HOMEPAGE



München

GANZ UND GAR VOM RAUM BESTIMMT

Jasmine Ellis und Evandro Pedroni im HochX München



„Everything blue“ – Uraufführung eines originellen, dank toller Interpret*innen und Teamzusammenarbeit gelungener Tanzzweiteilers, in dem ein Plattenspieler als ungewöhnliche Sound-Quelle fungiert.


  • "everything blue" - Jasmine Ellis und Evandro Pedroni im HochX München Foto © oh
  • "everything blue" - Jasmine Ellis und Evandro Pedroni im HochX München Foto © oh

Starke Sache, wenn Tanz einer Räumlichkeit Sinn verleiht. Dieser muss dann gar nicht ausnahmslos hyperelaboriert oder bewegungsschmissig daherkommen. Gerade in Evandro Pedronis choreografischem Auftaktstück „Blue“ teilt sich eigentlich alles mit – durch die Positionierung im kärglich mit Neonleuchten aufgehellten Bühnenraum ebenso wie durch die körperliche Ausrichtung und Haltung plus intensive Blickwechsel der drei Protagonist*innen. Zäh, denkt man zu Anfang vielleicht. Und wird dann doch mit hinein in den mysteriösen Bann zwischen Örtlich- und Persönlichkeit gezogen.

Die Ausdeutung impulsiver Leibkrümmungen oder expressiver Arm- und Beinartikulationen aber bleibt – vorerst zumindest – gänzlich assoziationsfrei dem Publikum überlassen. Ab dem Moment, wo Johanna Nielson und Robyn/Hugo Le Brigand zu immer schnelleren Beats synchron durch den Raum zu surfen beginnen, triumphiert ein zu reiner Struktur verdichteter Dialog, der die Zuschauer*innen mit einbindet, über mögliche inhaltliche Belange. Klar ist nur, dass dem von der Decke hängenden, mächtig über der Tanzfläche lastenden Stangengewirr irgendeine große Bedeutung innewohnt.

„Blue“ fasziniert mit einer Serie lebender Bilder, deren Fixpunkt die Tänzerin Quindell Orton ist. Auf ihren Unterarmen ruht – wie ein kostbares, fast heiliges Gut – ein Plattenspieler, der als ungewöhnliche Sound-Quelle des originellen, dank toller Interpret*innen und Teamzusammenarbeit gelungenen Uraufführungsabends „everything blue“ von Jasmine Ellis (Idee und Konzept) und Evandro Pedroni fungiert.
Nach 25 Minuten läutet ein herzhaftes, laut eskalierendes Lachgewitter die zwar lästige, doch notwendige Umbaupause im kleinen Münchner Theater HochX ein. Nur unter Ausschluss der Zuschauer gelingt der geniale Überraschungscoup, den Maximilian Hirning (Musik), Theresa Scheitzenhammer (Bühnenbild) und Clemens Krüger (Licht) hier zur atmosphärischen Verklammerung des thematisch letztlich eng verzahnten Zweiteilers bewerkstelligt haben.

Wieder zurück im Saal sieht man vor lauter umrisshaft zu Kommoden, Sesseln und einem Doppelbett verschraubten Stangen kaum mehr freie Flächen. Sehenswert, wie es Cristina D‘Alberto und Samuel Garcia Minguillon trotzdem gelingt, überaus schwunghaft darum herum und mitten hindurch zu rocken. Angestachelt von auf Vinyl gepressten Songs der Jazzformation „The Crown Sessions“. „Wird schon“, murmelt Jürgen Kärcher, und beamt sich mithilfe des jetzt im Regal stehenden Plattenspielers in die Vergangenheit. Sozusagen in eine Zeit, wo er es war, der mit seiner Frau übers Mobiliar tobte.

Baumelte die Wohnungseinrichtung bei Pedroni, dem in Wien beheimateten Brasilianer als bedrohliche Wolke oder überirdisches Kraftfeld über den Tänzer*innen, fordert sie nun Jasmine Ellis‘ choreografische Kunstfertigkeit heraus. Das Rätselraten um Situationshintergründe ist vorbei. Da kann Kärcher auf Deutsch und Englisch Sätze vernuscheln wie er will. Wegen seiner Abgefahrenheit macht der Halbstünder der Münchner Choreografin mit kanadischen Wurzeln einfach Spaß.

Veröffentlicht am 20.01.2020, von Vesna Mlakar in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 766 mal angesehen.



Kommentare zu "Ganz und gar vom Raum bestimmt"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    FREESTYLE HAPPENINGS

    Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München

    Individuell agierende Darsteller, die sich doch immer wieder mit Bewegungsmustern gegenseitig anstecken, nähern sich dem schwindenden Fingerspitzengefühl im menschlichen Miteinander auf erstaunliche Weise.

    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar


     

    LEUTE AKTUELL


    EIN JAHRHUNDERT-LEBEN FÜR DEN TANZ

    Die Tänzerin und Pädagogin Ingeborg Kölling verstarb am 16. Februar
    Veröffentlicht am 20.03.2020, von Gastbeitrag


    „DER TANZ HAT MICH GEFUNDEN“

    Porträt eines leidenschaftlichen Engagierten für den Tanz in Regensburg
    Veröffentlicht am 09.02.2020, von Michael Scheiner


    BETTINA MASUCH BLEIBT AM TANZHAUS NRW

    Der Vertrag von Bettina Masuch wird um 18 Monate verlängert. Sie bleibt somit bis Ende der Spielzeit 2021/22 Intendantin des Tanzhaus NRW in Düsseldorf.
    Veröffentlicht am 06.02.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SNOW WHITE

    SCHNEEWITTCHEN ALS INFLUENCERIN

    Mit Fredrik RydmansSnow White feiert eine zeitgemäße Neu-Interpretation des Klassikers ihre Deutschlandpremiere im Deutschen Theater München und zeigt ein schonungsloses Porträt der heutigen Zeit: Unser Kampf gegen das Altern, gegen Einsamkeit, gegen die Sucht nach Bestätigung – Snow White, eine Instagram-Ikone, hält uns den Spiegel des digitalen Zeitalters vor.

    Veröffentlicht am 02.12.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    KONSEQUENZEN IN BERLIN

    Gregor Seyffert und Ralf Stabel freigestellt
    Veröffentlicht am 18.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CLEARINGSTELLE FÜR BERLIN

    Neues zu den Vorwürfen an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 30.01.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Die digitale Tanzwelt erblüht

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    KULTUR IST SYSTEMRELEVANT

    Wir aktualisieren täglich: Soforthilfe für Künstler*innen in Corona-Krise

    Veröffentlicht am 21.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CORONA-VIRUS IN DEUTSCHLAND

    Viele Theater bleiben geschlossen

    Veröffentlicht am 10.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CORONA IN DER KULTURBRANCHE

    Notfallfonds für Künstler*innen gefordert

    Veröffentlicht am 12.03.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP