„Beethovens Streichquartett in B-Dur op. 130“ von John Neumeier. Tanz: Almudena Izquierdo, Kieren Bofinger, Giuseppe Conte.

Beethovens Streichquartett in B-Dur op. 130 von John Neumeier. Tanz: Almudena Izquierdo, Kieren Bofinger, Giuseppe Conte.

Neue Gesichter, bekannte Schritte

Das Bundesjugendballett zeigt „Im Aufschwung XIV“

Bis auf eine kurze Kreation von Milla Loock gab es nichts Neues beim Bundesjugendballett, und doch zeigte sich das Bekannte in frischem Gewand: durch sechs neue Mitglieder.

Hamburg, 24/11/2022

Alljährlich zeigt das Bundesjugendballett (BJB) mit der fortlaufend nummerierten Serie von „Im Aufschwung“ den aktuellen Stand seiner Arbeit. Bei der 14. Ausgabe in diesem Jahr bestand Teil 1 des Abends aus „Mahl3“ aus den schon 2015 uraufgeführten „Infinite Identities“ von Wubkje Kuindersma sowie einer neuen Arbeit von Milla Loock, die seit dieser Spielzeit dem Ensemble angehört und im Frühjahr beim „Prix de Lausanne“ mit „Cognition“ den Young Creation Award gewonnen hat, und Neumeiers schon 2012 erarbeiteten Choreografie zu Beethovens Streichquartett in B-Dur op. 130, das als „Work in Progress“ bezeichnet wird (warum auch immer).

„Mahl3“ ist ein melancholisches Stück für eine Frau (Ayumi Kato) und zwei Männer (Moisés Romero und Joao Vitor Santana), die sich begegnen und doch nicht zueinanderkommen. Ebenso nachdenklich „Fear Not“ zu dem Gedicht „Fürchte dich nicht“ von Hilde Domin, eine choreografische Etüde von Milla Loock (selbst Mitglied im BJB), erkennbar geprägt von den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit. Und besinnlich-getragen geht es mit Beethovens Streichquartett weiter, nur im zweiten und vierten Satz (Presto und Allegro assai) kommt in den Ensembles etwas Freude auf. Und man fragt sich schon: Ist das wirklich ein BundesJUGENDballett??

Ja, ist es, wie dann der ca. 50 Minuten umfassende zweite Teil des Abends zeigt. Zwar auch hier nichts Neues, denn „What We Call Growing Up“ alias „BJB Songbook“ wurde schon 2017 aus der Taufe gehoben. Aber hier können die Youngsters endlich zeigen, was in ihnen steckt, und das ist viel. Dieses Songbook besteht aus kurzen Spots verschiedener junger Choreograf*innen (darunter Marc Jubete, ehemaliger Solist beim Hamburg Ballett, Sasha Riva und Sara Ezell, ebenfalls ehemalige Mitglieder der Kompanie, Kristian Lever, früherer Tänzer beim BJB, Raymond Hilbert, Ballettmeister des Ensembles, Yuka Oishi, frühere Solistin des Hamburg Ballett). Einige Stücke hat Ricardo Urbina, Gruppentänzer beim Hamburg Ballett, mit den neuen Mitgliedern des BJB neu einstudiert, wodurch das eine oder andere durch die neuen Gesichter eine andere Prägung erhält. Mit diesen, wie schon in Teil 1 live auf der Bühne begleiteten Stücken kommt endlich Leben auf die Bühne, junges, wildes, aber auch tiefgründiges Leben – so, wie es für junge Menschen normal ist. Die acht famosen Tänzer*innen zeigen sich dabei von ihrer besten Seite – sie sind sowohl technisch als auch im Ausgestalten der jeweiligen Rolle brillant. Das begeistert, das reißt mit.

Weshalb man sich eben doch fragt, warum dieses üppig ausgestattete Ensemble (650.000 Euro vom Bund und 280.000 Euro von der Freien und Hansestadt Hamburg jährlich plus ca. 50.000 Euro Sponsorengelder – mithin also ein Etat von knapp 1 Million Euro) erstens so selten auftritt und zweitens nicht an den Orten, wo die Jugend heute zusammenkommt (das Ernst Deutsch Theater, das bei der Premiere nur zu zwei Drittel besetzt war, gehört nicht dazu). Insgesamt 35 Auftritte in Deutschland (Baden-Baden, Hamburg, Berlin, Otterndorf, Mölln, Jork, Leverkusen, Sylt und Meiningen) sowie in Kapstadt (Südafrika) sind für diese Spielzeit bisher geplant. Auch wenn einige Altersheime, Kindergärten und Schulen dabei sind – warum sind es nicht mehr?

Schauen wir doch mal in den Süden der Republik, wo sich gerade das „zweite Stuttgarter Ballettwunder“ ereignet und wo das Vorbild für dieses soziale Engagement zuhause ist: „Gauthier Dance“, die von Eric Gauthier 2007 mit anfangs sechs Tänzer*innen am Theaterhaus Stuttgart gegründete Kompanie. Von Beginn an gehörte zum Konzept, den Tanz auch an die Orte zu tragen, deren Bewohner*innen normalerweise nicht ins Theater kommen (können): Altersheime, Schulen, Gefängnisse, Pflegeeinrichtungen u.a. „Niemand soll vom Tanz ausgeschlossen sein“, lautet Eric Gauthiers Credo. „Alle haben das Recht, an ihm teilzuhaben. Dafür kämpfe ich.“ Mit Erfolg: Die Zeitschrift „tanz“ hat das Ensemble aufgrund einer Kritiker*innen-Umfrage gerade erst als „Glanzlicht 2022“ ausgezeichnet, Gauthier selbst ist einer von zehn „Wegweisenden“ unter den Tanz-Akteur*innen mit den besten Aussichten.

„Gauthier Dance“, inzwischen auf 16 Tänzer*innen plus 4 Mitglieder von „Gauthier Dance Juniors“ sowie drei Ballettmeister*innen gewachsen, bestreitet 90 Vorstellungen im Jahr plus 35 Auftritte (wenn nicht mehr) in sozialen Einrichtungen. Im Rahmen seines Projektes „Moves for Future“ fährt Gauthier seit kurzem mit einem umgebauten Unimog auf die Pausenhöfe von Stuttgarter Schulen und begeistert Kinder und Jugendliche für den Tanz. Warum? „Während der Corona-Krise und den dazugehörigen Lockdowns haben sich die Kinder viel zu wenig bewegt“, meint er, selbst Vater von drei Kindern. Also bringt er sie wieder in Schwung – und die Kids sind Feuer und Flamme: „Das Feedback ist grandios. Sie reden nur noch vom Tanzen, und sie tanzen jetzt ständig!“

Warum ist so etwas nicht auch dem BJB möglich? Am Geld kann’s doch nicht liegen – Eric Gauthier ist finanziell längst nicht so gut ausgestattet, ihm steht für seine gesamte Kompanie plus drei Mitarbeiter*innen im Artistic Management knapp die Hälfte der öffentlichen Zuschüsse des BJB zur Verfügung. Wäre es nicht gerade die Aufgabe des BUNDESJUGENDballetts, deutschlandweit bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für den Tanz und die Bewegung wieder neu zu wecken? War das nicht auch das Anliegen, das John Neumeier mit der Gründung des BJB im Auge hatte, diese Begegnungen von Mensch zu Mensch durch und mit dem Tanz? Das BJB Songbook – so viel hat der Abend im Ernst Deutsch Theater gezeigt – wäre dafür eine prima Grundlage. Und mit dem Feuer, das in den acht Tänzer*innen steckt, ließen sich vielerorts Funken schlagen – man muss es nur tun.

 

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