Bindeglied zwischen den Epochen

Michael Heuermanns Tatjana-Gsovsky-Biografie

oe
Stuttgart, 28/11/2007

Ein wichtiges, ja ein notwendiges Buch: das ist Michael Heuermann, „Tatjana – Leben und Werk der Choreographin und Pädagogin Tatjana Gsovsky“, 222 Seiten, 32 Seiten Bildteil, K. Kieser Verlag, München 2007, € 28,- ISBN 978-3-935456-17-3 – denn es ergänzt die Buchdokumentation „Tatjana Gsovsky – Choreographin und Tanzpädagogin“ von Max Busch, die 2005 im Alexander Verlag Berlin erschienen ist (siehe kj vom 28.7.2005: „Aufgenommen ins Weltkulturerbe des Balletts“). Notwendig, denn der Prachtband der Akademie der Künste wies ein paar Lücken auf, die auch Heuermann in seinem Vorwort andeutet, wenn er bedauert, „Leider ist es nicht möglich gewesen, mit Tatjanas langjährigem Mitarbeiter Gert Reinholm in einen Austausch zu kommen. Er wäre, vor seinem Tod im Dezember 2005, derjenige gewesen, der mir auf viele Fragen eine Antwort hätte geben können, der mit seinem Wissen das Bild von Tatjana hätte noch reicher und lebendiger werden lassen.“

Die Verweigerung Reinholms, die wohl auf seiner Kenntnis von Heuermanns Dissertation über Tatjana Gsovsky 2001 an der Universität Bremen beruhte, rührte wohl von Reinholms Empfindlichkeit gegenüber jeglicher, auch noch so vorsichtig formulierter Kritik an Tatjanas Wirken her (die übrigens auch oe zu spüren bekam, dessen Entwurf zu seinem für den Berliner Band bestimmten Beitrag über „Das Berliner Ballett“ von Reinholm unter Androhung, das ganze Projekt platzen zu lassen, zurückgewiesen wurde – was indessen mein persönliches Verhältnis zu Reinholm in keiner Weise beeinträchtigt hat).

Wenn denn die Dissertation von 2001 die Grundlage für Heuermanns Buchveröffentlichung geliefert hat, die nach Erscheinen des Berliner Bandes 2005 zweifellos noch gründlich überarbeitet worden ist, so könnte ich mir vorstellen, dass Reinholm hauptsächlich Anstoß genommen hat an Heuermanns Darstellung der letzten Jahre Tatjanas nach ihrem Abschied vom Theater, der ja ausgesprochen tragische Züge hatte (in einem Ausmaß, das der Öffentlichkeit – und auch mir – bisher nicht bekannt war). So verläuft die Lebenskurve Tatjanas in den letzten fünf Kapiteln des finalen dritten Teils (Ist Tatjanas Zeit vorbei? Die Frankfurter Episode. Von der Städtischen Oper an die Deutsche Oper. Die Tanzakademie. Die letzten Jahre), derart abschüssig, dass jeder, der mit Tatjana auch nur halbwegs bekannt war, angesichts ihrer herausragenden Verdienste dieses Ende mit Bestürzung zur Kenntnis nehmen muss.

Es ist indessen längst nicht das Einzige, was Heuermann an neuen Einsichten zu bieten hat. So liefern gleich die Eingangskapitel zahlreiche neue Fakten über ihr Elternhaus in Moskau und St. Petersburg und ihre professionellen Anfänge in Krasnodar (dessen heutige große Opernballettkompanie von Juri Grigorowitsch geleitet wird) sowie über ihre schwierigen Jahre im Berlin der Weimarer Republik und besonders über ihre Schule in der Fasanenstraße, der „Fasanerie als Zentrum der Ballettwelt“. Über ihr Wirken im Dritten Reich und dann auch im Ostberlin der Nachkriegsjahre hätten wir gern noch mehr gewusst – da wird Einiges noch detaillierter aufzuarbeiten sein (mein Vorschlag: dass sich Ralf Stabel dieser Zeit annehmen möge, von dem ich mir nach wie vor die grundlegende Geschichte des Tanzes in der DDR erhoffe). Aufschlussreiches erfährt man über ihre Aktivitäten in Argentinien (mit nicht ganz korrekt geschriebenen Namen: Toumanova und Vyroubova).

Exzellent sodann Heuermanns Schilderung in Teil III, die Glanzjahre im Berlin der Fünfziger Jahre mit den großen Premieren bei den Festwochen, in der Städtischen Oper (noch in der Kantstraße) und den Diskussionen um das Berliner Ballett – auch wie Heuermann es versteht, die subtilen Verknüpfungen von Ballett und Politik in der „Frontstadt“ Berlin zu entwirren und die stilistische Umorientierung der Berliner Ballettszene durch die repräsentativen Gastspiele der Kompanien aus aller Welt sichtbar zu machen. Ich muss gestehen, dass ich diese Kapitel mit – na ja, hier ist das von mir nicht sonderlich geschätzte Wort – also mit großer Betroffenheit gelesen habe, weil sie so viel zurückbrachten, was ich selbst in Berlin in jenen Jahren, die meine eigentlichen Balletterziehungsjahre waren, miterlebt habe.

Unverzichtbar sind dann Heuermanns Versuche einer Analyse von „Tatjanas Tanzverständnis“, des „Berliner Stils“ und von Tatjanas „dramatischen Balletten“ – es sind exakt die Kapitel, die dem Berliner Prachtband fehlen. Genau beschreibt er „Tatjana die Kostüm- und Bühnenbildnerin“, „Tatjana und die Musik“ und „Tatjanas expressive Bewegungssprache“, vergisst aber darüber nicht, die ständig weiterentwickelten Grundsätze ihres Wirkens als Ballettpädagogin und als Ballettchefin zu beleuchten. Wie er in seinem Vorwort erklärt, sieht er ihren Namen „gleichermaßen als ein Synonym für eine spezielle Tanzepoche ... Es ist eine Ära, die von 1945 bis 1965 dauerte und die sich als wichtiges Bindeglied zwischen dem Ausdruckstanz von einst und dem Ballett von heute erweist.“ Wer sie miterlebt hat, wird sie in Heuermanns Schilderung erneut lebendig vor seinen Augen vorüberziehen sehen.

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