Anna Hubers Gegengeschenk: Das neue Stück „tasten“

Schweizer Tanz- und Choreografiepreis ist mehr als verdient

Bern, 27/10/2010

In Bern, wo die Tänzerin und Choreografin Anna Huber aufgewachsen ist, konnte sie am 25. Oktober den Schweizer Tanz- und Choreografiepreis 2010 (30.000 Franken) entgegennehmen. Die 45-jährige Künstlerin, die einen grossen Teil ihres Lebens in Berlin verbracht und dort ihren unverwechselbaren Bewegungsstil entwickelt hat, arbeitet seit 2007 in der Berner Dampfzentrale als Artist in Residence.

Dort entwickelte sie zusammen mit dem Klavierduo Susanne Huber und André Thomet das Stück „tasten“, das sie am Abend der Preisübergabe (25.Oktober) präsentierte. In ihrem für sie typischen Stil: Mit kleinen Bewegungen von Armen und Beinen, Fingern und Zehen, Kopf und Körper. Samt den überraschenden, mehrdeutigen, oft auch komischen Kombinationen. Und das eingefügt in ein eigenwilliges Bezugssystem zu Zeit und Raum.

Diesmal besteht das Bühnenbild aus ein paar Leintüchern und Kunststoffplatten, zwischen denen die beiden Flügel platziert sind, mal gut, mal überhaupt nicht sichtbar. Die Requisiten in Schwarz und Weiss, zu denen noch drei Zwergklaviere in Rot kommen, werden dauernd herum geschoben(Bühne und Licht: Thilo Reuter). Natürlich schafft das die Tänzerin nicht allein. Susanne Huber (Annas Schwester) und André Thomet eilen ihr immer wieder zu Hilfe, weg von den beiden Flügeln, wo sie einen spannenden Mix aus alter und neuer Musik spielen. Und mehr als das: Sie tanzen zeitweise mit, bis hin zu parallel geführten Trio-Performances. Das mache den Musikern mal einer nach! Umgekehrt greift auch Anna zuweilen in den Musikablauf ein, sei’s in die Elektronik, sei’s in die Tasten der roten Klavierlein.

Wunderbare Szenen bleiben einem in Erinnerung. Etwa der Anfang von „tasten“, wo sich aus drei schwarzen Bündeln am Boden zuerst Hände emporrecken, dann die dazugehörenden Körper herausschälen. Oder die Szene mit dem eingerollten weißen Teppich, den Anna zuerst rückwärts trippelnd diagonal über die Bühne ausbreitet und dann tanzend erforscht. Ähnlich, wie man es von Sasha Waltz und ihrer Company kennt – und wie es Anna Huber schon in der „Besitznahme“ der U-Bahn-Station Potsdamer Platz in Berlin oder der Therme Vals (Kanton Graubünden) anno 2002 ausprobiert hat.

Man könnte dem Ablauf von „tasten“, wo sich Bild an Bildchen reiht, einerseits ewig zuschauen. Anderseits ist man dann doch froh, wenn das Stück nach pausenlosen anderthalb Stunden endet. Auch Intensität und Präzision können ermüden. Wie in vielen zeitgenössischen Choreografien fehlt es Hubers jüngstem Stück an klarer Struktur und Dramaturgie, was fürs Publikum sehr anstrengend sein kann.

Der Titel „tasten“ hat einen Mehrfachsinn: Er erinnert an die oft tastenden Bewegungen der Tänzerin, aber auch an Klaviertasten. Anna Huber liebt solche verschlüsselten Titel, wie ihr Werkverzeichnis zeigt. Es begann mit „in zwischen räumen“ (1995), „unsichtbarst“ (1998) oder dem Gruppenstück „die anderen und die gleichen“ (1999). Bei „hierundoderhierundoderhierundoderdort“ (2004) führt die Fantasie dann allmählich ins Absurde. Geistreich dagegen „Stück mit Flügel“ (2000), mit Annas beflügeltem Tanz und Susannes Spiel am Klavier. Mit dieser Produktion gehen die Schwestern Huber bis heute auf Tournee im In- und Ausland. Bei „tasten“ sind sie dann zu Dritt.

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