Mäusekrieg im Palais Silberhaus

An der Oper Leipzig punktet Paul Chalmers „Nussknacker“ mit fantasievoller Inszenierung

Leipzig, 05/12/2007

Seit Dietmar Seyfferts Version hat er gut zwei Dezennien lang im Leipziger Repertoire gefehlt: Tschaikowskis unvergleichlicher „Nussknacker“, der jeden Dezember rund um den Globus anzeigt, dass es wieder weihnachtet, und kleine wie große Kinderherzen mit Vorfreude erfüllt. Nach so langer Bühnenabstinenz verhalf nun Paul Chalmer im frisch renovierten Opernhaus der Personnage um das liebenswert nussbissige Monstrum zu neuen Ehren. Gleich auf zwei Vorgängerchoreografien bezieht er sich frei in seiner Inszenierung: die lange gespielte, wiewohl ihres kruden Librettos wegen gerügte der Petersburger Uraufführung 1892 von Lew Iwanow und jene auf Jahrzehnte gültige, leicht angeplüschte Petersburger Neufassung 1934 von Wassili Wainonen, mit der aufwuchs, wer im politischen Osten Europas lebte. An prächtige Divertissement-Tänze mit weißperückigen Herren erinnert man sich da und an wohlkalkulierte Verwandlungen. Viel von Iwanows Original ist indes nicht überliefert, und Akt 1 besteht ohnehin großenteils aus weihnachtlichen Spielszenen. So hat, wie jetzt Chalmer, jeder Neuchoreograf freie Hand und ist nur seiner Fantasie verpflichtet.

Weder als nachrevolutionäres Psychodrama wie Patrice Bart noch als wehmütige Kindheitserinnerung wie Maurice Béjart legt Leipzigs Ballettchef „seinen“ „Nussknacker“ an. Die ursprüngliche Handlung um Klara, die mit Pate Drosselmeiers lenkender Assistenz im entzauberten Titelhelden ihre erste Liebe findet, bleibt weitgehend unangetastet. Dass Akt 1 vor Einfällen nur so sprudelt, verdankt sich dem Miteinander des Inszenators und seines Ausstatters Benjamin Tyrrell. Hinter einem winterlichen Fassadenprospekt und dem Defilee der Gäste leuchten einzeln Szenen im Bürgerpalais Silberhaus auf: Klara lesend in der Bibliothek, Mutter bei der Abendtoilette, gemeinsames Schmücken des Baums. Die Feiergesellschaft umfasst auch (Leipziger Musikschul-) Kinder, die sich, getrennt nach Buben und Mädchen, tänzerisch präsentieren und immer wieder fröhlich in die Formationen der Erwachsenen mischen. In Gábor Zsitva als komödiantischem Großvater gibt es ein Wiedersehen mit einem Senior-Solisten der Ära Emmy Köhler-Richter.

So lebendig ereignen sich die Geschehnisse, dass man Spaß hat, die vielen eingestreuten Kleinszenen zu entdecken - vom verwackelten Gruppenfoto über Burak Cebeci als rundum brillanten Fritz, die Einlagen der Geschenkpuppen und die heimlich naschenden Diener bis zum traumsandbestreuten, nebelumwallten Kampf zwischen Mäusen in Vollmaske und Soldaten. Mit Hilfe der Puppen hat sich dazu der Christbaum zum imposant bühnenfüllenden Weihnachtswald vergrößert. Fahnenbewehrt fahren die feindlichen Armeen auf, Kavallerie rückt an, Kanonen erzielen Treffer, per Katafalk rollt der gefallene Mausekönig ab. Glücklich stemmt der demaskierte Prinz da seine Retterin Klara im Pas de deux, ehe ein herabfallendes Tuch den Winterwald auslöst. In Schneegestöber tanzen 18 weibliche Flöckchen mit noch unsauberen Armführungen, derweil das Solopaar im Schlitten vorbeifährt, dann in einer gewaltigen Montgolfiere ins Reich der Zuckerfee abhebt.

Eher nüchtern wirkt hingegen Akt 2. Hinter einer Landkarte als Kurtine tauchen die drei heiligen Affen als einzige Bewohner des Zuckerlandes auf. Drosselmeier verfolgt per Fernrohr den Gondelflug, vor einem überdimensionalen Buch begrüßt die zart fliederfarbene Zuckerfee ihre Gäste. Pantomimisch berichtet der Nussknacker vom Kampf, der Klara ein Siegerkrönchen einbringt. Dann laufen auf menschenleerer Szene vor jeweils umgeklappten Buchseiten mit edlen Scherenschnitten die Danktänze der Süßigkeiten ab. Die flinken Spanier, die einem Teppich entrollte Orientalin, das Schirmpaar aus China nebst grundierendem Tanzdrachen sind ebenso eher choreografische Konfektion wie die fünf Schäferinnen mit Thyrsosstab anstelle der traditionellen Mirlitons oder die drei fulminanten Trepak-Solisten. Den Affen fällt als sprungreiches Trio zu, was ursprünglich Mutter Gigogne und ihren Petits-Four-Polichinellen zukomponiert wurde. Mit Witz gießen die Affen jene Girlanden, aus denen ein Blütenkranz wächst: In Kelchtütüs versammeln sich dazu 12 Mädchen zum männerfreien Blumenwalzer, in den das Solopaar einstimmt.

Den Grand pas de deux bestreiten, wie im Original, doch entgegen heutiger Praxis, Drosselmeier und die Zuckerfee: Noch fehlt ihm der Glanz eines Höhepunkts; wie gewaltsam Jean-Sébastien Colau die Drehzahl seiner Partnerin steigert, stört empfindlich die Kultur, mit der Itziar Mendizabal ansonsten besticht. Im bunten Finale löst sich der Zauber, der Klaras Leben verändert und Paul Chalmer den - nach mehreren Missgriffen in vergangenen Spielzeiten - dringend benötigten Erfolg beschert hat. Dass er einen erfreulich entzuckerten „Nussknacker“ vorstellt, mit szenischer Vielfalt punktet und der gut anzuschauenden Kompanie im ersten Teil reichlich Spielaufgaben stellt, stimmt genauso hoffnungsvoll wie die Qualität der Solisten, allen voran wiederum Giovanni Di Palma als souveräner Prinz und Tatjana Paunovic als solide Klara. Fein ziseliert bot unter Vello Pähn das Gewandhausorchester Tschaikowskis Meisterpartitur.


Wieder 6., 12., 15., 18., 19., 21., 23., 28., 29.-31.12., Kartentelefon 0341/126 126 1

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