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Poznań

DREI TEILE, EIN GANZES

Premiere am Bildschirm: „BER“ - ein Ballettabend in Poznań



Immer gut, besonders derzeit, der Blick über die Grenzen. Diesmal nach Osten. Die Mitte liege, kulturell gesehen, ohnehin ostwärts, so der Osteuropaspezialist Karl Schlögel. Zu sehen sind Kreationen von Robert Bondara, Alexander Ekman und Martynas Riemiekis.


  • EPISODE 31 - Alexander Ekman Foto © Maciej Zakrzewski
  • TAKE ME WITH YOU - Robert Bondara Foto © Maciej Zakrzewski
  • BLIND WORDS - Martynas Rimeikis Foto © Maciej Zakrzewski

Also, ganz bequem, online, nach Polen, nach Poznań, ins Große Theater mit einer der größten Ballettkompanien des Landes, seit 2018 unter künstlerischer Direktion von Robert Bondara, als Tänzer in seiner Heimat erfolgreich, als Choreograf längst weit über die Grenzen Polens hinaus, auch in Deutschland.

Der neue Ballettabend „BER“ beginnt mit einer Uraufführung von Robert Bondara: „Take me with You“. Musikalisch nehmen uns die Songs der britischen Band RADIOHEAD Band auf jeden Fall mit, machen mit seltsamen Geräuschen ihres Sounds zunächst auch mal einfach neugierig. Und dann möchte man den Blick auch nicht mehr abwenden, man wird einfach mitgenommen, zunächst durch die tänzerischen Variationen der Nähe und des Abstands der Tänzerinnen und Tänzer. Geschichten erzählt Bondara nicht, aber immer wieder so etwas wie Episoden der Nähe durch die sprechende Bildkommunikation bewegter Körper. Immer neue Varianten des Dialoges, die Kraft des Gebens und des Nehmens, die immer wieder neu auszuschöpfenden Bildsequenzen der Kunst des Pas de deux. Auch der Witz, das Augenzwinkern finden Ausdruck mit hintersinnigem Charme, wenn etwa die kraftvollen Tänzer*innen immer wieder Momente der Sehnsucht und Nähe in Eskapaden gespielter Gewalt zu verbergen suchen. Einzige Chance auf Nähe für die Jungs: Kraftspiele. Und so erweist sich Kraft der Nähe inmitten aller Gruppendynamik immer wieder in den schier unerschöpflichen Varianten getanzter Zweisamkeit. Nicht zu übersehen, Robert Bondaras Kreation nimmt mit, auch am Bildschirm, vor allem auch weil es von mitreißender Spannung ist, diese gut aufgestellt Kompanie in ihrer tänzerischen Präsenz zu erleben.

Eigentlich, gemäß dem Titel des Abends, „BER“, müsste jetzt ja „E“ kommen, also „Episode 31“ von Alexander Ekman. Aber klar doch, da muss man schon ein Auge zudrücken, diesem Choreografen, auch gern schon mal als „Enfant terrible der Ballettwelt“ beworben, kommt dann doch ganz klassisch gesehen seit der Tradition der Antike, das ironische Satyrspiel am Ende zu.

Jetzt also im Mittelteil, auch ganz klassisch, in musikalischer Tradition zumindest, als Adagio, „Blind Words“ von Martynas Rimaikis, Direktor und Chefchoreograf des Balletts am Litauischen Nationaltheater Vilnius. In diesem Mittelteil treten drei Paare aus dem Nebel, die Klänge dazu nehmen zunächst ein hohes Maß an Aufmerksamkeit in Anspruch: Musik für Holzstücke von Steve Reich. Zu diesen minimalistischen Klängen für fünf Paar gestimmte Holzstäbe entwickeln die tanzenden Paare ihre zunächst kaum, dann aber immer stärker wahrnehmbare Dynamik der Differenzen. Es kommt zu auflösenden Veränderungen. Einzelne lösen sich solistisch aus der Gruppe. Paare finden und verlieren sich, alles nicht ohne einen Beklemmung verursachenden Gesamteindruck des Bühnenraumes vor unüberwindbarer Begrenzung durch die hintere Brandmauer aus purem Beton. Lichtwechsel, Soundwechsel: Songs von Meredith Monk, große Szenen für ein Paar, vokale und tänzerische Performancekunst, sensible Referenzen auch hier an die Kunst der Tradition des Pas de deux mit auflösender Weiterführung in Varianten des zeitgenössischen Tanzes. Wenn die Gruppe wieder dazu kommt, wenn die Formen der Dialoge sich erweitern, dann zu geheimnisvollen Atemvokalisen des Sounds, nicht frei von erotischen und sexuellen Assoziationen des Klanges. Am Ende dann, wenn alle Statuarik überwunden ist, wenn man erlebt hat, wie kraft des Tanzes aus Schatten Menschen werden, bedarf es der Worte eben nicht, „Blind Words“? Nein, Augen auf, für den Tanz!

Und klar doch, auch gut zehn Jahre nach der ersten Aufführung, „Episode 31“, 2011 für eine Absolventenklasse der New Yorker Juilliard School entstanden, steht nun zum Finale Alexander Ekman dafür, dass auch in Poznań aller Augen weit geöffnet sind. Vorerst am Bildschirm, hoffentlich aber, und dies als Resümee im Hinblick auf alle drei Kreationen schon mal vorweg, demnächst auch in der unbedingt nötigen Kommunikation der Emotionen mit Besucherinnen und Besuchern im Theater. Also, Ekmann weiß wie man's macht, wie es Spaß macht, was ankommt und vor allem, wie man, auf jeden Fall mit diesem Stück an jedem Ort, wo es gespielt wird, ankommt. Man geht in die Stadt, auf die Plätze, an markante Orte, fährt mit der Straßenbahn und gibt dem Spaß der Tänzerinnen und Tänzer volles Maß, natürlich auch den Menschen, die zufällig Zeugen werden, erschrocken weichen, lachen, sich schon mal mit bewegen, vor allem aber die Handy halten und denken, sie könnten es festhalten, was sich eben nicht festhalten lässt, der Tanz. Wie immer bei Ekmans „Episode 31“, auch in Poznań, bevor getanzt wird, erst mal Film. Ein wenig Probe, ein paar Zitate, wie sich die Tänzerinnen und Tänzer bei so viel Eigenverantwortung fühlen. Wie es Fernando Morales Troya gelingt als Spezialist dafür, auch hier, erstmals in Polen, diese Episode zu übertragen. Dann, auch per Video, ab in die Stadt, macht immer Spaß, kommt immer gut und macht dann aber doch bald Lust darauf, die flotten Typen dieser Kompanie nun aber endlich live zu erleben. Eben, „Live is Life“ wenn auch nicht zur Musik dieses populären Songs. Bei Alexander Ekman wird zu Musik seines Landsmannes Mikael Karlsson getanzt, geht ganz gut ab. Eric Satie geht immer, vor allem mit den melancholischen Tastenklängen seiner Gymnopédies Nr. 1 und einem gefühlvollen Erinnerungssong von Ane Brun. Für alle etwas im Theater! Und das ist einfach wunderbar. Wer's nicht so sieht, dem wird geholfen, „Beautiful“ trägt ein Tänzer als unübersehbares Plakat über die Bühne. Und da geht es ja auch richtig toll zu, alle anders, alle gleich? Wer will das wissen? Schwarz-Weiß-Malerei? Auf keinen Fall, auch wenn alle Tänzerinnen und Tänzer Röckchen in schwarz-weiß tragen, haben nicht auch alle, niedliche Schnurrbärtchen, und erst diese Sockenhalter, wie aus Opas Zeiten. Na das ist doch zum Schmunzeln. Die Post geht ab, die wahrhaft tollen Tänzerinnen und Tänzer geben sich voll hinein in diese Episode, bei mitreißendem, vollem Spaß an der Bewegung, am Tanz nach Herzenslust. Dass da der Vorhang immer mal herunterfährt, stört nicht, der Tanz geht ja weiter, kennt man ja, von Kylián und Forsythe. Und dass dabei auch so ein anonymer Mensch, ganz fremd, im verlangsamten Tempo, völlig unbeirrt, seine Bahnen zieht? Ach ja, da werden sich dann wohl noch etliche Erinnerungen öffnen, da wird der Tanz noch lange weitergehen, jetzt nicht mehr im Film, am Bildschirm, im Kopf, auf der Bühne des Herzens, mit dem Blick weit über die eigenen Grenzen. Der Tanz macht's möglich.

Veröffentlicht am 22.02.2021, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Drei Teile, ein Ganzes"



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