HOMEPAGE



Zürich

DAS SCHWEIZER TANZFESTIVAL „STEPS“ 2018

Die künstlerische Leiterin Isabella Spirig im Gespräch mit Natalie Broschat



Seit 1998 ist Isabella Spirig die künstlerische Leiterin des biennalen Tanzfestivals „Steps“, das in der gesamten Schweiz stattfindet. Was vom diesjährigen Programm zu erwarten ist, fragt tanznetz.de.


  • "EVERYNESS" von Wang Ramirez Foto © Denis Kooné Kuhnert
  • "Icon" von Sidi Larbi Cherkaoui und GöteborgsOperans Danskompani Foto © Mats Backer
  • "Fatou as Tout Fait" Fatoumata Bagayogo Foto © Margo Tamize
  • "Noetic" von Sidi Larbi Cherkaoui Foto © Bengt Wanselius
  • "The Enormous Room" von Stopgap Dance Company Foto © Chris Parkes
  • "Betroffenheit" von Crystal Pite und Jonathon Young Foto © Michael Slobodian

Isabella Spirig ist seit 1998 die künstlerische Leiterin des biennalen und landesweiten Migros-Kulturprozent Tanzfestivals „Steps“. tanznetz.de erfragte, was vom diesjährigen Programm zu erwarten ist, warum viel Mut dahinter steckt und was sich in den vergangenen 20 Jahren in der Schweiz bezüglich des Tanzes alles getan hat.

Gibt es eine Produktion, die Ihnen dieses Jahr besonders am Herzen liegt?

Ich bin wie eine Mama mit zwölf Kindern, es gibt keinen Liebling; ich mag alle zwölf eingeladenen Produktionen.

Wie kommt die Auswahl zustande?

Eine Auswahl zu treffen, ist eine Mischung von Vielem. Man muss einen Überblick über die Szene haben, sein gesamtes Wissen einbringen und Plattformen und andere Festivals besuchen. Ich reise viel in Europa umher, manchmal nach Übersee und ich war freilich überall dort, von wo die eingeladenen Kompanien herkommen. Bei einer Festivalprogrammierung muss mit etlichen Informationen jongliert werden; der Logistik zum Beispiel. Die Kompanien gehen alle selbst auf Tournee und deren Terminkalender mit denen unserer Spielstätten in der Schweiz in Einklang zu bringen, braucht genaue Abklärungen. Gerade weil das „Steps“-Festival in der gesamten Schweiz stattfindet, müssen die Kompanien in gewisser Weise auch zum Aufführungsort und den kleinen und großen Bühnen des Landes passen. So entsteht wiederum ein Mix zwischen Neuentdeckungen und großen Namen.

Das Thema des diesjährigen „Steps“-Festivals lautet „Mut“. Wie kam es dazu?

Im Dezember 2016 wurde die Programmierung abgeschlossen und die Stimmung währenddessen war eine unruhige und beunruhigende, voller Fragen bezüglich der Zukunft unserer Welt. Wir wussten nicht, wer die Präsidentschaftswahlen in Amerika und in Frankreich gewinnen würde, es gab viele Anschläge und immer mehr politische Probleme traten zutage. Generell lag sehr viel Angst vor dem Fremden in der Luft. Es hat sich seither nicht wirklich viel verändert, außer, dass wir um viele Fakten reicher sind. Einmal mehr wurde mir bewusst, wie ermutigend Tanz ist und wie er neue Wege aufzeigen kann. Deswegen ist „Mut“ das Motto der diesjährigen Ausgabe von „Steps“ geworden. All das spiegelt sich in den ausgewählten Stücken wider und Vielfalt ist Programm.

Können Sie einige konkrete Beispiele für mutige, künstlerische Auseinandersetzungen aus dieser Vielfalt nennen?

Zuerst glaube ich, dass grundsätzlich jeder Künstler Mut braucht, sich überhaupt auf einer Bühne zu präsentieren. Dann haben einige Stücke des Programms Mut zur Verletzlichkeit. Sie bearbeiten Tabuthemen wie Tod und Verlust. Beispielsweise zeigt die kanadische Kompanie Kidd Pivot in „Betroffenheit“ den Weg von eben jener zurück ins Leben. Es ist eine gemeinsame Arbeit der Choreografin Crystal Pite mit dem Schauspieler Jonathon Young. Letzterer hat seine Tochter in einem Feuerunfall verloren und ist daraufhin in eine Depression gestürzt. Er bat Crystal Pite, gemeinsam mit ihm diesen Schock zu überwinden. Das Resultat ist ein eindrückliches Gesamtkunstwerk.

Die GöteborgsOperans Danskompani/Eastman bearbeitet hingegen eine kulturpolitische Komponente: Die freie und die etablierte Szene kommen zusammen. Der Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui hat einerseits mit „Noetic“ ein Auftragswerk für die Kompanie aus Göteborg geschaffen und anderseits mit „Icon“ eine Koproduktion seines eigenen Ensembles in Zusammenarbeit mit ihnen. Es werden hier nicht nur neue (Arbeits-)Schritte gegangen, sondern auch mutig mit neuen Materialien gespielt; schließlich befinden sich 3,5 Tonnen Lehm auf der Bühne.

Die Stopgap Dance Company aus England verhandelt ebenfalls das Thema Tod. „The Enormous Room“ ist zugleich Tanztheater und Kammerspiel, das mit vielen Geistern und typisch britischem Humor den Verlust des Ehepartners thematisiert. Hier ist es die Tochter, die ihren Vater zurück ins Leben führen möchte. In diesem integrativen Tanzstück wird zugleich mutig ein Statement zur gelebten Diversität gemacht. Dafür steht auch „Steps“, dass nämlich neue Formen und TänzerInnen mit verschiedensten Möglichkeiten auf die Bühne finden.

Der Choreograf und Tänzer Serge Aimé Coulibaly vom Faso Danse Théâtre will den zeitgenössischen Tanz in seiner Heimat Westafrika fördern und gründete deswegen 2015 einen Tanzwettbewerb. Bei „Steps“ werden „Simply The Best West Africa“ zu sehen sein, die drei besten Soli dieses Wettbewerbs. Fatoumata Bagayogo macht in ihrem Soli beispielsweise mutig und mit einer klaren Botschaft die Beschneidung der Frau zum Thema.

Doch sind bei „Steps“ auch Arbeiten zu sehen, die den Mut haben the pure entertainment zu pflegen. Außerdem haben wir von den zwölf eingeladenen Arbeiten sechs koproduziert. Das wiederum bedeutet, dass das Resultat zum Zeitpunkt des Programmschlusses noch nicht feststand. Also braucht es Mut zum Risiko, diese Koproduktionen einzugehen. Doch ich vertraue den Künstlern.

Wo sind Schnittstellen zu den anderen darstellenden Künsten auszumachen?

Die offensichtlichsten Schnittstellen gibt es zum Theater. Dieses Jahr sind auch viele Kompanien zu Gast, die mit Live-Musik arbeiten. Die Kompanie Wang Ramirez vereint in „EVERYNESS“ zum Beispiel modernen Hip-Hop-Tanz und Kampfkunst. In den Stücken des Programms sind ferner Anleihen und Verweise zur bildenden Kunst, Mode, Pop und Lifestyle zu finden.

Wie sieht das Rahmenprogramm von „Steps“ aus?

Unsere Partnertheater veranstalten die „Steps“-Vorstellungen in Eigenregie. Die Formen ihrer Vermittlungsangebote, wie Einführungen oder Nachbesprechungen, sind so vielfältig wie die Theater selbst. Das Festival ist ein Treffpunkt für die nationale und internationale Tanzszene. Deswegen bieten wir Workshops für professionelle Tanzschaffende an, in denen sich die Teilnehmenden untereinander austauschen können. Bei jeder Festivalausgabe findet außerdem ein Symposium für Tanzfachexperten statt. Vor allem aber gibt es ein großes Vermittlungsprogramm für Kinder und Jugendliche. Tanzpädagogen bringen dem Nachwuchs – fast 3000 SchülerInnen und Jugendlichen pro Festival – den zeitgenössischen Tanz nahe. Die jungen Menschen lernen Auszüge der Tanzstücke und erfahren somit den Tanz am eigenen Körper. Die erlernten Choreografien sehen sie später bei Schulvorstellungen von den Profis auf der Bühne getanzt. Auf den Wiedererkennungseffekt reagieren sie meist mit großer Begeisterung.

Was ist das Besondere an „Steps“ und wie würden Sie das Publikum beschreiben?

Der zeitgenössische Tanz hat in der Schweiz wenig Tradition. Unser Auftrag ist, die breite Vielfalt der Tanzstile auf höchstem Niveau zum Publikum zu bringen. Und das ist ziemlich konkret gemeint, denn das Festival tourt durch die gesamte Schweiz. Die Kompanien spielen nicht nur in urbanen Zentren, sondern machen auch in Randregionen – was auch immer das heißen mag – Halt. Wir haben vier verschiedene Sprachregionen und somit auch viele verschiedene kulturelle Hintergründe in der Schweiz. Wir wollen ein breites Publikum neugierig auf Tanz und die Bewegungskunst machen. Mit der Hoffnung, dass diese später vielleicht die Dampfzentrale Bern oder die Gessnerallee Zürich besuchen. Kurz gesagt: So vielfältig wie das Programm, so vielfältig ist auch das Publikum.

Was hat sich in den letzten 20 Jahren im zeitgenössischen Tanz in der Schweiz geändert?

Es sind zwei große Veränderungen auszumachen. Der Tanz hat sich in der Schweiz professionalisiert. Vor 20 Jahren kannten sich weniger KollegInnen in den Theaterhäusern mit Tanz aus; das hat sich stark verändert. Zweitens ist der Beruf des Tänzers und der Tänzerin erst seit wenigen Jahren anerkannt. Heutzutage können Tanzausbildungen als Berufslehre, als Bachelor und ab Sommer 2018 auch als Master abgeschlossen werden. Das Veranstalternetzwerk RESO wurde gegründet und die Subventionslandschaft hat sich verändert. Diese Veränderungen in der Kulturpolitik sowie das gestiegene Interesse der Schweizer stimmt unglaublich hoffnungsfroh und zeugt von einer dynamischen Entwicklung. Also ganz im Sinne des Tanzes.

Programm unter www.steps.ch

Veröffentlicht am 26.02.2018, von Natalie Broschat in Homepage, Gallery, Themen

Dieser Artikel wurde 1692 mal angesehen.



Kommentare zu "Das Schweizer Tanzfestival „Steps“ 2018"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    STEPS IN DER NORDWESTSCHWEIZ

    Das biennale Tanzfestival Steps feiert 2018 sein 30-jähriges Jubiläum und glänzt mit einem hervorragenden Programm

    In Basel und Lörrach zu Gast sind das NDT2, L-E-V, die Compagnie Greffe der belgischen Choreografin Cindy van Acker, das deutsch-französische Choreografenpaar Wang Ramirez und Studierende aus Lausanne und Zürich.

    Veröffentlicht am 04.05.2018, von Natalie Broschat


    ZWITTERWESEN AUS DEM TECHNOLAND

    Die israelische Kompanie «L-E-V» bei der Schweizer Tanzbiennale «Steps» zu Gast.

    Mit «House» von Sharon Eyal und Gai Behar versetzt die Kompanie «L-E-V» aus Tel Aviv das Publikum in Zürich in einen Trancezustand.

    Veröffentlicht am 02.05.2014, von Sulamith Ehrensperger


    SPUCK, GOECKE UND MCGREGOR IM DREIGESPANN

    Das Ballett Zürich begeistert mit den Uraufführungen „Sonett“, „Deer Vision“ und „Kairos“

    Es war ein doppelt prominenter Anlass. Denn mit dem Programm „Notations“ – so der Sammeltitel für die drei oben genannten Kreationen – machte das Zürcher Ballett nicht nur dem Opernhaus, dem es angehört, alle Ehre, sondern es eröffnete damit auch das 14. Internationale Tanzfestival „Steps“..

    Veröffentlicht am 27.04.2014, von Marlies Strech


     

    AKTUELLE NEWS


    WALDMANN IN LEIPZIG

    Berufung ans CCT
    Veröffentlicht am 16.11.2018, von Pressetext


    VORÜBERGEHENDE NACHFOLGE VON ADOLPHE BINDER STEHT FEST

    Bettina Wagner-Bergelt und Roger Christmann kommen nach Wuppertal
    Veröffentlicht am 13.11.2018, von tanznetz.de Redaktion


    STÄRKUNG FÜR DIE 'WELT-STADT-LABORE'

    Weiterförderung internationaler Produktionshäuser gelungen
    Veröffentlicht am 13.11.2018, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ 28: NEW WAVES

    «Tanz Luzerner Theater» eröffnet die Spielzeit 18/19 am Samstag 13. Oktober um 19.30 Uhr mit dem Triple-Bill-Abend «New Waves».

    Der Abend mit der Uraufführung «Let’s Bowie!» von Georg Reischl sowie den beiden Stücken «Sortijas» und «Twenty Eight Thousand Waves» von Cayetano Sotto bildet den Auftakt zur 10-jährigen Jubiläumsspielzeit von Kathleen McNurney am LT.

    Veröffentlicht am 28.08.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    STUMPFER GLANZ

    Auftakt der Saison 2018/2019 am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 29.10.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    VORÜBERGEHENDE NACHFOLGE VON ADOLPHE BINDER STEHT FEST

    Bettina Wagner-Bergelt und Roger Christmann kommen nach Wuppertal

    Veröffentlicht am 13.11.2018, von tanznetz.de Redaktion


    GETRAGEN, GESTÜTZT, GELEITET

    Uraufführung des Pforzheimer Ballettensembles an einem ungewöhnlichen Ort

    Veröffentlicht am 12.11.2018, von Gastbeitrag


    HORROR IM KINDERZIMMER

    Silvana Schröders „Giselle“ am Theater Erfurt

    Veröffentlicht am 12.11.2018, von Boris Michael Gruhl


    ZWISCHEN KOMIK UND ELEGANZ

    16. Internationale Aids-Tanzgala in Regensburg

    Veröffentlicht am 13.11.2018, von Michael Scheiner



    BEI UNS IM SHOP