„Post Gravity Bodies“ von Kattalin Newiger Mitxelena

Tanzexperimente

Limited Edition bei K3 – Tanzplan Hamburg

Gemeinsam an einem Abend präsentierten junge Hamburger Choreograf*innen ihre in den K3-Studios erarbeiteten Produktionen. Was dabei herauskam, sind spannende tänzerische Experimente, an denen definitiv weitergeforscht werden sollte.

Hamburg, 28/06/2022

Jedes Jahr von April bis Juni arbeiten Newcomer der Hamburger Tanzszene im Rahmen von Limited Edition in den K3-Studios, um abschließend ihre Produktionen gemeinsam an mehreren Abenden auf Kampnagel zu präsentieren. Im Stundentakt zeigten am vergangenen Wochenende Damini Gairola, Alexander Varekhine und Kattalin Newiger Mitxelena ihre Arbeiten – eine intensive und im positivsten Sinne herausfordernde Erfahrung für das Publikum, da sich alle drei Choreograf*innen an spannende tänzerische Experimente heranwagten.

Damini Giairola experimentiert in „Danke für Ihren Besuch“ mit unseren Wahrnehmungs- und Sehgewohnheiten. Schon beim Betreten des Bühnenraums der K4 ist Ursina Tossis Stimme zu vernehmen, die in ruhiger und einladender Stimme die Bühnensituation („Die Bühne ist heute ein Kreis“), den Raum, das Licht- und das Audiokonzept beschreibt. Nachdem die Zuschauer*innen Platz genommen haben, folgt die freundliche Einladung, die Augen zu schließen. Schnell wird klar, dass Ursina Tossi den gesamten Abend mit ihren Beschreibungen dessen, was auf der Bühne passiert, begleitet wird, und man sich wirklich darauf einlassen könnte, das Stück ohne die Augen wahrzunehmen. Und das – so stellt sich immer wieder heraus – ist gar nicht so einfach. So sehr sind wir daran gewöhnt, im Theater zu gucken, so sehr nimmt in manchen Momenten die Neugier die Überhand und die Augen öffnen sich fast von alleine. Gelingt es allerdings, sich auf das Experiment vollends einzulassen, ist diese sogenannte integrative Audiodeskription nicht nur ein Mittel der Accessibility, sondern eröffnet auch völlig neue Wahrnehmungshorizonte. Plötzlich spürt man den Tanz, wenn die beiden Performerinnen Damini Gairola und Maitreyee Joshi nah an einem vorbeihuschen, plötzlich werden die Audiobeschreibungen durch Bilder vor dem inneren Auge ergänzt.

„Danke für Ihren Besuch“ kreiert darüber hinaus aber auch Momente des kollektiven Erlebens. Im Laufe des Abends wird die mythologische und literarische Figur des Tricksters eingebracht, eine Gestalt, die die Ordnung des Universums durcheinanderbringt. Dieser Trickster befinde sich seit zwei Jahren unter uns und hinterlasse nachhaltig seine Spuren. Dem Schmerz über die Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre, den die Tänzerinnen in einem Moment aus sich heraus zu tanzen scheinen, wird mit einem sehr berührenden Moment entgegengewirkt, in dem die Zuschauer*innen die Tücher, die sie beim Betreten des Saals bekommen haben, aneinanderknoten und ein großes Band der Gemeinschaft kreieren. Es sind Momente wie diese, die in der Kombination mit der angenehmen Ruhe und Wärme der Produktion und dem Spiel mit Wahrnehmungen eine äußerst meditative Atmosphäre ausstrahlen und zeigen, dass Tanz und der Ort des Theaters über Grenzen jeder Art hinaus ein heilendes Potenzial bergen.

Weniger mit der Sehwahrnehmung, dafür aber mit der Wahrnehmung von Zeit experimentiert Alexander Varekhine in „A Line Is a Circle too“. Drei junge Tänzerinnen, gekleidet in schwarz-graue Oversize Pullover, weite schwarze Stoffhosen und weiße Turnschuhe, werfen sich in ein Wechselspiel von extremer Länge mit Bewegungsarmut und plötzlichen Ausbrüchen in energetische Momente. Gleich einer inneren, tickenden Uhr kreieren sie dabei durch kreisförmiges Laufen ihren eigenen Rhythmus, werden mal schneller mit schwingenden Armen, finden dann wieder in einen gefühlt minutenlangen Stillstand.

Es macht großen Spaß, von den Tänzer*innen, die das Publikum oftmals fast fordernd-provokativ fixieren, in manchen Momenten durch die Verweigerung von Bewegung und Veränderung bis aufs Äußerste strapaziert zu werden, um dann in anderen Momenten ihrer großen spielerischen Freude zusehen zu können. Die simplen, gar nicht so klassisch tänzerischen Bewegungen wie Laufen, Knieheben, Drehungen, Armschwünge und Sprünge entwickeln in der energetischen Kontrapunktierung einen wirkungsvollen Sog, sodass man von dem plötzlichen Black nach 45 Minuten schon fast überrascht wird.

Kattalin Newiger Mitxelena experimentiert in „Post Gravity Bodies“ mit einem Bewegungsrepertoire, das sich – wie der Titel vermuten lässt – von irdischen Vorstellungen der Schwerkraft zu lösen versucht. Zu einem sphärisch-überirdischen Livesound der Musikerin BereNike Wuhrer, der in einem Moment an Laurie Andersons experimentellen Song „O Superman“ erinnert, wandeln die drei Performer*innen durch den Bühnenraum – stets in einem Wechsel von Slow-Motion-Bewegungen und ruckhaften Impulsen. Mal finden die drei Körper zusammen und heben und senken sich als ein Körper, mal kreisen sie wie auf der Laufbahn eines Planeten um sich selbst und stoßen aufeinander, dann wiederum nehmen sie halb schwebende Halteposen ein. Das ist insbesondere deshalb interessant, da das Bewegungsrepertoire zwar eindeutig als etwas Über- oder Außerirdisches wahrzunehmen ist, sich gleichzeitig aber von stereotypen Vorstellungen der Schwerelosigkeit löst und stets die faktische Realität der Schwerkraft auf der Erde offenlegt. Einzig die Kostüme – bestehend aus grauen Sleeves mit Kapuzen, einem mit Mustern ausgeschnittenen schwarzen Rock-Oberteil – und der an der Decke hängende rote Bühnenplanet sind vielleicht ein wenig zu wörtlich genommen und hätten von einer etwas subtileren Interpretation profitiert. Am Ende folgt ein Voiceover, dass philosophische „What if-Fragen“ stellt. Was wäre etwa, wenn wir nie den Unterschied zwischen oben und unten gelernt hätten? Dann Black. Die Performer*innen gehen in kleinen Tippelschritten ab.

Nach drei intensiven Stunden bleibt der Eindruck, dass sich alle drei Choreograf*innen mit fruchtbaren künstlerischen Ansätzen beschäftigen, die keineswegs schon auserzählt sind. Es wäre äußerst spannend, wenn Damini Gairola, Alexander Varekhine und Kattalin Newiger Mitxelena ihre Erfahrungen durch Limited Edition nutzen, um weiterzuforschen und ihre tänzerischen Experimente noch mehr zu vertiefen.

Alle drei Produktionen sind am kommenden Wochenende online zu verfolgen.
Mehr Infos dazu gibt es auf der Homepage von K3 – Tanzplan Hamburg.

 

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