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Münster

TANZENDE HÜHNER

„Bildzerstörer“ von Bodytalk und Teatr Rozbark im Pumpenhaus Münster



Ein visuell-akustisch-emotionaler Urknall: Yoshiko Waki und Rolf Baumgart legen mir ihrem neuen Stück erneut einen aktuellen politischen Tanzabend vor, der vor allem durch beeindruckende Bilder in Bann schlägt.


  • „Bildzerstörer“ von Bodytalk und Teatr Rozbark im Pumpenhaus Münster Foto © Klaus Dilger
  • „Bildzerstörer“ von Bodytalk und Teatr Rozbark im Pumpenhaus Münster Foto © Klaus Dilger
  • „Bildzerstörer“ von Bodytalk und Teatr Rozbark im Pumpenhaus Münster Foto © Klaus Dilger
  • „Bildzerstörer“ von Bodytalk und Teatr Rozbark im Pumpenhaus Münster Foto © Klaus Dilger

Von Dr. Torben Ibs

Am Ende tanzen sogar die Hühner. In einem fulminanten Schlussbild wirft sich der ehemalige Bolschoi-Tänzer Aleksei Torgunakow mit vollem Spitzeneinsatz in das Getümmel, das sich bereits vorher mit sechs wildtanzenden Hähnchen in Windeln aufgebaut hatte. Die sechs übrigen Tänzerinnen und Tänzer betätigen sich als Puppenspieler, die den Produkten aus der Kühltruhe erneut Leben einhauchen: Dazu erklingen die romantischen Klänge von Tschaikowskys Nussknackerwalzer. Ein visuell-akustisch-emotionaler Urknall.

„Bildzerstörer“ heißt dieser neue Abend von Bodytalk und Teatr Rozbark, der am 18. September im Pumpenhaus Münster das Licht der Welt erblickte. Yoshiko Waki und Rolf Baumgart legen damit erneut einen aktuellen politischen Tanzabend vor, der vor allem durch beeindruckende Bilder, die Zuschauer*innen in seinen Bann schlägt und an vielen Stellen eher eine Materialperformance denn zeitgenössischer Tanz ist. So halten die sechs Ensemblemitglieder, während sie sich in einer Reihe auf der Bühne bewegen, eine meterlange Papierfläche vor sich, auf die der Maler René Haustein einen riesigen Vogel malt, bloß um dieses Bild dann von innen aus zu zerstören - mit Messern durch das gemalte Herz des Vogels. Diese Tiere ziehen sich leitmotivisch durch den Abend, während die Bildzerstörung eher metaphorisch zu fassen ist und schlussendlich meist vor allem unerwartete Neumontagen von Themen darstellt. Und einem Materialberg erschafft, der im hinteren Teil der Bühne zu erstaunlichen Ausmaßen heranwächst, voller Bildreste, Klopapierrollen oder Fetzen von verschmutzten Tanzteppich. Immer wieder müssen die Performer*innen ausrücken, um den Boden von Flüssigkeiten oder Papierresten zu säubern.

Dazu liefert der Musiker Jan Paul Werge mit einem wilden Mix den Soundtrack für diese Bilder- und Materialschlacht. Er hat merkwürdige Instrumente mitgebracht, die eher folkloristischen Panflötensound erzeugen oder legt einen elektronischen Soundteppich über die wirbelnden Körper. Auch an Hip-Hop-Beats oder einer neuen ironisch gebrochenen Version von „Life is Life“, das zu „Fleisch ist Fleisch“ wird, versucht er sich erfolgreich.

Es ist ein schneller Abend, den die insgesamt acht Protagonist*innen mit viel Verve abliefern. Eben noch steht eine Art vielarmige Plastikdomina auf der Bühne, um die sich dominierte Pärchen drehen, dann erscheint auf einmal ein Tänzer, der nur mit Klopapierrollenpappen bekleidet ist und von irgendwo wird ein Plastikpenis auf einem Silbertablett serviert, um dann mit einem Messer attackiert zu werden, während aus einem Männerarsch auf einmal Rosen wachsen. Der Aufstand gegen patriarchale Denkmuster knallt hier frontal mit lustvoll gelebter männlicher Homoerotik zusammen. Simone de Beauvoir trifft auf Jean Genet, am Ende steht es unentschieden. Dazwischen gibt es kurze, sehr persönliche Monologe zu Diabetes und Corona, woran wiederum Schwarzlichttheater anschließt oder mitten im dem Bühnenwirbeln plötzlich eine Art Waldschrat auftaucht, der an traditionelle Karnevalskostüme aus Alpendörfern erinnert. Dazu viel nackte Haut und schwitzende, alles andere als kontaktscheue Körper, die sich herumwirbeln, schieben, drücken, klammern oder eben Tiefkühlhühnchen Windeln anziehen. Der sich sogartig entwickelnde Assoziationsstrom wird dabei immer durch die Klammern der Bildzerstörung zusammengehalten.

Der Höhepunkt dieser Bilderverwirrung sind dann die tanzenden Hühnchen. Darf man das? Die Tönnies-Schlachthöfe sind von Münster nicht weit weg und erst die Überzeichnung sorgt hier für die Deutlichkeit, wäre die Meinung der Befürwortenden, während andere einfach angeekelt sind. So schafft dieser Abend auf jeden Fall Diskussionsanlässe außerhalb der gemütlich theoretisierenden Komfortzone. So schafft es Bodytalk einmal mehr den Finger in die Wunden der Wohlstandsgesellschaft zu legen und legt zudem einen energetisch extrem dichten Abend mit starken Bildern vor.

Veröffentlicht am 20.09.2020, von Gastbeitrag in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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