„45“ von Damian Gmür. Tanz: Stella Covi, Bae Hyeon Woo und Abraham Iglesias Rodriguez Damian Gmür.

„45“ von Damian Gmür. Tanz: Stella Covi, Bae Hyeon Woo und Abraham Iglesias Rodriguez Damian Gmür.

Wie Dominosteine

Premiere „Changes“ mit Uraufführungen von Damian Gmür und Odbayar Batsuuri

Auf der Pforzheimer Bühne wird wieder getanzt - in der Choreografie-Abschlussarbeit des Palucca-Absolventen Odbayar Batsuuri „Falling Face“ und in „45“, dem dritten Stück des stellvertretenden Ballettchefs

Pforzheim, 28/06/2020

Es sind ungewohnte, lang nicht gehörte Geräusche im großen Saal des Stadttheaters Pforzheim. Die Klatscher zu Beginn werden aber gleich wieder unterbunden. Denn es herrscht Applausverbot für die 99 Zuschauer*innen im großen Saal. Also Vorhang auf, Mundschutz runter: für den Tanzabend „Changes“, der in zwei Teile gegliedert ist. Einmal ist es die Kooperation mit der Palucca Hochschule Tanz Dresden, im Rahmen derer die Choreografie-Abschlussarbeit „Falling Face“ des Absolventen Odbayar Batsuuri auf der Pforzheimer Bühne gezeigt wird, und zum anderen ist es der stellvertretende Ballettchef Damian Gmür aus dem eigenen Haus mit seinem dritten Stück „45“.

Der aus der Mongolei stammende Odbayar Batsuuri startet seine Choreografie „Falling Face“ mit Schlägen wie die einer Kirchturmuhr, die an Weltuntergangsstimmung erinnern. Schemenhaft erst und nachher im gleißenden Licht agierend wird eine Gruppe sichtbar. Uniform wirkt das. Erst nach einigen zwischen fließend und stockend changierenden Bewegungsabläufen schälen sich Individuen heraus, die mit ihren Händen ihr Gesicht verbergen, Alltägliches tun wie Autofahren und immer wieder ihr Gesicht gewaltsam mit den Händen zum Hinschauen zwingen - zur Kamera, in die Kamera. Denn mit seiner Abschlussarbeit hat Odbayar Batsuuri die moderne Technologie der Gesichtserkennung in Tanz übersetzt. Der Mensch ist bei ihm Objekt und wird von der Technik aufgesaugt. Das wirkt mechanisch, abgehackt und die roboterhaft agierenden Körper scheinen sich wie ein Uhrwerk auszupendeln, um dann im Zahnrad des Rhythmus einzurasten. Manchmal wie in Schockstarre eingefroren. Doch ein letzter Funke Mensch steckt noch in ihnen: Sie schieben weg, wehren ab, weichen aus, ducken sich, rennen auf der Stelle, strecken sich nach oben.

Der Schweizer Damian Gmür wiederum hat sich schon vor Corona am Stadttheater mit der persönlichen Schutzzone eines Menschen beschäftigt. Diese beträgt 45 Zentimeter und wäre vor der Pandemie sicher in entsprechenden Paar- oder Gruppensequenzen gut zu verdeutlichen gewesen. Jetzt bleibt die Choreografie auf wenige, aus einem Haushalt kommende Tanzpaare beschränkt. Flankiert von auf ihrem Quadrat eingesperrten Unberührbaren bekommt deren Nähe eine ganz andere, weitreichendere Bedeutung. Aber die Nähe hat ihren Preis: Verzweifelt umarmen sich die beiden, zerren aneinander, halten sich, lehnen sich an, aber nach der ersten Euphorie werden auch erste aggressive Anzeichen einer Hackordnung sichtbar. Es sind poetische Bilder, die entstehen, auch deshalb, weil mehr Raum um die Tänzer*innen deren Tanz schärfer und klarer sichtbar macht. Es ist aber nicht so, dass sich die im Stroboskop-Blitzlichtgewitter rollenden, springenden und kauernden Tänzer*innen, deren Bewegungen auf ihrem „Feld“ verdichtet wirken, sie zu Solist*innen auf ihrer eigenen Bühne des Quadrats machen, abschotten. Knie knicken ein, kraftvolle Sprünge und Drehungen bilden einen Kontrast zu ängstlich wirkenden, rätselhaften Gesten. Es ist der dumpfe, endlos wirkende Elektro-Rhythmus, dem das Quartett zwar immer wieder mit individueller Kraft etwas entgegensetzt, dessen Sog sie sich dann aber doch nicht entziehen können. Wie umfallende Dominosteine geben sie diesen weiter, sind ihm am Ende synchron unterworfen. Der Abend zeigt auch die geistige Beweglichkeit des Trainingsleiters Damian Gmür. Zwei gleich ablaufende Choreografien sind es in „45“. Zur in modernen, düsteren Klängen eingebetteter Melodie „Zu Bethlehem geboren“ windet sich der Heiland, der Welterlöser aus dem Dunkel, um letztlich auf seinem klar definierten Lichtquader zu landen, dessen Grenzen sich nur im Dunkel oder in Lichtblitzen auflösen, während sich im Vordergrund ein Paar ineinander verknäult, sich verzweifelt aneinander festkrallt.
 

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