Bodytalk und das Teatr Rzobark: „Drift“

Sprengt die Ketten!

Bodytalk und das Teatr Rzobark zeigen „Drift“ als Uraufführung

Es geht immer um Kohle, sie lässt einen die Ketten spüren. Die deutsch-polnische Koproduktion probt im schlesischen Kohlerevier die Explosion und bringt 145 tote Bergleute zum tanzen. Gruselig? Ekstatisch!

Bytom, 11/05/2026

Fast wäre diese Premiere ins Wasser gefallen. Kurz vor Start im Teatr Rzobark in der Halle eines ehemaligen Kohlenbergwerks im polnischen Bytom ist eine Traverse mit zwei Elektromotoren abgestürzt und eine Aufführung war mehr als fraglich. Vielleicht war dies ja das Werk eines der Geister, die hier herumspuken sollen. Bei einem Grubenunglück 1923 sind 141 Bergleute und vier Helfer umgekommen. Die Leichen der Geborgenen wurden an gleicher Stelle aufgebahrt, wo jetzt Bodytalk aus Münster zusammen mit dem Ensemble des Teatr Rzobark das Tanzspektakel „Drift“ ins Leben rufen wollen. Kohlebergbau trifft hier auf Kunst, Heilige auf Tanzende, schwarzes Elend auf bunte Fantasie.

Schlussendlich verzögert sich der Start nur um eine halbe Stunde, und mit ein paar improvisierten Anpassungen kann der Abend starten. Kopflampen irren über die dunkle Bühne, auf Rollbrettern eilen drei Performer wie in Loren umher, hier seilt sich eine Performerin ab, an anderer Stelle krabbelt jemand an einer Leiter hängend. Gleich von Anfang an saust und klappert es an allen Ecken und Enden, und die bekannte Bodytalk-Dynamik beginnt sich zu entfalten. 

Ein Performer erzählt im Handstand von seiner Bergbaufamilie, von dem Unglück hier vor über 100 Jahren, doch bald schon wechselt das Thema. Die Ketten, die eben noch Waschgauben illustrierten werden zum Maibaumtanz. In der Mitte eine angekettete Aleksandra Kępińska (Kostüme: Iga Filimowska), während die Ketten gefährlich auf den Boden schlagen und aufbäumenden Krach machen: „Tänzer, bewegt auch, damit ihr die Ketten spürt.“ Eine Kette wird zur Ballettstange, und einer Tänzerin wird das Bein mittels Seilzug nach oben gezogen: Pas de Mine. Hula Hoop Reifen kommen in wahren Massen zum Einsatz, und eine riesige schwarze Folienblase verschlingt wie ein Stück Kohle alles, was sich ihr in den Weg stellt. Es geht doch immer nur um Kohle.

Schwarze Kohle, schwarze Farbe und eine merkwürdige Heilige

Dass Bodytalk, bestehend aus der bei Kresnik geschulten Choreografin Yoshiko Waki und dem Musiker und Produzenten Rolf Baumgart, ausgerechnet bei Teatr Rozbark unter der künstlerischen Leitung von Anna Piotrowska, die in dem Stück auch mittanzt, gelandet sind, ist das Ergebnis einer langjährigen Kooperation. Bereits in den letzten Stücken hatten einige Tänzer aus Bytom bei den Münsteranern mitgemacht, jetzt, zum wahrscheinlichen Abschluss dieser Amtszeit von Piotrowska klappt es endlich mit der gemeinsamen Produktion in Polen.

Piotrowska hat ihren großen Auftritt bei dem Stück als Santa Barbara, als Urmutter, als Pachamama, als Dämonin, Menschenfresserin, die von ihren hundegleichen Untertanen angebetet und gefürchtet, aber gleichzeitig auch mit Hämmern traktiert wird. Wer gibt, wer nimmt? Alle! Hier beginnt der große Auftritt von René Haustein, eigentlich bildender Künstler, aber seit Jahren performativer Wegbegleiter und hier auch Bühnenbildner. Er bemalt seinen nackten Körper zusammen mit einer Art Double mit schwarzer Farbe, um der Gier nach Kunst nachzukommen, doch bald schon liefert er sich mit Ewa Noras und Daniel Zych eine Art Liebeskampf, bei dem Noras halbnackt und mit schwarzer Farbe beschmiert über die Bühne wankt. Geisterstunde der Kohlen-Zombies, sogar ein Drache als riesige Puppe, ähnlich wie beim Bread and Puppet Theater, hat noch einen bedrohlichen Auftritt und Haustein sinkt und singt: „Am Ende des Lichts ist ein Tunnel.“

Atmosphäre statt Bedeutungszwang

Neu an diesem Abend ist der massive Einsatz elektronischer, stampfender Musik, die Szymon Tomczyk live im Hintergrund produziert und die von Baumgart ausgesuchten musikalischen Arrangements mehr als nur ergänzt. Auch neu sind die großen Video- und Mappingszenen, die Sven Stratmann gestaltet hat. Tänzer*innen stehen in einem Meer aus Händen, wabernde Bilder über sich bewegende Körper, und die Folienkohle gewinnt durch divergierende Muster eine weitere Plastizität.

Am Ende versinkt die ganz Bühne in einem wütenden Schmodder aus schwarzen Bändern. Sie fliegen wild umher, die Tanzenden suhlen sich darin, bewerfen sich damit, alles eskaliert erwartungsgemäß, nur um in einem bunt-seligen Abschluss zu enden. Dass die Energie hier über technische Präzision und mitunter Fertigkeiten geht, ist offensichtlich. Bodytalk liebt das Spektakel, liebt es Schicht auf Schicht zu legen, die Bedeutungen sind vage, erschließen sich eher über die Atmosphäre als über Inhalt oder Intellekt. Doch gleichzeitig vermag es immer wieder zu fesseln als Alternative zu den aseptischen und verkopften Versuchen, die (allzu) oft die Bühnen der freien Szene bevölkern. Erst im Tanzen spürt man die Ketten. Lasst sie uns sprengen!

 

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