Zurück zur Erde

Die Kölner Tanztage begannen mit einer „Carmina Burana“ von Tamás Juronics

Köln, 11/06/2009

Back to earth – zurück zur Erde, so verabschiedete sich einst der Sänger Cat Stevens vom Musikbusiness. Zurück zur Erde, zum Ursprünglich-Archaischen will anscheinend auch der Choreograf Tamás Juronics mit seinem Tanzstück „Carmina Burana“. Die Szeged Contemporary Dance Company aus Ungarn eröffnete damit die Kölner „Tanztage“, eine Gastspiel-Reihe, die bis Ende Juni drei sehr unterschiedliche Richtungen des zeitgenössischen Tanzes präsentiert.

Tamás Juronics „Carmina Burana“ beginnt und endet in Düsternis, wird zum Abgesang der Zivilisation. Die Tänzer sind bäuerlich gekleidet, erdig die Farben, erdig der Boden, erdnah auch der Tanz, denn fast jede Bewegungsfolge endet auf der verdorrten Erde. Anfangs aus Angst vor dem Sensenmann, dann zur Götzenanbetung, später offensichtlich nur noch aus Lust am Fallen. Bäuchlings liegen sie aus Angst, rücklings zur Abwehr und sich windend in Liebessehnsucht. Die Story ist simpel: Reste einer untergegangenen Kultur kämpfen ums Überleben. Primitive Riten und Rituale bestimmen das Zusammenleben. Nur ein Mädchen trotzt der Dürre mit einer grünen Blume und ihrer Liebe, die als Hoffnungsträger nicht fehlen darf. Am Ende steht ihr Tod. Verzweifelt schleudert ihr Freund die Blume von sich, ordnet sich wieder in den dumpfen Trott der Gruppe. Düstere Aussichten also verbreitet die Inszenierung. Der Choreograf formt sie in bombastische, oft dumpf-rhythmische und immer archaisch anmutende Ensembletänze: eine einfallslose Choreografie der Masse, die menschliche Urängste mobilisiert. Nur manchmal zeigt sich choreografische Gestaltungskraft: Etwa wenn das Mädchen von ihrer Hoffnung tanzend die rohen Bänke wie Schutzschilde um sich aufrichtet. Ansonsten bedient sich die Choreografie der wuchtigen, mitreißenden Musik von Carl Orffs Carmina Burana, setzt sie in dramatische Bilder um.

Mit überdimensionalen Figuren, blutroter Sonne, wehenden Mänteln und schwingenden Armen, akrobatischen Einlagen, mit explosiv auseinander stiebenden Gruppen, wird bis ins Unerträgliche dramatisiert. Eklektizistisch bedient sich der Choreograf im Steinbruch der Tanzstile, macht selbst vor dem Schwung der nassen Haare aus Pina Bauschs Tanztheater nicht Halt. Und leider, leider wird dieses tänzerische Konglomerat auch noch miserabel umgesetzt. Die Inszenierung zieht alle Register der Emotionalisierung – und endet in einem grandiosen Missverständnis von Carl Orffs epochaler Carmina Burana-Musik. Ihre pralle Sinnlichkeit, ihre Spottverse, frivolen Liebeslieder und derben Saufhymnen haben mit Juronics Inszenierung nichts gemein. Erfolgreich ist das Ballett dennoch. Kein Wunder, befriedigt der Choreograf damit doch ein latentes Bedürfnis vieler nach dem Trivialen.

Nach diesem zweitklassigen Auftakt der Tanztage darf man gespannt sein auf den nächsten Beitrag der Reihe, „Snow White“, wenn Choreograf Angelin Preljocaj am 16. Juni mit dem Ballett Preljocaj seine Version von Schneewittchen tanzend erzählt.

www.szegedikortarsbalett.hu/en

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