HOMEPAGE



Berlin

FREVEL ZUR STÄRKE

Die Figur der Hexe im Stück von Ursina Tossi



Resilienz und der solidarische Zusammenhalt von Körpern ist immer wieder Thema der Hamburger Choreografin und wird in "Witches", das im Berliner Ballhaus Ost zu Gast war, facettenreich aufgespalten.


  • "Witches" von Ursina Tossi Foto © Sinje Hasheider
  • "Witches" von Ursina Tossi Foto © Sinje Hasheider
  • "Witches" von Ursina Tossi Foto © Sinje Hasheider
  • "Witches" von Ursina Tossi Foto © Sinje Hasheider
  • "Witches" von Ursina Tossi Foto © Sinje Hasheider
  • "Witches" von Ursina Tossi Foto © Sinje Hasheider

Ich werde, bin angeklagt. Ich sitze fest, mit wirren Augen durchforste ich den Raum um mich, der stetig enger wird, näher kommt. Die Gesichter der Anklagenden verschwimmen. Etwas drückt sich in meinen Rücken. In mir wütet es. Bahnt sich seinen Weg durch Gefäße und Muskeln, drückt zur Seite, beult aus, entkommt meinem Körper. Schreit sich in die Welt. Wo sich alles verformt. Die Wahrheit zur Lüge. Aufrichtigkeit zur Hinterhältigkeit. Freiheit zu Besitztum. Stärke zu Frevel. Die Richtungen ändern sich schnell. Springen hin und her. Das Sein wird zur Anmaßung erklärt. Kraft strotzend entblößt sich die Wut.

Tatsächlich befinde ich mich im Ballhaus Ost in Berlin. In der Mitte des Bühnenraumes, ein Zirkel aus schwarzen Papierfetzen. Geschredderten Müllsäcken. Asche. Die fünf Tänzerinnen beginnen zu weinen, zu heulen, zu jammern. Diese übertriebene Verzweiflung hinterlässt, nach einem sanften Einstieg in das Stück, erstmal Irritation, läutet aber bereits einen Ton des Stückes ein, der sich von da an immer weiter steigert bis die Irritation sich transformiert, an Stärke gewinnen wird.

In dem sanften Einstieg zuvor wurde man von den einzelnen Tänzerinnen zu den Plätzen am Boden begleitet und aufgefordert die Augen zu schließen, dann folgten Anweisungen einer klaren, ruhigen Stimme. „Entspann deinen Körper.“ Ein Countdown wird hinunter gezählt. Simple Anweisungen folgen einer jeden Zahl. Die Stimme lotst den Körper immer weiter in die Tiefen der Erde. Lässt ihn sinken. Lässt ihn sich ausdehnen. Die Begriffe Zukunft und Faschismus fallen. Eine Direktheit, die im absoluten Widerstand mit der Ruhe der Situation steht. Sinn ergeben sie allemal im Anbetracht dessen, was kommen wird.

Was kommen wird sind wildeste Eindrücke von Verzweiflung, Hysterie und Wut. Sie beginnen zu verschwimmen mit solchen von Stärke, Widerstandskraft, Aufbegehren und Stolz. Die Resilienz und der solidarische Zusammenhalt von Körpern ist immer wieder Thema der Hamburger Choreografin Ursina Tossi und wird auch hier wieder facettenreich aufgespalten. Spannungsgeladen zucken die Körper der Tänzerinnen, werfen große Gesten in den Raum und verführen mit kleinen Handbewegungen und wilden Blicken. Was schreckt hier so sehr ab und zieht gleichermaßen in seinen Bann? Die Konnotation der hysterischen Frau, des auffallenden, ungehorsamen Körpers? Unangepasst und provokativ verbinden sich Zungen, spuken und lachen die Münder, werfen sich die Körper dem Publikum und sich gegenseitig entgegen. Die Zuschauer*innen werden dabei immerfort aufs Neue mit Bildern vermeintlich ausbrechenden Irrsinns und triebgesteuertem Treiben konfrontiert, und dadurch mit Fragen woher denn diese Irritation kommt, wie tief diese Zustimmung mit der Richtigkeit von Zurückhaltung doch in einem sitzt, die sich auch in dem ach so gleichberechtigtem Selbst immer noch Bahn schlägt. Wofür wird sich geschämt? Wer bestimmt diese Grenzen?

Zur gleichen Zeit fühlt man auch Verbundenheit, Eingebundenheit. Die Tänzerinnen bewegen sich durch das gesamte Stück wie Geheimnistragende, Wissende, bilden eine Schneise zwischen Vergangenem und Zukünftigem, scheinen dadurch der Gegenwart komisch entrückt. Als hätten sie einen stärkeren Drang zu dem zu sprechen was war, was geschehen ist, aber auch was kommen wird. Wofür angeklagt, gehetzt und gestorben wurde und werden wird? Diese schauerhafte Verbindung zwischen faschistischen Ideologien und sexistischen, patriarchalen Strukturen, der Vereinnahmung des Uterus, dem als Gebärmaschine die volkserhaltende Verantwortung auferlegt wird lässt einen bis ins Mark erzittern und gleichzeitig weckt es eine ungeahnte Kraft. Zu Gunsten des Gemeinwohl lässt es sich auch trotzen! Alles was nicht soll wird werden. Erhebt euch!

Veröffentlicht am 11.03.2020, von Elisabeth Leopold in Homepage, Gallery, Blogs

Dieser Artikel wurde 3097 mal angesehen.



Kommentare zu "Frevel zur Stärke"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    KÖRPERLICHE UND RÄUMLICHE GRENZEN AUFLÖSEN – DIE SEHNSUCHT NACH BERÜHRUNG

    ROSE LA ROSE von Jüngst/ Rykena im Video-Stream von Kampnagel Hamburg

    Die beiden Choreografinnen Carolin Jüngst und Lisa Rykena erforschen in ROSE LA ROSE mit den Peformer:innen Amelia Cavallo und Tian Rotteveel die Beziehung zwischen Sprache und Bewegung. Die von Beginn an präsente Audiodeskription von Ursina Tossi bietet nicht nur leichteren Zugang zum Stück für blinde und sehbehinderte Menschen, sondern bringt auch eine starke künstlerische Ebene mit ins Spiel.

    Veröffentlicht am 10.03.2021, von Gastbeitrag


    RESISTING ANTHROPOCENE

    “Bare Bodies – Bodies & States of Exception” by Ursina Tossi at Kampnagel

    Naked bodies referred to Matisse “Dance”, Roman bas-reliefs or “Laocoön” and at the same time to the glitched objects from 3D-printer. That could be the beginning of the “Space Odyssey” or the end of it.

    Veröffentlicht am 30.03.2017, von Gastbeitrag


    IT’S ABOUT US - DER KÖRPER IM WIDERSTAND

    Die Hamburger Choreografin Ursina Tossi zeigte ihr neues Stück „Resisting bodies. body-activism-dance“ im Kunstverein Harburger Bahnhof

    In einem Zwiespalt von Weichheit und Stabilität begehren Ursina Tossis Körper auf, sind aktiv und passiv zugleich.

    Veröffentlicht am 23.06.2016, von Elisabeth Leopold


    SEH SIE FLIEGEN

    "Excellent Birds" der Choreografin Ursina Tossi im Kunstverein Harburger Bahnhof

    Die Performerinnen liegen im Schein bläulicher Leuchtstoffröhren auf dem Boden. Ausschließlich mit alten Pilotenbrillen ausgestattet, die auch 3D Brillen sein könnten, sind die Körper zur Aktivierung bereit. Operation One, das Spiel beginnt.

    Veröffentlicht am 24.02.2015, von Elisabeth Leopold


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    BALLETTDIREKTOR DER PARISER OPER BENJAMIN MILLEPIED CHOREOGRAPHIERT „DER NUSSKNACKER“ AM BALLETT DORTMUND

    Premiere am Sonntag, 18. Oktober 2015, im Opernhaus Dortmund
    Veröffentlicht am 26.09.2015, von Pressetext


    ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

    30 Jahre Tanzwerkstatt Europa
    Veröffentlicht am 23.07.2021, von Vesna Mlakar


    IVAN ALBORESI BLEIBT

    Der Vertrag des Ballettdirektors wird um 5 Jahre verlängert
    Veröffentlicht am 23.07.2021, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    AUSSTELLUNG UND SYMPOSIUM "WHO'S TALKING?"

    Erste virtuelle Ausstellung von KOLK 17: „Who’s Talking? Sechs künstlerische Blicke auf die Sammlung KOLK 17“

    Seit 2018 ist die Sammlung von KOLK 17 nicht mehr öffentlich zu sehen, da die Ausstellungsräume umfassend saniert werden. Die ca. 20.000 verschiedensten theatralen Artefakte aus Europa, Asien und Afrika lagern nun seit über drei Jahren im Depot. Über die Figuren außereuropäischer Provenienz ist wenig bis gar nichts bekannt.

    Veröffentlicht am 20.07.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    KOEGLERNEWS 10

    Was nicht in den deutschen Zeitungen und Zeitschriften steht

    Veröffentlicht am 10.08.2009, von oe


    TRAGISCHER VERLUST FÜR DIE TANZWELT

    Colleen Scott unerwartet verstorben

    Veröffentlicht am 10.05.2021, von tanznetz.de Redaktion


    LIAM SCARLETT SUSPENDIERT

    Vorwurf des sexuellen Missbrauchs

    Veröffentlicht am 31.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    TÄNZER*INNEN VON HEUTE UND MORGEN

    Ein Zoom-Interview mit den Geschwistern Julian MacKay, Nicholas MacKay, Nadia Khan und Maria Sascha Khan.

    Veröffentlicht am 02.07.2021, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP