„Verklärte Nacht“ von Marijn Rademaker, Tanz: Almudena Izquierdo, Moises Romero

„Verklärte Nacht“ von Marijn Rademaker, Tanz: Almudena Izquierdo, Moises Romero

Wo bleibt das Jugendliche?

„Im Aufschwung XV“ beim Bundesjugendballett

Ein Kommentar zur alljährlichen Präsentation des BJB im Hamburger Ernst Deutsch Theater

Hamburg, 28/11/2023

Es war 2010 so eine gute Idee, ein „Bundesjugendballett“ (BJB) zu gründen, um den Tanz bundesweit der Generation der Teenies näherzubringen, um ihn – wie es Eric Gauthier schon lange vormacht – an Orte zu tragen, die mit Ballett normalerweise wenig zu tun haben: Altersheime, Gefängnisse, Marktplätze, Clubs, Jugendtreffs, Schulen … Und auch wenn das BJB dergleichen immer mal wieder tut, so fragt man sich doch, was diese Crew von Tänzer*innen zwischen 18 und 23 Jahren – abgesehen vom Alter – eigentlich mit Jugend zu tun hat. Angesiedelt ist das BJB in Hamburg im Ballettzentrum von John Neumeier (84), der sich ausbedungen hat, auch nach seinem Abschied aus der Intendanz des Hamburg Ballett im Sommer 2024 das BJB weiter zu führen. Bei ihm und seinem ehemaligen Tänzer Kevin Haigen (69) liegt die künstlerische Leitung. Und man weiß nicht, ob man sich darüber wirklich freuen soll. 

Denn schon seit Jahren – und bei tanznetz immer wieder moniert – bleibt die kleine Kompanie künstlerisch im Althergebrachten hängen, anstatt das Privileg der Jugend zu nutzen: Neues, Innovatives, Ungewohntes, Schwungvolles, Begeisterndes auszuprobieren. Hin und wieder blitzt in den gezeigten Programmen durchaus etwas davon auf, aber in der Mehrzahl bleibt es bei Choreografien, die so gar nicht jugendlich sind, sondern ein eher düsteres, trauriges, schwermütiges Bild tanzender junger Menschen zeichnen. Oder sogar nachgerade peinlich anmuten. Zum Beispiel beim Hamburger Hafengeburtstag (DEM alljährlichen Hamburger Volksfest) am 6. Mai 2023, wo die acht Tänzer*innen auf einer eigens auf dem Heck eines der bulligen Hafenschlepper aufgebauten Plattform neben britischem volkstanzähnlichem Matrosenjux und Disco-Moves zu Musik einer südkoreanischen K-Pop-Band, die eher zu einem Fernseh-Auftritt gepasst hätten, einen Pas-de-Deux-Verschnitt aus Neumeiers „Kleiner Meerjungfrau“ darboten – bei Nieselregen und grau verhangenem Himmel. Das Publikum stand am Ufer und sah außer blinkenden Scheinwerfern … wenig bis gar nichts. Viel zu weit weg dümpelte der Schlepper, mühsam hielten sich die Tänzer*innen einigermaßen auf dem wackeligen Untergrund in der Balance … (nachzusehen auf der Webseite des NRD ab Minute 21:40 bis Minute 38:30, davor pflügen die Hafenschlepper dank ihrer ausgebufften Technik zu Walzermusik durch das brackige Elbwasser). 

Jetzt also im Rahmen der alljährlichen Reihe „Im Aufschwung“ die 15. Ausgabe, wie üblich im Ernst Deutsch Theater mit vier (ausverkauften!) Vorstellungen. Nur: Was soll man dazu sagen? Es gab überwiegend schon längst Bekanntes, darunter „opus 67“ (Raymond Hilbert, 2019), einen Auszug aus „Muted“ (Sasha Riva, 2013), „Totilas – der Ritt“ (Paul Hess, 2016). Etwas neuer ist „Weiße Blätter“, eine Choreografie des BJB-Ballettmeisters Raymond Hilbert zu einem Streichquartett von Samuel Barber nach einem Zitat aus einem Flugblatt der Geschwister Scholl von 1943 („Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt“). Abgesehen von „Totilas“ (einer Parodie auf den legendären schwarzen Dressur-Hengst) ist alles so unglaublich schwer und getragen, dass man schon beim Zusehen schier depressiv werden könnte. Ja, die Zeit ist keine besonders erquickliche. Ja, es gibt Krieg und Zerstörung auf der Welt – mehr als genug. Ja, so etwas darf und muss sich auch im Tanz spiegeln. Aber einen ganzen Abend lang? Muss das wirklich sein? Will man damit Jugendliche und junge Erwachsene für den Tanz begeistern?? 

Das fragt sich umso mehr, als die beiden längsten Stücke ebenfalls ausgesprochen melancholisch daherkommen. Da ist zum einen „Verklärte Nacht“ zur gleichnamigen Musik von Arnold Schönberg (wie fast alle den Tanz begleitende Musik exzellent live gespielt von einem Kammermusik-Ensemble) in einer Choreografie von Marijn Rademaker, dem früheren Ersten Solisten des Stuttgarter Balletts. 2019 hat er seine Bühnenkarriere beendet und arbeitet seither auch als Choreograf. Die „Verklärte Nacht“ entstand schon im Frühjahr 2021 als Video für das Ballett Dortmund, wo es nur 24 Stunden lang online verfügbar war. Jetzt hat Rademaker das Stück für das BJB und für die Bühne überarbeitet. Es wird dadurch leider nicht besser. Die Musik ist schon für sich genommen ausgesprochen langatmig. Und so ist auch das Ballett – es dehnt sich wie Kaugummi. Nicht nur einmal fragt man sich, was der Künstler uns wohl damit sagen möchte. Die Handlung nach einem Gedicht von Richard Dehmel aus 1896 (eine junge Frau geht mit ihrem Mann spazieren, muss ihm jedoch gestehen, dass sie von einem anderen schwanger ist, große Unsicherheit beiderseits, bis sich der Mann dazu durchringt, den Nachwuchs wie seinen eigenen zu akzeptieren …) erschließt sich erst, wenn man sie sich ergoogelt – Erläuterungen dazu gibt der dürftige Programmzettel nicht her. Und so sitzt man mehr oder weniger ratlos vor diesem halbstündigen Opus für zwei Tänzer und eine Tänzerin und weiß nichts so recht damit anzufangen. 

Da ist zum zweiten „In the Blue Garden“ von John Neumeier aus 1994 (das schon seit 2014 zum Repertoire des BJB gehört), ein an sich wunderschönes Stück mit viel Seele, das jedoch voraussetzt, dass die Tänzer*innen schon über eine gehörige Portion Lebenserfahrung verfügen, um die Nachdenklichkeit und Poesie des Stückes wirklich spiegeln zu können. Das gelingt hier nur Marijn Rademaker, der aus diesem Anlass als Gast noch einmal auf die Bühne zurückgekehrt ist. Das BJB tanzt dieses schwierige Stück technisch einwandfrei, aber man kann von diesen jungen Menschen nicht verlangen, dass sie es auch in der gebotenen Tiefe so ausloten, wie man es ausloten müsste. Ach ja. 

An so einem Abend sehnt man sich nach dem Schwung, dem Charme und der Verve von Gauthier Dance, man erinnert sich wehmütig an die Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin, die mit „Better, Faster, Stronger“ von Giorgio Madia einen Publikumshit gelandet haben (nachzuschauen auf YouTube), man denkt zurück an das energetisch geladene „Pulse“, das Goyo Montero 2018 für jeweils zwei Delegierte der 37 Partnerschulen des Prix de Lausanne in nur wenigen Tagen erarbeitete. An den Finanzen kann es jedenfalls nicht liegen, dass das BJB vergleichsweise wenig zu bieten hat. Es kann für die jährlich ca. 35 Vorstellungen bundesweit über 650.000 Euro jährlich von der Bundesregierung plus 280.000 Euro von der Stadt Hamburg verfügen, plus Sponsorengelder, die sich auf weitere ca. 50.000 Euro jährlich belaufen (so die Angaben der Pressestelle im Oktober 2022). Davon können andere nur träumen. Man wünscht den acht Tänzer*innen des BJB, die allesamt wirklich großartige Begabungen sind, dass sie endlich zeigen können, was in ihnen steckt.

 

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