Vom Schaffen einer KriegerIn

„side.kicks“ im schwere reiter München: Anne-Mareike Hess und ihr Solo „Warrior“

Die umtriebige luxemburgische Tänzerin und Choreografin begeisterte mit ihrem bisher einzigen Solo, das humorvoll und poetisch hinterfragt, ob Stärke allein ausreicht, um unsere heutigen Probleme zu lösen.

München, 17/12/2019

Von Sarah Moessner

Der Abschlussabend des dreitägigen Festivals „side.kicks“, einem Format der Tanztendenz München e.V., welches sich zum Ziel setzt nationale und internationale ChoreografInnen seines Netzwerks eine Plattform zu bieten, war ebenso berührend wie kraftstrotzend. Das Format existiert seit 2013 und auch dieses Mal wurden wieder KünstlerInnen eingeladen, die bereits in der Vergangenheit Residenzgäste von Tanztendenz München e.V.
waren.

Mit Anne-Mareike Hess und ihrem ersten Soloprojekt „Warrior” landete der Tanztendenz München e.V. einen besonderen Coup. Die aus Luxemburg stammende Choreografin und Tänzerin wurde nämlich erst Anfang November von der europäischen Tanzplattform AEROWAVES als eine der twenty20 Artists speziell für diese Choreografie ausgezeichnet. Ab nächstem Jahr darf sie mit dem Stück in viele unterschiedliche Länder touren und es außerdem beim Spring Forward Festival im April in Rijeka, Kroatien zeigen. Da steht der Künstlerin eine vielversprechende Zeit ins Haus.

Umso geehrter fühlte man sich, die Tänzerin am vergangenen Samstagabend im kleinen Rahmen in München erleben zu dürfen. Die komplett schwarze und leere Bühne, gepaart mit Hess' sehr geradliniger, puristischer, fast schon pantomimischer Art zu Tanzen und dem direkten Kontakt, den sie zu den ZuschauerInnen herstellte, ließen viel Freiraum, den die Künstlerin durch vielfältig konnotierte Bewegungsmuster schnell wieder füllte.

Man verfolgte die persönliche Reise der Tänzerin mit, die sich von einem Menschen im enganliegendem Fitness-Outfit zu einem pastellfarbenen Samurai-Avatar entwickelte, der von seiner Rüstung so eingezwängt war, dass er sich nur noch sehr eingeschränkt bewegen konnte. Die Kampfmontur stellte auch einen interessanten, weil so gegensätzlichen Gegenstand der Choreografie dar.

Die Kostümbildnerin Mélanie Planchard kreierte mehrere asiatische Rüstungsteile aus einer Art dichtem Schaumstoff in Bonbon-Farben. Zu dieser visuell sehr spannenden Komponente kam noch die auditive, die insofern Sprengkraft entwickelte, da das Sounddesign von Marc Lohr ausschließlich aus Lauten von Anne-Mareike Hess generiert war, die auch noch live dazu auf der Bühne sang und damit die Regel der ewig lächelnden, ewig schweigenden Tänzerin brach.

Das Stück trifft sehr genau den Zeitgeist. In einer Welt, in der wir uns immer öfter in (politischen) Situationen befinden, wo wir uns fragen: Was passiert hier eigentlich? Warum tut denn niemand etwas? Nicht nur unter diesen Umständen ist „Warrior” ein Stück, das uns viel über die Schaffung eines Kriegertypen erzählt, von der Ermächtigung durch die Entdeckung der eigenen Stimme und vom ständigen, mitunter humorvollen Scheitern auf dem Weg dorthin.

Man kann die Begründung der Jury von AEROWAVES für die Auszeichnung nach diesem Abend sehr gut nachvollziehen. Ein Pendant zu „Warrior”, das sich ja mit dem Klischee der kraftvollen, kriegerischenMännlichkeit auseinandersetzt, ist für 2020 auch schon geplant. „Dreamer” soll es heißen und sich mit den stereotyp-weiblichen Attributen befassen. Man darf also in vielfacher Hinsicht gespannt bleiben.
 

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