TANZMEDIEN



Köln

"NUR ICH TANZE SO!"

Kölner Tanzarchiv veröffentlicht Neuauflage von Valeska Gerts "Ich bin eine Hexe"



Valeska Gert gilt als Revolutionärin des Tanzes. Ihr turbulentes Leben hat sie in mehreren Büchern festgehalten. Nun hat das Tanzarchiv Köln eine überarbeitete Neuauflage ihrer Memoiren veröffentlicht.


  • Valeska Gert "Ich bin eine Hexe" Foto © Alexander Verlag Berlin

Sie war die Begründerin der Tanzpantomime. Sie prägte Genres wie die Tanzsatire oder den abstrakten Tanz. Valeska Gert war eine der wichtigsten Tänzerinnen des 20. Jahrhunderts, eine revolutionäre Avantgardistin. Sie provozierte, sie polarisierte, sie begeisterte. Ihr beeindruckendes Leben, geprägt von der Katastrophe zweier Weltkriege, ist in der überarbeiteten Neuauflage ihrer Memoiren "Ich bin eine Hexe. Kaleidoskop meines Lebens" in Form einer unterhaltsamen Erzählung nachlesbar.

Bereits im Alter von 39 Jahren hielt Valeska Gert zum ersten Mal ihr künstlerisches Leben in "Mein Weg" fest. Elf Jahre später folgte "Die Bettlerbar von New York", in dem sie ausführlich ihre Erlebnisse im amerikanischen Exil beschreibt. In „Ich bin eine Hexe“, das erstmals 1968, als sie 76 Jahre alt war, veröffentlicht wurde, blickt sie intensiv auf alle ihre Lebensabschnitte zurück. Die Erzählungen erstrecken sich von ihrer jungen Kindheit bis zu den Jahren nach ihrer Wiederkehr aus den Vereinigten Staaten. Allerdings fällt der Teil, in dem sie ihre erfolgreiche Tänzerinnen-Karriere in Europa beschreibt, vergleichsweise kurz aus und wird auch eher nebenbei erzählt.

Valeska Gerts Leben war von viel Unruhe und Gegenwind geprägt. Sie wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf und kam eher durch Zufall über die Schauspielerei zum Tanz. Eine jahrelange technische Ausbildung hatte sie nicht, doch ihr einzigartiges Minenspiel und der Bruch mit Genrekonventionen verhalfen ihr binnen kürzester Zeit zu großem Erfolg. Sie arbeitete mit vielen Größen der Kunstszene zusammen (beinahe beiläufig lässt sie Namen wie Brecht, Falckenberg oder Duncan fallen). Sie tourte durch Europa und war trotz oder gerade wegen ihrer polarisierenden Kunst sehr gefragt.

Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung musste sie 1938 in die USA emigrieren, wo sie ihr berühmtes Kabarett "Beggar Bar" eröffnete. Die Zeit im Exil war hart, sie hatte stets mit Rückschlägen und Anfeindungen zu kämpfen und so war sie 1947 eine der ersten RückkehrerInnen nach Berlin. Zurück in Deutschland eröffnete sie die Kabaretts "Hexenküche" in Berlin und den "Ziegenstall" in Kampen auf Sylt, spielte in internationalen Filmen, machte Musik und trat auch weiterhin in Lokalen auf. Sie lebte ein modernes Leben, war zweimal verheiratet und hatte einen Liebhaber. Kinder hatte sie nie.

Valeska Gert schreibt über ihr Leben, als sei es ein Roman. Die Episoden aus ihrem Leben – selbst die aus ihrer Kindheit – sind lebendig erzählt, teils mit Dialog und anschaulich beschrieben. Sie beschönigt nichts, ist selbstkritisch und ehrlich zu den LeserInnen und zu sich selbst. Sie steht offen dazu, dass sie immer selbstverliebt war, ein schwieriger Mensch, und das lässt sie nicht etwa unsympathisch wirken, sondern einfach nur menschlich. Sie ist sich ihrer zentralen Rolle für den Tanz im 20. Jahrhundert bewusst und bedauert deshalb, dass ihr Name aufgrund ihrer Biografie heute nicht mehr so präsent ist wie der ihrer KollegInnen. "Meine Tänze haben die Tänzer der ganzen Welt beeinflusst", schreibt sie am Ende des letzten Kapitels. "Sie wissen es nicht."

Im neuen Nachwort fasst Tanzwissenschaftler und Kunsthistoriker Frank-Manuel Peter Valeska Gerts Leben auf wenigen Seiten noch einmal zusammen. Er betont, dass Gerts Schilderungen, so absurd sie teilweise klingen mögen, stets der Wahrheit entsprechen und belegbar sind. Er schließt mit einer Skizze über den großen Einfluss ihrer Kunst in der heutigen Forschung.

"Ich bin eine Hexe" ist alles andere als die trockene subjektive Darstellung einer Biografie. Valeska Gert schreibt lebendig, humorvoll, sarkastisch, detailreich, anschaulich, sie schmückt angemessen aus und lässt stets die Reflexion ihrer älteren Ichs in ihre Beschreibungen einfließen. Geschrieben wie ein unterhaltsamer Roman mit einem Lebensinhalt, der aus einem Roman stammen könnte, ist "Ich bin eine Hexe" eine absolute Empfehlung für jede/n TanzfreundIn.

Veröffentlicht am 19.09.2019, von Peter Sampel in Tanzmedien

Dieser Artikel wurde 2492 mal angesehen.



Kommentare zu ""Nur ich tanze so!""



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    KARIKIEREN FÜR DIE KAMERA

    Beeindruckendes Zeitdokument: „Valeska Gert Tanz Fotografien“

    In der Tanzgeschichte lebt sie fort als eine Art konterfeite Chiffre. Wer Valeska Gerts so überaus plastische Fotografien kennt, vergisst sie nicht mehr. Sie selbst sah sich gern als Gegenpol Mary Wigmans, gleichsam - historisch unterschlagene - Mitbegründerin des deutschen Ausdruckstanzes.

    Veröffentlicht am 10.04.2014, von Volkmar Draeger


    DA KOMMT DER TOD INS SCHWITZEN

    „Viva Valeska! oder Leichen spiele ich besonders gern“, ein Tanz- Schauspiel über die Tänzerin Valeska Gert von Gundula Peuthert im Dresdner Theaterhaus Rudi

    Veröffentlicht am 24.04.2013, von Boris Michael Gruhl


     

    AKTUELLE NEWS


    "KÜNSTLERISCHE ÖKOSYSTEME"

    Saburo Teshigawara wird von der Biennale Venedig mit dem Goldenen Löwen für das Lebenswerk ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 13.01.2022, von tanznetz.de Redaktion


    ERSTE FRAU AN DER SPITZE

    Das San Francisco Ballet ernennt Tamara Rojo zur künstlerischen Leiterin
    Veröffentlicht am 12.01.2022, von tanznetz.de Redaktion


    VORSCHLÄGE GESUCHT

    Auslobung Deutscher Tanzpreis 2022
    Veröffentlicht am 04.01.2022, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DAS STÜCK MIT DEM SCHIFF

    Am 28. Januar 2022 präsentiert des Ensemble des Tanztheaters - nach coronabedingter Verlegung - Das Stück mit dem Schiff von Pina Bausch aus dem Jahr 1993 auf der Bühne des Opernhauses in Wuppertal.

    Das Stück mit dem Schiff, vor 25 Jahren zuletzt in Saitama/Japan gespielt, wurde 2020/21 in einer altersgemischten Besetzung, aber überwiegend den Jungen des Ensembles neu einstudiert.

    Veröffentlicht am 03.12.2021, von Anzeige

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    VOM DURCHHALTEN IN CORONA-ZEITEN

    Das Wiener Staatsballett und seine Akademie unter Martin Schläpfer

    Veröffentlicht am 18.01.2022, von Andrea Amort


    WAS HAT ES BEWIRKT? WAS BLEIBT?

    Eine Interviewreihe zum Förderprogramm DIS-TANZ-SOLO

    Veröffentlicht am 14.01.2022, von tanznetz.de Redaktion


    LIEBE, SCHMERZ, MELANCHOLIE

    «Monteverdi», Christian Spucks jüngste Produktion für das Ballett Zürich, greift ans Herz

    Veröffentlicht am 17.01.2022, von Marlies Strech


    TANZVERMITTLUNG MEETS SCROLLYTELLING

    Interviewreihe zum Förderprogramm DIS-TANZ-SOLO: Arnd Wesemann, Tanzjournalist

    Veröffentlicht am 13.01.2022, von Anna Beke


    POLARISIERUNG STATT VERMITTLUNG

    Das Stuttgarter Ballett trennt sich von Musikdirektor Mikhail Agrest

    Veröffentlicht am 18.01.2022, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP