HOMEPAGE



Stuttgart

FARBENPRÄCHTIG UND FEIN ZISELIERT

Rollendebuts bei Marcia Haydées „Dornröschen“ beim Stuttgarter Ballett



Es ist eine der schönsten Versionen des Ballett-Klassikers – jetzt bekam mit Rocio Aleman, Martí Fernández Paixà und Alexander McGowan die zweite Garde ihre Chance für die wichtigsten Bravour-Rollen der Ballettgeschichte.


  • Marcia Haydée „Dornröschen“, Rocio Aleman, Martí Fernández Paixà Foto © Uli Beuttenmüller
  • Marcia Haydée „Dornröschen“, Alexander McGowan Foto © Uli Beuttenmüller
  • Marcia Haydée „Dornröschen“, Rocio Aleman, Timoor Afshar Foto © Uli Beuttenmüller
  • Marcia Haydée „Dornröschen“, Adrian Oldenburger, Rocio Aleman, Timoor Afshar Foto © Uli Beuttenmüller
  • Marcia Haydée „Dornröschen“, Schlusstableau Foto © Uli Beuttenmüller

Als 1987 Marcia Haydée ihre eigene Version von Tschaikowsky Ballett-Klassiker auf die Bühne brachte, kannten die Ahs und Ohs und Bravos kein Ende – aus zwei Gründen: Jürgen Rose, der absolute Großmeister aller Bühnen- und Kostümbildner, hatte wieder einmal ganze Arbeit geleistet und den Stuttgartern eine Ausstattung beschert, wie es weltweit in dieser Üppigkeit, Detailversessenheit und Farbenpracht keine zweite gibt. Grund Nummer zwei war, dass Marcia Haydée die böse Fee auf ihre Weise zeitlos gültig interpretierte – als androgyne Gestalt, die etwas Dämonisch-Zwingendes hat, das Böse schlechthin, das nie vergeht, aber doch zumindest für eine Zeitlang besiegt werden kann. Sie widmete diesen Part Richard Cragun, ihrem langjährigen Partner auf der Bühne und im Leben, der mit seiner legendären Sprungkraft und Bühnenpräsenz dieser Carabosse seinen ganz eigenen Stempel aufdrückte. Alle, die nach ihm kamen, mussten sich mit ihm messen, und kaum einer kam je an ihn heran.

Dass es ausgerechnet die zweite Garde war und noch dazu allesamt Eigengewächse aus der John Cranko Ballettschule, die bei ihren Rollendebuts eine Ahnung von dieser Magie wieder auf die Bühne brachte (für die Ersten Solist*innen ist das ohnehin schon selbstverständlich), spricht für das hohe Niveau, auf dem die gesamte Stuttgarter Kompanie tanzt (auch wenn hie und da bei den Ensembles noch einige Unebenheiten ins Auge fielen). Marcia Haydée selbst war wochenlang an ihrer alten Wirkungsstätte, um die Solistinnen und Solisten zu coachen – der Effekt war spür- und sichtbar.

Rocio Aleman zeigte eine äußerst anmutige Prinzessin Aurora, die ihren Part mit großer Delikatesse auf die Bühne ziselierte und auch beim gefürchteten Rosen-Adagio über die nötige Balance verfügte. Martí Fernández Paixà, der eine rasante Karriere hinlegte (2014 Eleve, 2016 Halbsolist, 2017 Solist), entwickelte als Prinz Desiré außergewöhnliche Strahlkraft und Bühnenpräsenz. Der Gruppentänzer Noan Alves war der Rolle des Prinzen des Südens absolut gewachsen, und auch bei den kleineren Partien im Märchen-Teil des 3. Aktes klappte für die Neulinge alles wie am Schnürchen: bei Alexander Smith als Hänsel ebenso wie bei Henrik Erikson als Aladin und Triston Simpson als Mandarin.

Ganz besonders ins Auge fiel jedoch die Carabosse des noch blutjungen, hochbegabten Alexander McGowan. Er entwickelte schon beim ersten Mal genau den Furor, den diese Rolle braucht, um ihre Magie auf der Bühne zu entwickeln. Wenn er jetzt noch mit der Zeit etwas mehr Erfahrung damit bekommt, kann daraus etwas ganz Großes werden. Augenfällig auch der Prinz des Ostens von Adrian Oldenburger, dessen Sprungkraft deutlich hervorstach. Oder auch der blaue Vogel des Gruppentänzers Christian Pforr, der mit Elisa Badenes als seine Prinzessin eine der glanzvollsten Ersten Solistinnen des Hauses an seiner Seite hatte. Als Ali Baba konnte Ciro Ernesto Mansilla zeigen, was er drauf hat – hohe Sprünge und eine selbstbewusste Präsenz.

Kurzum: Dieses „Dornröschen“ ist in jeder Besetzung sehenswert!

Veröffentlicht am 26.01.2020, von Annette Bopp in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 2257 mal angesehen.



Kommentare zu "Farbenprächtig und fein ziseliert"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    UMA FESTA PARA MARCIA

    Veröffentlicht am 20.04.2002, von oe


     

    AKTUELLE NEWS


    SO STIRBT EINE PRIMABALLERINA

    Ein Nachruf auf Ludmilla Naranda
    Veröffentlicht am 11.10.2020, von Vesna Mlakar


    BEKANNT FÜR TIEFGRÜNDIGKEIT UND HUMOR

    Neue Direktorin für die dance company Theater Osnabrück
    Veröffentlicht am 05.10.2020, von Pressetext


    FORSYTHE FÜR LEBENSWERK GEEHRT

    William Forsythe erhält den Deutschen Theaterpreis DER FAUST für sein Lebenswerk
    Veröffentlicht am 25.09.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    STEPHAN HERWIG :: IN FELDERN

    Das neue Tanzstück von Stephan Herwig feiert am Donnerstag, 29. Oktober 2020, in München Premiere.

    Das differenzierte Zusammenspiel von Tanz, Raum und Licht prägt Stephan Herwigs Choreografien - für seine neue Arbeit ergänzt und bereichert durch ein Objekt mitten im Bühnenraum.

    Veröffentlicht am 11.09.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DEUTSCHER TANZPREIS 2020 FÜR RAIMUND HOGHE

    Preisverleihung mit internationalen Gästen und erstmals als Livestream

    Veröffentlicht am 18.10.2020, von Anna Beke


    BALLETTWELT IM UMBRUCH

    Ein pädagogisches Konzept für die Münchner Ballett-Akademie

    Veröffentlicht am 20.10.2020, von Anna Beke


    “IN DANCING WE NEED TO DEVELOP THE HEART AND THE HEAD"

    An interview with Primaballerina assoluta Violette Verdy

    Veröffentlicht am 12.09.2012, von Annette Bopp


    TANZ DIE EINSAMKEIT!

    Der erste Ballettabend des neuen Direktors Demis Volpi mit zwei Uraufführungen

    Veröffentlicht am 16.10.2020, von Gastbeitrag


    DIE TANZEN JA EINFACH

    Sebastian Webers „Folk Fiction“ erzählt, ohne zu dozieren

    Veröffentlicht am 17.10.2020, von Rico Stehfest



    BEI UNS IM SHOP