünscht. Der Abend lebt nach dieser Anlage erst dann so richtig, wenn Marguerite und Armand einen anrühren. In der B-Premiere war dieses Mitfühlen schon eher da, zwischen der Marguerite der Olga Esina und dem Armand des Brendan Saye, die gewöhnlich beide eher zurückhaltender agieren, entspann sich Liebe, war Verletztheit sichtbar und der Verzicht ein Schmerz. Alternierend besetzt in weiteren Rollen Eno Peci und Marcos Menha als Monsieur Duval, Ioanna Avraam und Alaia Rogers-Maman als Prudence, Elena Bottaro und Eszter Ledán als Olympia, Géraud Wielick und Lourenço Ferreira als Graf N.

Eine der großen Kameliendamen saß im Publikum: Alessandra Ferri (Wiens designierte Ballettdirektorin ab 2025.) Ob sie auch der C-Premiere vergangenen Freitag beigewohnt hat? Da nämlich entfalteten sich emotionale Schübe auf der Bühne der Wiener Staatsoper, im Orchestergraben wieder souverän Markus Lehtinen, dieses Mal aber in Kooperation mit einem weiteren Chopin- und Neumeier-Spezialisten, dem Pianisten Oliver Kern, der stimmig jeweils mit den Tänzer*innen auch zu enden wusste.

In der neuerlich großteils veränderten Besetzung vermochten Elena Bottaro mit ungemeiner Filigranität, Zartheit und Liebreiz als Marguerite Gautier und Davide Dato als zutiefst leidender Armand Duval bereits großen Zwischenapplaus hervorzurufen. Und die tanztechnische Bewältigung? Darüber will man ja dann gar nicht mehr schreiben, wenn ein Duo atmosphärisch so subtil die beredte Choreografie von Neumeier erzählt und selbst die durch die Stoffmassen der Kleider Marguerites oft gefährlich behinderten Hebe- und Dreh- und Verdreh-Aktionen in weiser Voraussicht besonders geprobt waren. Man durfte sich als Zuschauende einfach einlassen in diese dramaturgisch so klug gebaute Rückschau auf die große Liebe in der Vergangenheit. Neu außerdem und köstlich: Giorgio Fourés als Gaston Rieux und Alexandra Liashenko as Prudence Duvernoy sowie Liudmila Konovalova und Alexey Popov als Manon Lescaut und Des Grieux.

 

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