Hoffnungsvoller Neustart beim Leipziger Ballett

Mario Schröder lässt Charlie Chaplin tanzen und das Publikum tobt

Leipzig, 02/11/2010

Neues ist vom Leipziger Ballett an der Oper zu berichten, vor allem aber Gutes. Mario Schröder ist der neue Mann an der Spitze der zweitgrößten Kompanie in Mitteldeutschland und damit einem der großen Ballettensembles in Deutschland. Die Geschichte des 50-jährigen Opernhauses ist auch immer eine Geschichte des Tanzes gewesen, dafür stehen die Namen so bedeutender Choreografen wie Emmy Köhler-Richter oder Uwe Scholz, die das Ballett aus Leipzig damals über die Grenzen der DDR und später über die Deutschlands bekannt gemacht haben.

Auf so intensive wie authentische Weise ist der neue Ballettchef Mario Schröder mit dieser Geschichte verbunden. Ausgebildet an der Dresdner Palucca-Schule, noch bei Palucca selbst, war er von 1983 bis 1999 erster Solist hier, studierte in Berlin Choreografie und übernahm die Leitung der Ballette in Würzburg und dann in Kiel, von wo aus er sich endgültig als Choreograf durchsetzte und eine beachtliche Karriere machte. Jetzt ist er zurück in Leipzig, wieder zu Hause, wie er selbst sagt, nach einem Umweg der nötig und gut war.

Für seine erste Premiere in Leipzig hat er sein Ballett „Chaplin“ auf die große Leipziger Bühne gebracht und damit stellt er zugleich die neue Kompanie vor. „Chaplin“, das ist der kleine Mann mit dem Watschelgang, der Tramp mit den zu großen Schuhen, dem Stöckchen, der Melone und den traurigen Augen. Charlie Chaplin, Filmgeschichte, Kunstgeschichte, Weltgeschichte klingen an mit seinem Namen. Als Ehrengast war sogar Chaplins Tochter Geraldine angereist, sie war begeistert und der Meinung, dass wohl doch nur der Tanz das angemessene Mittel sei, sich mit den vielen Facetten ihres Vaters auseinanderzusetzen. Das sah und sieht Mario Schröder auch so. Gemeinsam mit seinem Dramaturgen Thilo Reinhardt, den man auch als Opernregisseur gut kennt, und dem Ausstatter Paul Zoller, kreierte er 16 knappe Szenen, die sowohl das Filmmedium aufnehmen als auch Zeitumstände und natürlich Motive aus der Biografie.

Und so beginnt die Szenenfolge beeindruckend in verstörenden Bildern, die Chaplins Kindheitstrauma in den Slums heraufbeschwören. Da ist das Bild der Mutter, oftmals als großer Schatten, stilisiert zur Tänzerin, dann im Wahn als Schatten der Verfolgung einer bedrohten Kindheit der Vater als Trinker. Schröder findet Bilder für Dreharbeiten, Studiosituationen nicht ohne Humor und leichter Ironie, für den ersten Weltkrieg werden Menschen regelrecht eingeseift, der Börsenkrach spielt eine Rolle und dann auch die anfängliche Bedrohung der Stummfilmästhetik durch die neu entwickelte Tontechnik. Persönliches aus Chaplins Leben begegnet uns in bewegenden Bildern, die Ehefrauen Mildred und Oona, Chaplin als Opfer der amerikanischen Hexenjagd auf angebliche Kommunisten. Und es gibt Anspielungen auf berühmte Filmszenen, aber es gibt keine Übernahmen, kein Nachtanzen, dafür verblüffende Lösungen: „Moderne Zeiten“, da geht der maschinelle Wahnsinn rasant über in die Körperlichkeit der Tänzer und beim Spiel mit den Motiven aus „Der große Diktator“ verfällt Schröder nicht in den Fehler eine einmalige Filmszene zu doppeln, sondern es gibt eine neue, beeindruckende Szene: Der Diktator ist in der Welt, in einer durchsichtigen Kugel und wird von ihr wie in einem absurden Geburtsvorgang ausgestoßen.

Wesentlich ist aber auch, dass dieses Ballett geprägt ist von autobiografischen Assoziationen seines Choreografen: Der Neunjährige in der brandenburgischen Kleinstadt Finsterwalde spürte, dass er im Fußball nicht jene Bewegungssprache findet, nach der er unbewusst sucht. Die Mutter sagt, in Dresden werden Jungs gesucht, die tanzen können. Was ist das Tanz, Ballett? Das ist wie bei Charlie Chaplin, sagt die Mutter. Den kennt er, den mag er, da geht der Junge nach Dresden zu Gret Palucca, er lernt zu tanzen und er lernt, dass das eine ganz andere Sache ist, der man aber nur auf den Grund kommt, wenn man seinem Traum treu bliebt. Chaplin lässt den angehenden Tänzer nicht mehr los, er ihn auch nicht.

Und jetzt tanzt Schröders Chaplin in Leipzig. Und wie. Das ist zunächst eine grandiose Tat, denn wir erleben ein Ensemble. Zu den 20 übernommenen Tänzerinnen und Tänzern sind 23 neue hinzugekommen, auf der Bühne bestechen die Homogenität und die Sicherheit der ganzen Truppe bei der Verwendung einer Vielzahl von Stilen. Durchaus neoklassische Ansätze stehen neben Passagen, die sich aus dem Repertoire des Tanztheaters oder auch des Ausdruckstanzes herleiten lassen, aber wir sehen auch Breakdance – dafür hat er den Berliner Tänzer Timo Draheim als Gast geholt – und etliche Feuerwerke artistischer Brillanz, die Romantik kommt ganz und gar nicht zu kurz, denn Schröders Ballet „Chaplin“ ist ein großer, wunderbarer Traum eines jungen Mannes auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach seiner Sprache für die direkten Botschaften und für die indirekten, er findet die Körpersprache und damit seinen Ton der Wahrheit.

Die Person des Chaplin wird von zwei Tänzern dargestellt, einem Mann und einer Frau, das funktioniert gut. Die Tänzerin Amelia Waller ist die von Chaplin geschaffene Figur, der Tramp, wie wir ihn kennen und uns vorstellen, der kleine Mann, die Schuhe, das Stöckchen, die Melone... Der Tänzer Tomás Ottych ist Chaplin, ist eben jener junge Mann, der sich findet und verliert und wieder findet, der im Dialog ist mit seiner Schöpfung, eben jenem Chaplin, der uns Weinen und Lachen lässt; mal muss er ihn bewahren oder gar schützen, mal ist es umgekehrt. Das ist spannend, das ist berührend, es ist vor allem exzellent getanzt, und ein Tänzer wie Tomás Ottych ist ein Glücksfall für diese Partie. Körperlich scheint er grenzenlos belastbar, aber was mehr zählt, das ist die Direktheit seiner Ausstrahlung, der starke Tänzer bleibt immer ein verletzlicher Mann. Und das setzt sich fort in den weiteren größeren und kleineren Partien, in den Episodenrollen in den Gruppen der verschiedenen Stationen und Kommentarebenen, gerechterweise müssten jetzt noch weitere 40 Namen folgen.

Und nicht zu vergessen, die Musik, exzellent gespielt vom Gewandhausorchester unter der Leitung von William Lacey. Eine musikalische Collage, 16 Stücke von John Adams über Benjamin Britten und Chaplin bis Peteris Vasks und Richard Wagner. Musikstücke, bekannt oder unbekannt, korrespondieren eher mit dem Geschehen als es zu illustrieren. Manchmal erschließt sich das ganz direkt, die Wirkung ist zutiefst emotional, dann wieder wirken die Klänge wie Kommentare aus anderen Welten, so bleibt auch in dieser Hinsicht der 90-minütige Abend spannend. Am Ende, nach kurzem Innehalten, ist das Publikum nicht mehr zu halten. Da reißt es die Leute von den Sitzen, große Zustimmung, großes Willkommen, Geraldine Chaplin sichtlich berührt, beglückwünscht Mario Schröder und die neue Leipziger Kompanie.
 

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