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Oldenburg

DYNAMISCHE BILDERFLUT

Ein Einblick in die 14. Internationalen Oldenburger Tanztage 2019



Tänzerisch vielseitig und thematisch verbunden präsentierte sich das international hervorragend besetzte Programm des Oldenburger Tanztreffens.


  • "Le Sacre du Printemps" von Antoine Jully; Ballettcompagnie Oldenburg Foto © Stephan Walzl
  • "Le Sacre du Printemps" von Antoine Jully; Ballettcompagnie Oldenburg Foto © Stephan Walzl
  • "Le Sacre du Printemps" von Antoine Jully; Ballettcompagnie Oldenburg Foto © Stephan Walzl
  • "Art Songs" von Alonzo King; Alonzo King Lines Ballet: Yujin Kim & Maya Lahyani Foto © Quinn B. Wharton
  • "Figures of Speech" von Alonzo King; Alonzo King Lines Ballet Foto © Chris Hardy
  • "Am Ende unser Schatten" von Luca Veggetti; Ballettcompagnie Oldenburg Foto © Stephan Walzl
  • "Jessica and me" von und mit Cristiana Morganti Foto © Claudia Kempf
  • "Jessica and me" von und mit Cristiana Morganti Foto © Virginie Kahn
  • "Folk" von Caroline Finn; National Dance Company Wales Foto © Rhys Cozens
  • "Tundra" von Marcos Morau; National Dance Company Wales Foto © Rhys Cozens

Von Renate Killmann

Die alle zwei Jahre im Mai stattfindenden Oldenburger Tanztage bieten dem Publikum eine Bandbreite von modern interpretiertem Ballett über Zeitgenössischen Tanz bis hin zum Tanztheater. Damit stellen sie eine schöne Erweiterung zu dem sich ausschließlich dem Zeitgenössischen Tanz widmenden Festival Tanz Bremen für den Nordwesten Deutschlands dar. Das Publikum dankt es den Veranstaltern nicht nur mit viel Applaus, sondern auch mit durchweg ausverkauften Vorstellungen. Karten für diese begehrten Tanzabende zu erlangen, ist nicht immer einfach!

So fand auch der diesjährige Eröffnungsabend vor vollen Rängen statt. Das Alonzo King Lines Ballet aus San Francisco legte die Messlatte für die tänzerischen Leistungen gleich sehr hoch. Klassisches Ballett und zeitgenössische Moves wurden in einer sehr temporeichen, dynamischen Mischung von einer hochgradig trainierten Truppe präsentiert, die in aller Unterschiedlichkeit ihrer Tänzerpersönlichkeiten eine erstaunliche Homogenität offerierte. Das Thema: die menschliche Sprache und ihre Ausdrucksmöglichkeiten, bzw. die bedrohte Vielfalt vor allem der indigenen Sprachen. In „Figures of Speech“ wird zu einer Soundcollage von Lyrik und Liedern indigener Völker getanzt. Ein babylonisches Sprachgewirr macht sich breit, in dem auch die TänzerInnen bisweilen mitsprechen, singen oder in stummen Schreien ihr Leid kundtun. Es scheint als ginge es in diesen Gesprächen, meist Selbstgesprächen, um das ureigenste Bedürfnis, sich mitzuteilen und gehört, ja verstanden zu werden. Die Soundcollage beginnt mit einzelnen Stimmen oder Chorgesängen in einem kreolischen Sprachgemisch und kumuliert in eine Sprach-Musik-Sound-Collage, die sich steigert und von den TänzerInnen in vielen leidenschaftlichen Sprüngen und Drehungen vermischt mit archaisch anmutenden Bewegungen umgesetzt wird, um dann ganz unvermittelt abzubrechen und wieder von Neuem anzusetzen. Die wiederkehrenden Disruptionen: ein choreografisches Bild für das Verlorengehen dieser urtümlichen Sprachen? Oder Ausdruck für die menschliche Einsamkeit inmitten von Gemeinschaft?

Die ZuschauerInnen erleben eine außergewöhnliche tanztechnische Leistung mit immer wieder extrem hoch geworfenen oder gespreizten Beinen, die allerdings fast den optischen Reiz verliert, wenn sie in den Bereich des allzu Leistungsorientierten, ja Artistischen geht. Immer wieder jedoch wird dies abgelöst von sehr zarten, innigen Momenten vor allem in der Darstellung einiger herausragender TänzerInnen, wie etwa Adji Cissiko, die mit wunderbar authentischem Ausdruck und Gefühl tanzte.

Der Stil Alonzo Kings wirft sicherlich die Frage nach der Virtuosität auf: wozu dient sie? Einem übergeordneten künstlerischen Konzept oder ist sie Selbstzweck? Das wäre dann nicht künstlerisch gedacht, sondern olympisch. Frenetischer Applaus beendet einen Abend, der mit der Umsetzung zweier berühmter Arien, dem „Erbarme Dich, o Herr“ aus der Matthäus Passion von Bach und dem berühmten Sterbegesang der Dido aus der gleichnamigen Oper von Purcell begonnen hatte.

Die Oldenburger Kompanie präsentiert zwei Choreografien unterschiedlichster Art. Zunächst „Am Ende unserer Schatten“ von dem italienischen Gastchoreografen Luca Veggetti, dessen Arbeiten stark aus dem Umfeld der bildenden Künste beeinflusst sind. Er choreografiert zu Arnold Schönbergs Tondichtung „Pelleas und Melisande“ und stellt den drei Hauptprotagonisten Pelleas, Melisande und Golaud drei weitere TänzerInnen als Spiegelung gegenüber, die mit großen, glänzenden Aluminiumstangen in einer ausgeklügelten Lichtregie den Raum vermessen, Barrieren schaffen und das Dreieck dieser unheilvollen Beziehungen geometrisch im Raum darstellen. Jedoch verstehen die ZuschauerInnen diese Bezüge? Oder sind sie vielmehr von der Offenheit dieser Darstellung irritiert? Eine Choreografie, die zu sehr in der Andeutung bleibt und das Maeterlincksche feingeistige Hindeuten auf das innere Seelendrama nur wenig erlebbar macht. Ein sehr schöner, poetischer Moment, wenn wie in einem asiatischen Schattentheater Pelleas und Melisande sich sehr zart und nur als Schatten durch die Luft berühren. Insgesamt aber kann die Choreografie der Wucht der Schönbergschen spätromantischen Musik nicht gerecht werden. Eine kleine, feine Ausstellung zu Schönbergs Musik im Foyer ergänzt diese Produktion.

Expressiv, dynamisch, elegant: die Oldenburger in der Choreografie ihres Chefs Antoine Jully zu Igor Stravinskys „Le Sacre du Printemps“. Das Stück hat ein schlüssiges Konzept, das das archaische Thema des alljährlichen Frühlingsopfers aufgreift und ihm einen zeitlosen, gar emanzipatorischen Anstrich gibt: die zu opfernde Frau als gesellschaftliche Außenseiterin, der zum Schluss der Sprung in die Freiheit gelingt! Mit stark rhythmischen, teils bizarren Bewegungen - auch in Anlehnung an Vaslav Nijinskys eingedrehte Füße - gelingen Antoine Jully starke Bilder für die der Urgewalt der Natur ausgesetzten Menschen und deren Anbetung höherer Mächte. Es ist ein sehr musikalisches, überaus gelungenes Werk, in dem auch die weicheren Klangpassagen choreografisch herausgearbeitet werden. So temperamentvoll sah man die Oldenburger Kompanie noch nie! Eine großartige choreografische Leistung von Antoine Jully! Das Oldenburger Staatsorchester musizierte unter der Leitung von Vito Cristofaro beide Werke so klanggewaltig wie differenziert. Zum Schluss nicht enden wollender Applaus. Diese Kompanie kann mit ihren internationalen Gästen sehr wohl mithalten!

In der Exerzierhalle präsentierte die italienische Tänzerin und Choreografin Cristiana Morganti, die über 20 Jahre lang mit Pina Bausch arbeitete und nun seit fünf Jahren eigene künstlerische Wege geht, ihre Soloperformance „Jessica and me“. Sie unterhält sich über einen alten Kassettenrekorder mit ihrer Sparringspartnerin Jessica, die ihr - diesmal in die Rolle einer neugierigen Reporterin geschlüpft - Fragen über ihr Leben stellt, und immer wieder über Pina. Cristiana Morganti antwortet so unterhaltsam wie temperamentvoll, nicht immer im Sinne ihrer Befragerin. Geistreich, witzig, ehrlich kommt diese Performance daher, in der sie tanzt, lacht, weint und den professionell einstudierten Nervenzusammenbruch in den verschiedensten Sprachen präsentiert: „I can also do it in Spanish!“. Cristiana Morganti spielt mühelos auf der Klaviatur des Tanztheaters, bringt kleine Reminiszenzen an die große Pina und findet eigene, schöne Bilder, die berühren und nachdenklich stimmen. Das Schlussbild ist eine atemberaubende Minute der Stille, ein Bild, in dem sie Zigarette rauchend dasteht, während ihr weißes, riesiges Tüllkleid visuell Feuer fängt und langsam verbrennt. Assoziationen von Madonna bis Hexenverbrennung steigen auf … Was für eine tolle Künstlerin!

Bewegung ist eine universelle Sprache, die uns allen gehört und die von jedem verstanden werden kann. Dass sie der Schlüssel für die Verbundenheit von Mensch zu Mensch über alle Unterschiede hinweg sein kann, mag der verborgene Sinn hinter dem schönen Abschlussbild der Alonzo King Lines Company sein, wenn sich die Tänzerkörper einander haltend zu immer neuen Körper-Wort-Bildern formieren. Diese Verbundenheit, ja ein fast stoisches Zusammenhalten präsentiert auch die National Dance Company Wales in ihrem Stück „Tundra“ von Marcos Morau. Acht TänzerInnen bewegen sich kompakt nebeneinander stehend und sich gegenseitig festhaltend als Gruppe in immer wieder neuen minimalistischen, aber stark akzentuierten Bewegungseinheiten synchron fort. Das Stück entwickelt eine hypnotische Komponente und wirkt wie die höhere Oktave zum Schlussbild von Alonzo King. In zwei weiteren Choreografien tanzt die Kompanie engagiert und vielseitig. Vor allem in „Folk“, der ersten eigenen Arbeit ihrer künstlerischen Leiterin Caroline Finn, bestechen sie durch blitzschnelle Perspektivwechsel von außen nach innen und zeigen urplötzlich Seelendramen von regelrecht schwarzem Humor. Ein zeitgenössisches Tanztheater, das die ZuschauerInnen vom Hocker reißt. Es gäbe noch viel Interessantes zu berichten; wer für die Oldenburger Vorstellungen keine Karten erstehen konnte, der hatte die Gelegenheit, die Vorstellungen von Danceworks Chicago, der National Dance Company Wales und von Dantzaz aus Spanien auch im Stadttheater Bremerhaven anzusehen.

Sehen - hören - sprechen - tanzen - ein gelungenes Festival, das diesmal ganz der Kommunikation gewidmet war und in seiner Vielseitigkeit beeindruckte.

Veröffentlicht am 16.05.2019, von Gastbeitrag in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

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