KRITIKEN 2019/2020



Mannheim

VERGEGENWÄRTIGUNGEN

„Il nous restera ca“: Eric Trottier mit einem Gedicht im Mannheimer EinTanzHaus



Getrieben von der Erfahrung, dass sich in der Gesellschaft kaum einer mehr für den anderen interessiert, nutzt Trottier seine Kunst, um das Sehen wieder zu lehren. Herausgekommen ist ein ziemliches gutes Kunstwerk.


  • Ein neues Stück des La_Trottier Dance Collectives im Mannheimer EinTanzHaus; Tänzer*innen Michelle Cheung und Evandro Pedroni Foto © Lys Y. Seng
  • Ein neues Stück des La_Trottier Dance Collectives im Mannheimer EinTanzHaus; Tänzer*innen Michelle Cheung und Evandro Pedroni Foto © Lys Y. Seng
  • Ein neues Stück des La_Trottier Dance Collectives im Mannheimer EinTanzHaus; Tänzer*innen Michelle Cheung und Evandro Pedroni Foto © Lys Y. Seng

Am Anfang ist nichts zu sehen außer dem goldenen Schimmer, den das Licht auf die Körper in den schwarzen Latexanzügen wirft. Sie befinden sich im hinteren Teil der Bühne, umwabert von einer Klangwolke aus elektronischem Sound. Um sie herum: Eine Art Mondlandschaft aus schwarzem Tanzboden, der, über vier im Raum verteilte Rampen, Anhöhen und Täler formt. Bis auf das Gesicht sind alle Körperpartien luftdicht verschlossen. Noch mehr: Hände und Füße sind deformiert. Wie aus einem Guss gehen Arme und Beine in Formen über, die an eine Mischung aus High Heels, Hufen und dem Spitzenschuh aus dem klassischen Tanz erinnern.

Damit sind fast alle Zeichen gesetzt, mit denen Eric Trottier sein Publikum einlädt, sein neuestes - man muss es gleich sagen - großartiges Kunstwerk zu genießen. Obwohl Choreograf und Regisseur, nennt er sein Werk ein Gedicht. Nicht: Eine Performance. Oder: eine Choreografie.

Ein Gedicht, auch wenn es viele Verse hat, ist dennoch die kürzeste, die am meisten verdichtete literarische Form, um viel, auch Unsagbares, greifbar werden zu lassen; um eine Stimmung oder gar den Atem einer ganzen Lebenssituation zu vergegenwärtigen. Ein Gedicht ist hierin dem Tanz ähnlich. Zwei Worte in einem Gedicht können, wie eine Körperbewegung, ein ganzes Bild, eine emotionale Landschaft entwerfen. Und wie ein Gedicht oder vielmehr jenes, das seine Worte und Verse im Innern hervorrufen, ist auch Tanz etwas Fragiles, manchmal kaum Gesehenes. Ephemere Nischenkultur, könnte man auch dazu sagen.

Trottier nennt sein Gedicht „Il nous restera ca“ – auf deutsch: „Das, was uns bleiben wird.“. Und was ist das, fragt man sich? Hier setzt sein Werk an, das er in Teamarbeit mit den Komponisten Steffen Dix und Peter Hinz, den Kostümbildnerinnen Heidi Bühl und Melanie Riester und dem Lichtdesigner Stefan Griesshaber entwickelt hat. Es geht darum, so Trottier, wieder zu empfinden. Und das tut man an diesem Abend im EinTanzHaus, das der gebürtige Kanadier seit 2017 gemeinsam mit Daria Holme leitet, in der Tat. Trottiers Werk stellt alles zur Verfügung, was es hierfür braucht: Zeit, den reduzierten Raum und eine Choreografie, die derart zurückgenommen ist, dass man sich in keinster Weise mit den innersten Ambitionen, Empfindungen, Sichtweisen, Ideen und Gedanken eines einzelnen Künstlers auseinandersetzen muss, sondern tatsächlich selbst sehen und fühlen darf.

In der bildenden Kunst würde man diesen Ansatz auch Konzeptkunst nennen, romantisch gewendet. Tatsächlich erwischt man sich, wie man Trottiers sich bewegende Körperskulpturen am liebsten in einen der White Cubes in der Kunsthalle stellen würde. Als Mischwesen auf vier Beinen, eng beieinander stehend, schieben sie sich durch den Raum und verwandeln sich dabei: in Bögen auf vier Säulen. In Tierkörper ohne Köpfe. In Fantasiebilder oder Körperarchitekturen. Es tut sich aber noch eine zweite Referenzebene auf: die der Tradition des Tanzes. Trottiers Choreografie ist ein Ballett der totalen Transformation. Die Dramaturgie sieht vor, dass Michelle Cheung und Evandro Pedroni sich kapitelweise vorarbeiten. Eingetaucht in einen Tunnel vollkommener Dunkelheit, erscheinen sie wieder, aber mit bloßen Händen und Füßen. Als ob sie sich die Bewegungsmöglichkeiten des Körpers zurück erobern müssen, zelebrieren sie eine ganze Variation aus sich beugenden Knien. Raumgrenzen existieren nicht. Auch abseits der Bühne mäandern sie. Irgendwann ist auch die Latexhaube von ihren Köpfen verschwunden. Gänge und Läufe zirkeln sie nun. Sukzessive differenzieren ihre Bewegungen aus, werden komplexer und zeigen plötzlich das Erscheinungsbild des modernen zeitgenössischen Tanzes. Was für eine gelungene Metapher, im Verlauf der Perfomance auf diese Weise die Entwicklung des Bühnentanzes aus den letzten vierhundert Jahren en passant aufscheinen zu lassen.

Zum Schluss stehen die beiden eng nebeneinander. Ihre Hände finden sich. In ihre Latexanzüge eingenähte Magnete an Armen und Beinen ziehen ihre Gliedmaßen aneinander, um sie wie zu einem einzigen Körper zu verschmelzen. Gegenlicht projiziert das Geschehen an die Rückwand. Ein Zitat von Platons berühmtem Höhlengleichnis? In jedem Fall Lichtbilder vom Leben, Wachsen und Vergehen oder ein virtuoses Spiel mit Form und Abstraktion. Man wünscht sich, dass die beiden sich ineinander schlingen und zu einem neuen Körper werden. Doch da hört abrupt die repetitive Klangumgebung auf. Stille. Das Licht erlöscht. Nur das Ende hätte man sich anders gewünscht, auch wenn das Werk sich gerade auf diese Weise erfüllt: Voller Sehnsucht stolpert man in das Mannheimer Nachtleben.

Veröffentlicht am 11.11.2019, von Alexandra Karabelas in Kritiken 2019/2020

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