„Human“ von So-Yeon Kim-von der Beck. Tanz: Ensemble

„Human“ von So-Yeon Kim-von der Beck. Tanz: Ensemble

Raum für einen Traum?

Premiere von „Interaction / Recycling I“ im Kleinen Haus des Oldenburger Staatstheaters

Der neue Ballettabend der Ballettcompagnie Oldenburg unter der Leitung von Antoine Jully bewegt sich in einem Dreischritt voran: abstrakt - ideenhaft bei Antoine Jully, in gesellschaftlicher Fragestellung bei Guillaume Hulots „Ravages“ und ganz persönlich in So-Yeon Kim-von der Becks „Human“.

Oldenburg, 08/11/2022

Den Anfang macht Jullys Choreografie „Interaction“, in der sich der Choreograf mit den Ideen von Albrecht Elsässers Skulpturen auseinandersetzt. Albrecht Elsässer, Arzt und Bildhauer zugleich sieht in der Kugel als vollkommene geometrische Form ein Symbol für das Individuum und in dem Fünferzyklus seiner - im Foyer im Original ausgestellten Edelstahlobjekte - ein Synonym für die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen. Impression, Expression und Kompression sind die Urkräfte, die sowohl die verschiedenen Formen seiner Kugelobjekte hervorbringen als auch im übertragenen Sinne die Erfahrungen des Menschen während seiner Selbstwerdung darstellen sollen. Impression: Eindrücke und Erfahrungen hinterlassen Spuren: konkave Einbuchtungen / Expression: individuelle Entfaltung ist raumgreifend: konvexe Ausstülpungen / Kompression: Verdichtung (des Materials oder im zwischenmenschlichen Erleben) bis zur Schmerzgrenze und deren Auflösung. All dies kommt in den fünf Objekten, die für die Vorstellung aus Kunststoff nachgebildet wurden, zum Ausdruck. Nun findet in Antoine Jullys Interpretation aber keine direkte Konfrontation zwischen den Tänzer*innen und den Objekten statt, die Skulpturen schweben gleichsam wie eine Idee, eine geistige Vorlage für die jeweiligen Tanzszenen mal über, mal neben der Szene.

Der Choreograf entwirft für seine in Teilen neu geformte Kompanie (5 von 16 Tänzern sind neu engagiert) ein interessantes Wechselspiel der menschlichen Begegnungen: Identität erklärt er als eine unauflösliche Schleife von Ähnlichkeiten und Unterschieden. So entwickelt sich eine eigenständige Tanzschöpfung, die sich eher thematisch an Elsässers Ausführungen zu den Objekten orientiert. Dabei überzeugt einmal mehr Jullys eleganter und tanztechnisch herausfordernder Stil, der auch mit überraschenden Bewegungselementen aufwartet, die seine Tanzsprache ergänzen und immer wieder neu und interessant erscheinen lassen. Das gut eingespielte Team integriert die neuen Tänzer*innen fabelhaft, wobei sich einige von ihnen wohl noch an Jullys rasanten Stil gewöhnen müssen.

Als drittes Element der Interaktion zwischen Tanz und Skulptur gesellt sich eine von Gunnar Brandt-Sigurdsson erstellte Soundcollage, die er als Auftragswerk für diesen Abend komponiert und größtenteils mit eigener Stimme eingesungen, bearbeitet und verfremdet hat. Mit seiner unkonventionellen musikalischen Fantasie hatte er schon bei Antoine Jullys „Kunst der Fuge“ beeindruckt und liefert hier mit einer mal melodischen, mal sperrigen Musik, in der auch die Texte Elsässers verfremdet mit eingeflochten sind, eine hervorragende musikalische Vorlage, die Antoine Jully geschickt zu nutzen weiß. Ein gelungenes Gesamtkunstwerk von hohem Anspruch!

Im zweiten und dritten Teil widmen sich die beiden Gastchoreografen dem „Recycling “ – einer von Antoine Jully neu angelegten Reihe, in der die theatereigenen Ressourcen erneut genutzt werden sollen. Jedoch: wie kann das aussehen, wenn Choreografen ältere Bühnenbildteile und Kostüme für ihre Kreationen einsetzen?

Um es gleich vorweg zu sagen: es funktioniert nicht immer! Die in Guillaume Hulots „Ravages“ genutzten schwarzen Ganztrikots wirken ein wenig altmodisch und passen nicht wirklich zu seinem eher zeitgenössischen Choreografie-Stil. Stimmiger wird es, wenn die Tänzer*innen nach und nach Teile davon herunterstreifen und die Tänzerkörper in ihrer menschlichen Verletzlichkeit und Ausdruckskraft dadurch präsenter hervortreten. Am Ende stehen sie fast nackt da, wie Urmenschen, während eine Wolke aus Styroporkugeln über ihren Köpfen hereinbricht. Hulot bewegt sich in seinem Triptychon „Ravages“, was so viel wie Verwüstung heißt, in der Zeit zurück: von der Jetztzeit mit ihrem egoistischen Ausnutzen der Weltressourcen bis hin zu einer Vergangenheit, in der die Menschen eher (oder ebenfalls?) triebhaft mit Nahrungsbeschaffung und Reproduktion beschäftigt waren. Viele Fragen treiben den Choreografen um, sind aber in seiner Choreografie, die sich stilistisch zwischen Klassik und Zeitgenössichem Tanz bewegt, für das Publikum nicht genügend nachvollziehbar. So auch die Frage, wie der Traum Wirklichkeit werden kann, dass es noch nicht zu spät ist mit unserem Leben auf dieser Erde.

Nach dieser mehr gesellschaftlichen Auseinandersetzung bringt die Choreografie „Human“ von der koreanische Choreografin So-Yeon Kim-von der Beck die an diesem Abend wirklich sparsam gestreuten bewegenden Momente, vor allem in den weiblichen Tanzsequenzen. Gleich das Solo zu Beginn berührt, denn es thematisiert die Sehnsucht des Menschen nach Leben, Liebe, Existenz und wird wunderbar einfühlsam getanzt von Nicol Omezzolli. Nach einigen Ensemble-Szenen, in denen die Tänzer*innen unisex in riesige Plastikröcke gesteckt wurden - mit denen sie eher kämpfen als tanzen und unter denen ihre schöne Tanztechnik kaum noch zu sehen ist - beeindruckt wieder eine Art „Schwestern-Duett“. Mit viel Hingabe tanzen Garance Vignes und Elizabeth Cohen die Thematik der gemeinsamen Sehnsucht, des einander Helfens und rufen mit ihrem Tanz den einzigen Spontanapplaus des Abends hervor. Das Ende bestreitet dann eine Art männlicher Tanzengel, der in alt-koreanischer Tradition mit Stöcken verlängerte Ärmel hat und eine Ode an die Hoffnung zu einem von Ferruccio Busoni bearbeiteten Bach-Choral tanzt.

Abstrakt – gesellschaftlich – persönlich: dieser Ballettabend regt zum Nachdenken an und ist in jedem Falle sehenswert. Und: Recycling im Theater ist eine gute Idee, sie ist allerdings noch sehr ausbaufähig.

 

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