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Oldenburg

EIN FEUERWERK DES TANZES

Der Ballettabend „1,5 m“ am Staatstheater Oldenburg



Nach fast sieben langen Monaten darf die Kompanie von Antoine Jully auf die Bühne des Großen Hauses zurückkehren. Der neue Abend spiegelt schlaglichtartig die Entwicklung des klassischen Balletts über einen Zeitraum von 200 Jahren.


  • Der Ballettabend "1,5m" am Theater Oldenburg: Teele Ude in einer modernen Interpretation des Sterbenden Schwans zur Musik von Camille Saint Saëns - "Swan at Home". Foto © Stephan Walzl
  • Der Ballettabend "1,5m" am Theater Oldenburg: Laura Cristea Foto © Stephan Walzl
  • Der Ballettabend "1,5m" am Theater Oldenburg: Francesco Fasano Foto © Stephan Walzl
  • Der Ballettabend "1,5m" am Theater Oldenburg: Caetana Silva Dias Foto © Stephan Walzl
  • Der Ballettabend "1,5m" am Theater Oldenburg: Nicol Omezzolli Foto © Stephan Walzl
  • Der Ballettabend "1,5m" am Theater Oldenburg: Vincent Tapia Foto © Stephan Walzl

Die Tänzerinnen und Tänzer der Oldenburger BallettCompagnie haben zu Hause trainiert, sie sind gejoggt, haben online-Trainings abgehalten und haben versucht, geistig-seelisch und körperlich fit zu bleiben. Es ist ihnen gelungen! Nun, nach fast sieben langen Monaten darf die Kompanie von Antoine Jully auf die Bühne des Großen Hauses zurückkehren. Dies allerdings nicht gemeinsam, sondern nur nacheinander. Keine Ensembles, keine Gruppenchoreografien, die sie sonst mit Verve tanzen: heute ist jede*r von ihnen ein Solist, eine Solistin.

Antoine Jully hat eine kluge Mischung zusammengestellt aus Soloeinlagen der Ballettklassiker, Ausschnitten seiner eigenen Erfolgschoreografien, neuen Kreationen sowie einigen Arbeiten der Tänzer*innen, die sie selbst im Lockdown erarbeitet haben. Der Abend spiegelt schlaglichtartig die Entwicklung des klassischen Balletts über einen Zeitraum von 200 Jahren.

Die Choreografien berühren, unterhalten und präsentieren vor allem die unbändige Tanzlust und das profunde tanztechnische Können der gesamten Kompanie. Sie wagen sich an die großen Solorollen des klassisch-romantischen Repertoires aus den Balletten Coppélia, La Sylphide, Schwanensee und viele mehr. Diese Solovariationen haben es in sich: die größten Ballerinen haben sie getanzt - es ihnen nachzutun, ist kein leichtes, sehr wohl aber ein ambitioniertes, lohnendes Unterfangen. Vor drei Wochen noch sprang Teele Ude akrobatisch über Tisch und Sofa im Kinderstück „Apartment 7A“, jetzt tanzt sie mit Spitzenschuh und Tambourin in der Hand die „Esmeralda-Variationen“ nach Marius Petipa - welch tänzerischer Quantensprung!

Auch die choreografische Bandbreite von Antoine Jully in seinen bisherigen Oldenburger Jahren wird an diesem Abend thematisiert. Ausschnitte aus seinen Balletten zeigen: „L'Arlésienne“ (dramatisch hier Vincent Tapia), „Arépo“(Keiko Oishi und Francesco Fasano), „Is this it?“ (Nicol Omezzolli) und „Artikulation“ (mit intensiver Körpersprache: Samory Flury). Besonders berührend ist der erste Auftritt der neu engagierten Tänzerin Lucia You, die vom Malandain Ballet Biarritz neu in die Kompanie gekommen ist. Sie tanzt das Schlusssolo aus „Vanitas“ zum Chanson „Avec le temps“ von Léo Ferré einsam und doch mit so feiner Präsenz.

In neuen Kreationen des Chefchoreografen tanzen Keiko Oishi, die eine brilliante, zeitgenössische Klassik zeigt, die wunderbare Caetana Silva Dias in dem Fado-Song „Com que voz“ und wieder Teele Ude in einer modernen Interpretation des „Sterbenden Schwans“ zur Musik von Camille Saint Saëns. Nur eine weiße Feder ist noch übrig von dem Schwan, das Kostüm: ein stilisiertes Tutu mit rechts und links jeweils 1,5 Metern Länge, das durch einen Draht im Saum zusammengehalten wird. Was die Tänzerin damit tanzt, ja zelebriert, ist eine wunderbare Abstraktion, ein moderner Schwan im virtuosen Kampf mit seinem riesigen Rock, der ihn einsam werden lässt und auf Distanz hält: zu den Menschen, zur Welt. Eine gelungene Anspielung auf unser aller Erfahrung mit den allgegenwärtigen Abstandsregeln. Nur die allerletzte Pose am Boden erinnert noch an das berühmte Vorbild - uraufgeführt von Anna Pawlowa im Jahr 1907.

Zwischendurch sind immer wieder die Choreografien der Tänzer*innen eingestreut: berührend tanzt Nicol Omezzolli in eigener Choreografie die Beklemmungen während des Lockdowns: ihre Einsamkeit, ihre Angst um geliebte Menschen. Auch Laura Cristea thematisiert diese Zeit in ihrem Solo „Locked down“ mit einer interessanten Sound Collage ihrer eigenen Stimme und mit fragilem Tanz. Nonchalant und virtuos changiert der flinke Seu Kim zwischen Klassik und zeitgenössischem Vokabular und macht selbstvergessen seine Exercises mit der Hand am Portal.

Was aber Francesco Fasano mit seinen jugendlichen 20 Jahren in seiner Choreografie zu „Bébé Funk“ von Hugues Le Bars zeigt, ist so frech, frisch, ja groovig, dass einem das Herz aufgeht. Gemeinsam mit Teele Ude, die ihm in Spitzenschuhen wie ein Zwilling synchron - und immer auf Abstand! - folgt, tanzen sich die beiden den ganzen Corona-Frust aus dem Leib und sprühen nur so vor Freude, wieder tanzen zu dürfen! Spätestens jetzt springt der Funke zum Publikum über und für dieses - ganze 120 Menschen dürfen im gesamten Großen Haus Platz nehmen - ist auch seitens des Theaters gesorgt. Im Parkett gibt es zu jeweils zwei nebeneinander stehenden Stühlen kleine Beistelltische und Getränke - eine Atmosphäre wie in einem alten Programmkino. Allerdings: ob das wohl so stimmig ist und den Leistungen der Künstler*innen auf der Bühne gerecht wird?

Es können hier nicht alle 19 Programmpunkte besprochen werden, aber eines sei gesagt: es lohnt sich die Oldenburger BallettCompagnie wieder tanzen zu sehen! Es sind 1,5 Stunden, die vergessen lassen, dass es Corona gibt. Man kann wieder ins Theater gehen, trauen Sie sich! Lang anhaltender, dankbarer Applaus beschließt einen denkwürdigen Abend.

Veröffentlicht am 06.10.2020, von Renate Killmann in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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