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München

LIEBESLEID UND LIEBESLUST

"Romeo und Julia" am Gärtnerplatztheater München



Die beiden isländischen Choreografinnen Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir kontrastieren verstörende Bilder zu Liebe, Tod, Geschlechterdebatte und gesellschaftlicher Spaltung mit Prokofjews feinfühliger Komposition.


  • "Romeo und Julia" von Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir Foto © Marie-Laure Briane
  • "Romeo und Julia" von Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir Foto © Marie-Laure Briane
  • "Romeo und Julia" von Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir Foto © Marie-Laure Briane
  • "Romeo und Julia" von Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir Foto © Marie-Laure Briane
  • "Romeo und Julia" von Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir Foto © Marie-Laure Briane
  • "Romeo und Julia" von Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir Foto © Marie-Laure Briane
  • "Romeo und Julia" von Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir Foto © Marie-Laure Briane
  • "Romeo und Julia" von Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir Foto © Marie-Laure Briane
  • Halla Ólafsdóttir und Erna Ómarsdóttir Foto © Marie-Laure Briane

Das Gärtnerplatztheater ist aktuell Schauplatz von Shakespeares „Romeo und Julia“ in einer Fassung der isländischen Choreografinnen Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir. Der Begriff Schauplatz ist bewusst gewählt, denn es geht um Offenlegung bis hin zur Zurschaustellung der Themen Liebe und Tod in all ihren teilweise schockierenden Facetten. Verstörend waren nicht nur die blutverschmierten Körper der vielen Romeos und Julias, die insbesondere im 2.Teil wahrhafte Orgien feierten. Das Publikum wurde unter Einsatz der Stimmen der Tänzerinnen und Tänzer buchstäblich in „Mitleidenschaft“ gezogen. Schreie waren dabei nichts Ungewöhnliches, sie wurden als Stilmittel verwendet. Klar, dass es sich hiermit um Shakespeares „Romeo und Julia“ lediglich als Impulsgeber zum Thema Liebe handelt. Bei diesem Tanzereignis wurden die Traditionen gebrochen, Konventionen und das herkömmliche Rollenverständnis im wahrsten Sinne - auch aus akrobatischer Sicht - auf den Kopf gestellt.

Nicht so in der Musik. Prokofjews Komposition blieb weitgehend erhalten und wurde in eine reduzierte Orchesterfassung umgearbeitet - entsprechend der zeitgenössischen Choreografie. Dank seiner exzellenten Musiker konnte Daniel Huppert eine mitreißende, ausdrucksstarke, akzentuierte Interpretation liefern, die das Publikum zu schätzen wusste.

Die beiden isländischen Choreografinnen Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir formen aus dieser Musik und der literarischen Vorlage, aus ihrer persönlichen (Tanz)biografie und dem Hier und Jetzt ein eigenständiges Werk, jenseits von Klischees und Hierarchien, wie sie im klassischen Ballett üblich und historisch gewachsen sind. Die Bühne als offener Raum, der bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet wird, ohne Bühnengassen und ohne Rückzugsmöglichkeit, zeigt sich ernüchternd und programmatisch zugleich. Da wirken das herabhängende, tränende Herz in grellem Neonlicht sowie die roten oder schwarzen Herz-Luftballons verloren und stimmig.

Der Ballettkompanie des Gärtnerplatztheaters wird im thematischen Verlauf von Liebe zu Lieblosigkeit, die in Brutalität umschlägt, eine extreme Körperbeherrschung und –sprache abverlangt, z.B. bei den Hebungen und dem Zu-Boden-Schleudern. Gerade in der Bewältigung dieser zeitgenössischen Bewegungssprache zeigt sich die hohe Qualität dieses so diversen und vielseitigen Ensembles.

Wer eine klassische Vorstellung von „Romeo und Julia“ erwartet hatte, wie sie vielleicht in die Adventszeit passen würde, wurde natürlich enttäuscht, was einige frei gewordene Sitzplätze nach der Pause auch zeigten. Mit einer Altersempfehlung ab 17 Jahren und einer gewagt dekonstruierten Geschichte, wie bei Ómarsdóttir üblich, mit viel Gold, Blut, Nacktheit und der Auflösung aller Geschlechtergrenzen und -typen ist diese „Romeo und Julia“ sicherlich nichts für ein klassisch-traditionelles Ballettpublikum. Doch bei aller Modernität ist auch in dieser Fassung der Wunsch nach Frieden und Harmonie spürbar; das verbindende Element.

Veröffentlicht am 25.11.2018, von Sabine Kippenberg in Homepage, Kritiken 2018/2019

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