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Paris

PARIS IM ANGLO-AMERIKANISCHEN TANZRAUSCH

„An American in Paris“ zurück im Théâtre du Châtelet



Fünf Jahre nach der Pariser Uraufführung, vier Jahre nach seinem Broadway-Debüt und im Anschluss an einige internationale Tourneen kehrt das Musical von George Gershwin, Craig Lucas und Christopher Wheeldon dahin zurück, wo alles begann.


  • „An American in Paris“ zurück im Théâtre du Châtelet Foto © Cyril Moreau

Fünf Jahre nach der Pariser Uraufführung, vier Jahre nach seinem Broadway-Debüt und im Anschluss an einige erfolgreiche internationale Tourneen kehrt das Musical „An American in Paris“ nun dahin zurück, wo alles begann: in das kürzlich wiedereröffnete Théâtre du Châtelet am Seineufer. Das Musical ist eine freie Adaptation des gleichnamigen Kinofilms aus dem Jahr 1951 mit Gene Kelly und Leslie Caron. Die Musik von George Gershwin wurde von Rob Fisher für das Musical arrangiert: letzterer verwendete neben mehreren Orchesterstücken wie „Concerto in F“, „Second Rhapsody“ und „An American in Paris“ zahlreiche bekannte Lieder wie „I Got Rhythm“, „The Man I Love“, „Liza“, „’S Wonderful“, „They Can’t Take That Away From Me” und „Fidgety Feet“, die sich nur zum Teil in der Filmvorlage finden. Die Choreografie stammt von Christopher Wheeldon.

Der Librettist Craig Lucas versetzte die Handlung in die Zeit kurz nach der Befreiung der Stadt Paris von den Nationalsozialisten und versah sie mit einigen politischen Untertönen, welche dem im Film recht dürftigen Geschehen Tiefe verleihen sollen. Dabei verzichtete er allerdings nicht auf einige oft sexistische Klischees, die in einem Bühnenwerk unserer Zeit, auch wenn es auf einer älteren Vorlage beruht und in der Nachkriegszeit spielt, vielleicht nicht unbedingt vonnöten sind. Mehrmals kommt der starke Mann Jerry Mulligan seiner durch die Straßen irrenden, von Rowdys attackierten Angebeteten Lise Dassin zur Hilfe, verfolgt sie mit größter Aufdringlichkeit und ignoriert ihre klare Ablehnung (vielleicht hätte sie ihn, um eine gewisse Zweideutigkeit zu suggerieren, ab und zu anlächeln sollen – ohne diese Ermutigungen wirkt er oft wie das, was man heute einen Stalker nennen würde), die naturgemäß im Endeffekt in ein hingebungsvolles Liebesbekenntnis umschlägt. Die charmante, selbstbewusste Amerikanerin Milo Davenport hingegen hat mit dem von ihr begehrten Jerry weniger Glück – hier bleibt es bei einem Nein, nach einer kurzen, eifersuchtsbedingten Affäre. Zu den weiteren Protagonisten zählen Lises Verlobter Henri und dessen Eltern, die Baurels; diese halfen während des Krieges jüdischen Flüchtlingen, zu denen auch Lise gehörte. Daher will die junge Frau aus Dankbarkeit Henri treu bleiben, der allerdings trotz seiner Liebe seiner Verlobten vielleicht homosexuell ist. Am Ende kehrt Lise – wahrscheinlich vom großmütigen Henri freigegeben – zu Jerry zurück, während der ebenfalls unglücklich in Lise verliebte Komponist Adam Hochberg Trost in der Musik findet. Lucas schuf geschickt Gelegenheiten für längere Tanzpassagen, indem er Lise zum Star eines Balletts machte, das am Schluss des Musicals aufgeführt wird. Im ersten Akt gibt es ein Vortanzen für dieses Ballett, bei der Jerry in Degasscher Manier Skizzen anfertigt; er wird zum Bühnenbildner des Balletts, während Adam die Musik komponiert. Eine weitere Gelegenheit für Tanz schafft Lucas in einem kurzen Ballett, das bei den Baurels aufgeführt wird und das man auf den ersten Blick für eine bissige Parodie von Frederick Ashtons „Monotones“ halten könnte. Zudem verwandelt sich ein etwas unbeholfener Nachtclub-Auftritt Henris in dessen Kopf zu einer brillanten Revue in Manhattan.

In der Rolle des ehemaligen Soldaten und Künstlers Jerry Mulligan, der seine amerikanische Heimat aufgibt, um in Paris zu bleiben, war bei der Uraufführung im Jahr 2014 der New York City Ballet-Star Robert Fairchild zu sehen. In dessen Fußstapfen trat souverän der Broadway-Schauspieler Ryan Steele, der seine Karriere ebenfalls als Balletttänzer begann: er überzeugte durch seinen lässigen und jazzigen Stil und erwies sich als verlässlicher Partner. Die weibliche Hauptrolle wurde wie vor fünf Jahren von der ehemaligen Royal Ballet-Tänzerin Leanne Cope interpretiert, die schon vor der Kreation von „An American in Paris“ mehrmals mit Wheeldon gearbeitet hatte. In der Rolle des Sympathieträgers Adam Hochberg war Zachary Prince zu sehen. Dieser konnte sein tänzerisches Talent aufgrund des kriegsbedingten Hinkens seiner Figur nur in der Vision seines Freundes Henri (Michael Burrell) vollkommen entfalten: dort steppte er kerngesund durch die Jazznummer „Stairway to Paradise“.

Christopher Wheeldons Choreografie war Genre und Stück perfekt angemessen, so dass man sich fragen könnte, ob er als Musicalchoreograf nicht seine eigentliche Berufung gefunden hat. Das abstrakte Ballett gegen Ende des Stückes zu Gershwins Komposition „An American in Paris“ wirkte im Vergleich zu den vorhergehenden kürzeren Tanzeinlagen seltsam substanzarm. Reizvoll war allerdings die Idee, eine kurze Visionsszene in das Ballett einzubauen, in der sich Lise vorstellt, sie tanze eigentlich mit ihrem Geliebten Jerry. Wheeldon gelang es sehr geschickt, die mobile Szenerie von Bob Crowley in seine Choreografie einzubauen, beispielsweise in einer Passage im Kaufhaus Galeries Lafayette, in welcher der verliebte Jerry Kleiderpuppen und Regenschirme durch die Luft wirbeln lässt, bis er von Sicherheitsleuten aus dem Geschäft geschleift wird. Crowley schuf auch einige ansprechende Projektionen von Pariser Stadtbildern, einschließlich einer Szenerie am Pont des Arts, bei dem Jerry Mulligan in die Seine fällt, was man heutzutage niemandem wünschen möchte.

Insgesamt ist „An American in Paris“ ein sehr gut gemachtes Feel-Good-Musical mit mitreißenden Song- und Tanzszenen, das vom Publikum ohrenbetäubend beklatscht wurde – gewiss zur Freude des im Publikum sitzenden Christopher Wheeldon.

Veröffentlicht am 02.12.2019, von Julia Bührle in Homepage, Kritiken 2019/2020

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