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Pforzheim

TANZ ÜBERALL

Der Fonds TANZLAND fördert den Tanzaustausch abseits bekannter Großstädte



Guido Markowitz, Direktor des Ballett Theater Pforzheim, spricht mit tanznetz.de über die Förderung und Verbreitung seines Tanzes in Süddeutschland.


  • "Mozart-Requiem" in Waldkraiburg Foto © Sabine Haymann
  • "Mozart-Requiem" am Theater Pforzheim Foto © Theater Pforzheim
  • Guido Markowitz Foto © Sebastian Seibel

Es gibt viel mehr Publikum für Tanz als man denkt. Es sitzt nicht nur in Hamburg, Berlin, Stuttgart oder München, sondern auch in den kleinen und mittelgroßen Städten in ganz Deutschland. Seit einem Jahr kümmert sich eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes gemeinsam mit dem Dachverband Tanz um dieses Publikum. 2,35 Millionen Euro umfasst der Fonds TANZLAND, mit dem bis 2021 deutschlandweit 19 Kompanien an Stadttheatern und frei schaffende Kollektive gefördert werden, ihre Tanzsprachen und -stücke in insgesamt 20 andere Städte zu bringen. Die dabei entstehenden Tanzpartnerschaften unterscheiden sich erheblich von jenen Experimenten, bei denen sich Städte ein Tanzensemble geteilt haben. Denn im Zentrum der Kooperationen stehen neben Vorstellungen vor allem der Austausch über das Tanzerlebnis und deren Vermittlung. Guido Markowitz, Direktor des Ballett Theater Pforzheim, genießt als Einziger das Glück, seinen Tanz in gleich zwei süddeutsche Städte bringen zu dürfen; aktuell ins bayerische Waldkraiburg und ab Herbst 2019 nach Metzingen in Baden-Württemberg. Im Gespräch mit Alexandra Karabelas zieht er eine erste Zwischenbilanz.

tanznetz.de: Was ist unbedingt nötig, damit eine solche TANZLAND-Kooperation funktioniert?

Guido Markowitz: Nun, man braucht natürlich eine/n Intendanten/in, der/die das fördert. Thomas Münstermann ist ein solcher Intendant. Darüber bin ich froh und glücklich. Ich bin ja an das Theater Pforzheim gebunden und habe mit Waldkraiburg und Metzingen plötzlich mehrere Spielorte. Da müssen alle mitmachen.

Inwieweit beeinflusst Ihre TANZLAND-Arbeit konkret Ihre Arbeit in Pforzheim?

Zunächst beeinflusst sie organisatorisch das ganze Haus. Oper, Schauspiel und das Kinder- und Jugendtheater unternehmen sehr viele Gastspiele. Neu ist, dass nun auch das Ballett auswärts spielt und zudem verbindlich in eine andere Stadt geht. Daran gewöhnen sich zur Zeit alle. Ganze Abteilungen, von der Verwaltung bis zur Maske, unterstützen uns mit voller Kraft und Energie und arbeiten konkret daran mit, dass unsere TANZLAND-Kooperation gelingt. Dafür bin ich sehr dankbar. Die KollegInnen spüren die Begeisterung, die das Ballett Theater Pforzheim in Waldkraiburg ausgelöst hat. Sie merken, dass die Menschen uns dort wollen. Sie erhalten für ihre Arbeit viel Positives zurück.

In Waldkraiburg gab es bis zu Ihrem Engagement sehr wenig Tanz. Wie haben Sie den Tanzbesuch dort wahrgenommen?

Ab der ersten Minute haben wir eine große Neugierde auf Tanz wahrgenommen. Viel mehr Menschen als gedacht kamen zu unseren Veranstaltungen. Selbst die OrganisatorInnen in Waldkraiburg haben nicht damit gerechnet. Die Bereitschaft Neues zu sehen ist enorm hoch.

Wie sind Sie bei der Entwicklung des Spielplans für Waldkraiburg vorgegangen?

Wir haben dort mit einem „Meet & Greet“ angefangen und brachten Ausschnitte aus dem Pforzheimer Programm auf die Bühne; einfach um zu zeigen, was es gibt – die ganze Vielfalt. Jedes meiner Stücke weist andere Einflüsse auf, auch wenn ich natürlich meinen Stil in jedes hineinbringe. Aber Vielfalt ist mir wichtig. Das Interesse war sehr groß, etwas Passendes für Waldkraiburg zusammenzustellen. Ich bin in die Schulen gefahren und habe mit den LehrerInnen und RektorInnen gesprochen und so den Bedarf ermittelt. Dann gaben wir unsere erste Vorstellung von „Tanz Pur“ – ein Programm, das wir seit drei Jahren haben. Junge GastchoreografInnen erarbeiten für uns neue Bewegungssprachen und Stücke. Ergänzt haben wir die Performances um Einführungen und Workshops. Dadurch wurde der Kontakt zur Vorstellung noch intensiver. Gemeinsam mit dem Publikum schauten wir die Tanzvorstellung an und lernten in den Workshops einzelne Passagen selbst. So hatten wir Kontakt zu den ZuschauerInnen, den TeilnehmerInnen, zu den KritikerInnen und auch einen künstlerischen Austausch. Vieles habe ich natürlich offen gelassen, weil ich es wichtig finde, dass die Menschen ihre eigene Interpretation des Erlebten einbringen.

Wie hat das Publikum auf Ihre Arbeit reagiert?

Die Produktionen, die wir bislang gezeigt haben, lösten starke Gefühle aus. Zu sehen waren bis jetzt das „Mozart-Requiem – Feiert das Leben!" und der Abend „Tanz Pur“ mit neuen Stücken von Eduardo Novelli, Damian Gmür und Moritz Ostruschnjak. ZuschauerInnen haben mir danach begeistert gesagt, dass es so emotional und beeindruckend gewesen sei. Mich hat eine Dame sehr berührt; sie kam nach der Vorstellung vom „Mozart-Requiem – Feiert das Leben!“, das wir mit Chor und Orchester in Waldkraiburg umgesetzt haben, zu mir und sagte, sie sei öfter in München, um sich dort klassische Stücke anzusehen. Sie sei nun aber extrem begeistert von unserer Vorstellung und werde sich öfter zeitgenössischen Tanz anschauen. Und das ist der Weg, den man gehen muss. Dass man den Menschen zeigt, wie vielfältig Tanz sein kann. Dass man ihnen das ganze Spektrum des Tanzes bewusst macht – vom Tanztheater über zeitgenössischen bis zu klassischem Tanz oder Volkstanz; und dass alle Arten zu tanzen gleichwertig sind. Wir als Ballett Theater Pforzheim präsentieren natürlich zeitgenössischen Tanz und zeitgenösssiches Tanztheater, in dem Bereich sind wir sehr stark.

In der kommenden Spielzeit starten Sie zudem die Kooperation mit Metzingen. Wie gehen Sie hier bei der Programmentwicklung vor? Was wird der Ansatz sein?

Wir sind nach Metzingen gefahren und ich dachte, die kennen schon ganz viel Tanz. Es gibt dort viele Tanzgastspiele und Tanzinteressierte. Wir sahen dann, dass die Stadt große Lust hat, Neues zu entwickeln und Neues entstehen zu lassen. Deswegen haben wir ein Programm aufgebaut, das dem Bedürfnis der Stadt entspricht. Wir werden hier keine großen Programme zeigen, sondern mehrere kleinere und vor allem Workshops, so dass wir dort zeitgenössischen Tanz etablieren können.

Wie lautet Ihre erste Bilanz nach einem Jahr TANZLAND-Kooperation?

Jedes Mal, wenn ich nach Waldkraiburg komme, ist es toll für mich zu sehen, wie viele begeisterte Menschen dort im Publikum sitzen und dass sie einen Bezug zu uns, dem Ballett Theater Pforzheim, haben. Uns hat sich deutlich gezeigt, dass das Potenzial für den Tanz gerade auf dem sogenannten „Land“ riesig ist. Das hochqualitative Potenzial von Tanz in Deutschland wird dadurch gegenüber den INTHEGA-Häusern, also den Städten mit Theatergastspielen, sichtbar gemacht. Darauf lenkt das TANZLAND-Programm die Aufmerksamkeit. Das finde ich sehr wichtig. Wenn eine Kritikerin schreibt, dass wir ein Tanzland seien, dann ist das ein Wegweiser, hier weiter zu machen. Man sollte diese Dinge unbedingt weiter fördern.

Veröffentlicht am 21.07.2018, von Alexandra Karabelas in Homepage, Leute

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