„Nurejew“ von Guido Markowitz und Damian Gmür, Tanz: Charles Antoni (der erwachsene Nurejew) und Ensemble

Leben und Sterben einer Legende

„Nurejew“ von Guido Markowitz und Damian Gmür am Stadttheater Pforzheim

Für ein einzelnes Leben fast zu viel: Dem Tänzer Rudolf Nurejew hinterherzuspüren, gleicht einer Mammut-Aufgabe. Dass sie aber bewältigt werden kann, wird in Pforzheim sichtbar.

Pforzheim, 28/11/2022

Wer sich mit allen Sinnen darauf einlässt, wer sich in den Bann einer wilden, einer schillernden Persönlichkeit mit all ihren ans Licht drängenden Facetten ziehen lässt, der wird am Ende des Tanzstücks von Guido Markowitz und Damian Gmür mindestens genauso erschöpft sein wie die Mitglieder des Pforzheimer Ballettensembles. Wie vor allen Dingen die Tänzer, die den jungen (Tse-Wie Wu) und erwachsenen Rudolf Nurejew (Timothé Durand Caulliez) darstellen, dessen unbedingten, unbändigen Willen zum Tanz und dessen entfesselte (Homo-)Sexualität und sein Sterben. Es ist das Leben eines Mannes, das mehrere in einem vereinte, eines Mannes, der in einfachsten Verhältnissen aufwuchs und allen Widerständen zum Trotz seinen Weg als Tänzer suchte. Der die Rolle des Mannes im Tanz revolutionierte. Dessen allgemein anerkannte starke Physis eine Mammut-Aufgabe im tänzerischen Nachzeichnen fordert.

Ausgrenzungen, Demütigungen, Unsicherheiten, alles fließt in jede Pore, in jede Faser des Tanzes dieser Inszenierung ein. Kälte, Hunger, Entbehrung – verstärkt werden die verzweifelt immer wieder gegen den eigenen Körper gerichteten Fäuste und die nach oben sich Freiheit ertastenden Arme durch das mit Spiegelelementen arbeitende, von Stefan Stichler entworfene Bühnenbild. Es spiegelt auch das Innenleben des berühmten Tänzers, auch dessen Eitelkeit und sich zu Arroganz verhärtende Lebenserfahrung des gegen-den-Strom-Schwimmens. In den Spiegelwänden erscheinen Menschenknäuel, darin taucht das schemenhaft erotische Treiben des Fauns (in der Premierenbesetzung: Eleonora Pennacchini) auf, der das Entdecken und Ausleben der Sexualität symbolisiert, aber auch die künstlerische Kreativität.

Das Revolutionäre im Tanz von Nurejew wird auch musikalisch dargestellt von der Badischen Philharmonie, die für die klassischen Klänge verantwortlich ist; die Geräuschkulisse lässt zudem einen fahrenden Zug erahnen. Moderne Unterlegung elektronischer Art kommt von Fabian Schulz. Um die Verschmelzung von klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz zu verdeutlichen, darf der „Schwanensee“ von Tschaikowsky nicht fehlen. Der Schwan, der gleichzeitig auch das homosexuelle Wesen Nurejews verkörpert und natürlich auch die Liebe, diesen umgarnenden, kraftvollen Part übernimmt bravourös Dominic McAinsh in der Premierenbesetzung.

Nicht minder beeindruckend in ihrer Präsenz, in ihrem liebevollen Umsorgen, in ihrem verzweifelten Überlebenskampf: die Figur der Mutter (Sara Scarella). Auch die Figur des Todes wird von einer Frau getanzt (Emilia Fridholm). Selbst angesichts der schwindenden Kräfte, des sich aufbäumenden, sterbenden Nurejews wirkt sie mit ihren Annäherungen, ihren Umarmungen eher beschützend und tröstend.

Es ist eine emotionsgeladene Aufführung, deren Szenen mit Symbolcharakter stark nachwirken. Vor allem auch die Szene des mit rotem Band an seine Herkunft gebundenen jungen Nurejew, der das Band dann kraftvoll abstreift, was nicht nur mit großer Willensstärke und einem inneren Kompass folgend geschieht, sondern auch verzweifelte Gesten, verkrampfte Bewegungen beinhaltet.

Zwei choreografische Handschriften – von Guido Markowitz und Damian Gmür – verschmelzen zu einer mutig und in dieser Form noch nie dagewesenen Tanzaufführung, die teilweise auch ihre Längen hat in manchen Szenen, die aber emotionaler nicht sein könnte, die das Wesen Rudolf Nurejews erfasst und erfahrbar macht. In jeder Geste, in jeder fließenden Bewegung, in jedem Innehalten und auch teilweise ohne musikalische Begleitung wird das Streben zum Tanz als einzigen und wahren Lebensinhalt des großen Tänzers nachvollziehbar.

Der Respekt, die Verneigung vor diesem Menschen, der am 17. März 1938 in einem Eisenbahnwaggon in der Nähe von Irkutsk geboren wurde, am 16. Juni 1961 als gefeierte Star in Paris die Flucht aus der Sowjetunion wagte und am 6. Januar 1993 in Paris an Aids starb, ist in jeder Phase, in jeder hingebungsvollen Bewegung zu spüren. Gehört Mut dazu, sich einer Ikone wie Rudolf Nurejew tanzend zu nähern? Könnte das nicht eine Nummer zu groß sein? Ballettchef Guido Markowitz macht eine Bemerkung, die der Anstrengung seines Ensembles Respekt zollt: „Jeder hat einen Nurejew in sich.“ Seine Tänzerinnen und Tänzer haben das auf jeden Fall.

 

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