Jochen Ulrich: „Diaghilew: Die Favoriten“

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Essen, 19/12/2003

Es bedarf schon ziemlich viel Insider-Wissens, sich in Jochen Ulrichs jetzt nach Essen übernommenem „Diaghilew: Die Favoriten“ zurechtzufinden – und die Vervielfachung der einzelnen Persönlichkeiten trägt auch nicht gerade zur Orientierung bei. Die Grundkonstellation ist klar. Im Mittelpunkt steht Diaghilew, Charismatiker der Ballets Russes – Raimondo Rebeck beherrscht die Szene – auch wenn er nicht viel zu tanzen hat, sondern mehr oder weniger gequält vor sich hin leidet. Er leidet an seinen Tänzerstars – im ersten Teil (zu Rimski-Korsakows „Scheherazade“) ausdauernd an Nijinsky (blond – wenig Ähnlichkeit mit dem Live-Exemplar Tomas Ottych) – im zweiten Teil dann (zu Gavin Bryars Cello-Konzert plus etwas R.-K. zum Finale) etwas kurzweiliger an Massine (aufmüpfig: Cleiton Diomkas) und Lifar (halb nackt: Dragan Selakovic). Doch wer ist die Dame in Schwarz – Karsavina? Die Lady, die Nijinsky vereinnahmt, muss wohl Romola sein (aber ist sie es auch am Schluss, sie sieht da so ganz anders aus?). Und wer Sokolova ist, habe ich ebenso wenig ergründen können wie die Mitglieder der Seilschaft um Diaghilew (Bakst, Fokine, Nouvel, Benois). Mit dem Stab seiner Vertrauten wirkt Diaghilew wie der Probst einer Kongregation von Fratres (auch wegen der schwarzen Kostüme).

Alfio Giuffrida hat wieder das Dekor für den Mittelteil von Ulrichs Diaghilew-Trilogie geschaffen – eine imposante abstrakte Stahlkonstruktion, die man sich mit etwas Fantasie als einen russischen Zwiebelkuppelbaum à la „Feuervogel“ vorstellen kann (im zweiten Teil dann, flachgelegt und auseinander gezogen, wirkt er wie eine Art Reling). Die ausgesprochen schicken und farbenfrohen, als Bademoden auch richtig sexy wirkenden Kostüme stammen von Bjanka Ursulov. Outsider, also das normale Publikum, können sich an den Tänzen, der Ästhetik der Ausstattung und der Musik (Dirigent ist Pietro Rizzo, der konzertante Solocellist heißt Armin Fomm) erfreuen.

Mit der Charakterisierung der einzelnen Tänzerpersönlichkeiten ist es nicht weit her – kein Vergleich mit den sehr präzisen Rollencharakteren in Ulrichs genialer „Lulu“, die ich inzwischen noch mal als Video gesehen und bewundert habe. Im ersten Teil gibt sich die Choreografie gerundeter, im zweiten dann eckiger, mit mehr Charakterakzenten. Anspielungen auf Originalchoreografien (wie aus Nijinskys „Faun“) sind relativ selten. Die Tänze sind hübsch anzusehen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und dass sie ordentlich ausgeführt werden, dafür sorgt schon Martin Puttkes strenges Regime. Und er hat ja auch wirklich gute Tänzer, wenn auch keine Stars – hervorragend die beiden Damen Alicia Olleta und Taciana Cascelli. Als Evokation der Diaghilew-Ära und der Ballets Russes ist Neumeiers „Nijinsky“ Ulrichs „Diaghilew“ freilich um Klassen überlegen. Immerhin meinen Respekt für Puttkes Arbeit in Essen und sein Choreografen-Angebot mit Kurz, Scherzer, Maillot, Spuck, Schröder, Spoerli, Eifman und nun also auch Ulrich – nicht zu reden von der fabelhaften Essener „Don Quixote“-Einstudierung. Da wird sich Karlsruhe gewaltig anstrengen müssen, wenn es am 10. Januar da mithalten will.

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