HOMEPAGE



Dresden

GROßE THEMEN, GROßE BILDER, GRANDIOSER TANZ

Mit „New Creations“ bricht die Dresden Frankfurt Dance Company auf zu neuen Ufern



„Unit Reaction“ und „Al Di Là“ von Jacopo Godani erleben an diesem zweiteiligen Tanzabend ihre Uraufführung.


  • "New Creations" von Jacopo Godani Foto © Dominik Mentzos
  • "New Creations" von Jacopo Godani Foto © Dominik Mentzos
  • "New Creations" von Jacopo Godani Foto © Dominik Mentzos

Keine Frage, die Dresden Frankfurt Dance Company hat sich in der Tanzwelt einen Namen gemacht. Der steht für zeitgenössischen Tanz in hoher Vollendung, für eine grandiose, international besetzte Kompanie. Mit Jacopo Godani als künstlerischem Leiter und Choreografen im Team mit Luisa Sanches Escarado ist sie von internationaler Bedeutung. Dennoch stellt sich die Frage, wie es möglich ist, immer wieder Neues zu entdecken, das Publikum zu überraschen und zu begeistern. Dass dies möglich ist, beweist die neueste Produktion mit dem programmatischen Titel, „New Creations“, zwei Stücke, am Ende ein sich ergänzender Abend.

Natürlich gibt es Wiedererkennungseffekte, das sollte auch bei jedem Choreografen, bei jeder Choreografin so sein. Auch bei der Musik des ersten Teils mit dem Titel „Unit Reaction“ hört man die kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Komponisten Ulrich Müller und Siegfried Rössert, dem Kollektiv 48nord. Sie setzt ebenfalls eigene Maßstäbe. Und dennoch, Jacopo Godani vermag es immer wieder, selten aber so überraschend wie jetzt, neue Akzente zu setzen, trotz der Wiedererkennbarkeit seines Stils, den Tänzerinnen und Tänzern neue, bislang so nicht erlebte Möglichkeiten zu eröffnen bei jeweils erkennbarer, spezieller Förderung individueller Ausstrahlung. Er stellt sie hier in besonderer Weise in ein neues, von ihm kreiertes Licht, führt sie zu so noch nicht erlebbaren Formen des Ausdrucks, bei denen die Körper mit Klängen, Licht und Dimensionen des Raumes verschmelzen, zumal ihn die Tänzerinnen und Tänzer auch verändern, indem sie sich ihren Tanzboden unter den Füßen wegnehmen, um dann wieder neuen Boden und neue Freiheiten zu gewinnen.

So überzeugt in dieser ersten Kreation des Abends das Zusammenspiel von Klängen, Licht, Raum und Bewegung. Bei wechselnden Konstellationen gibt es spannende Momente und solche fast meditativen Innehaltens. Eine Handlung im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Wenn hier aber etwas erzählt wird, dann durch die Assoziationen für das aufmerksame Publikum. Hier werden Horizonte der Wahrnehmung immer aufgebrochen. Der Tanz kommt auf die Menschen im großen Saal des Festspielhauses zu und schafft in ihnen Bewegung durch Berührung, so in einer Szene berührender Selbstverlorenheit, eines einsamen Tänzer unter dem Licht eines leuchtenden Stabes, der sich herabsenkt. Tänzerische Kommunikation kann auch surreale Momente haben. Godani entwickelt eine bislang so noch nicht erlebte geheimnisvolle Sensibilität des Tanzes, solistisch, in Duos, in Gruppen, für die ganze Kompanie. Und da ist immer wieder Mut zur Stille, das macht auch die Musik von 48nord aus, mit ihren feinsinnigen elektronischen Streicherklängen, die am Ende schon so etwas wie eine Vorahnung der im zweiten Teil folgenden Komposition von Arnold Schönberg anklingen lassen.

„Al Di Là“, so der Titel der zweiten Uraufführung zu Arnold Schönbergs Streichsextett, „Verklärte Nacht“. Gemäß der Intension des Komponisten in der Fassung für Streichorchester, ein Werk in einem Satz, dennoch in der Struktur in fünf Teilen, die ineinander übergehen. Schönbergs Werk von 1896 folgt einer Anregung durch das gleichnamige Gedicht von Richard Dehmel. Gedicht und Musik haben immer wieder Choreografen angeregt. Zuletzt gab es 1999 in der Dresdner Semperoper eine Choreografie des Balletts der Staatsoper von Ralf Dörnen als Erlösungstraum eines Paares in eisiger, winterkalt erstorbener Landschaft. Godanis Choreografie für eine kleinere Gruppe der Kompanie folgt dieser Vorlage nicht, eher dem musikalischen Aufbau der Komposition. Seine „Verklärte Nacht“ gestaltet sich am Ende als liebevolle Einladung, neue Welten zu betreten, Dunkelheiten hinter sich zu lassen, Visionen zuzulassen, sich Stürmen auszusetzen. Dabei lässt er die Bühne zum Ort der optischen und der klingenden Poesie werden.

In der Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner Matthias Bringmann entsteht ein temporäres Kunstwerk des Raumes, Korrespondenz zur momentanen Vergänglichkeit des Tanzes. Vielleicht ist Godani wieder bei einem seiner Hauptthemen: Gefahren und Chancen der Evolution. Denn wie sich aus tanzenden Wesen, die noch Reste ursprünglicher Natur an sich tragen und wie mystische Wesen wirken, Menschen in freier Körperlichkeit mit allen Chancen und Irrtümern entwickeln, lässt diese Assoziation zu.

Auch hier lässt sich der Choreograf auf die Musik ein, hat wiederum den Mut innezuhalten, sich den Klangbildern mit seiner Sprache tänzerischer Bewegungen zu stellen. Zu tänzerischen Höhepunkten werden ein fragiles Solo von Ulysse Zangs oder ein Pas de deux mit Anne Jung und David Leonidas Thiel, deren Namen hier bewusst stellvertretend für die Kompanie, in der man gerne mit Clay Coonar und Sam Young-Wright neue, jüngst erst hinzugekommene Mitglieder begrüßt.

Am Ende noch ein eindrucksvolles Schlussbild und eine Überraschung. Wenn nämlich die Menschen in der vermeintlichen Freiheit angekommen sind und ihre Verbindung zur Natur abgelegt haben, dann stellt sich die Natur mit ihren Gewalten gegen sie. Der Boden wird unsicher, wogt wie aufgepeitschtes Meer, mächtige Wellen drohen die Menschen zu verschlingen. Sie vermögen noch einmal die Gefahr zu bannen, sie reißen diese sintflutartige, ozeanische Bedrohung auf und wenden sich am Ende, zum musikalischen Epilog, betont liebevoll, vielleicht nicht ganz frei von feinsinniger, augenzwinkernder Ironie der Pflege ihrer kleinen Rasenstücke zu. Ganz große Themen, nicht ganz ohne Humor, noch eine Überraschung gestern Abend.

Weitere Aufführungen in Dresden: täglich bis 25. Februar, 1. bis 5. März, 20.00 Uhr
www.hellerau.org / www.dresdenfrankfurtdancecompany.de

Veröffentlicht am 22.02.2018, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 4455 mal angesehen.



Kommentare zu "Große Themen, große Bilder, grandioser Tanz "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    VERLÄNGERT

    Jacopo Godani bleibt

    Verlängerung des Kooperationsvertrages der Dresden Frankfurt Dance Company um weitere zwei Jahre beschlossen. Jacopo Godani bleibt Künstlerischer Leiter bis Ende der Spielzeit 2022/23.

    Veröffentlicht am 15.07.2021, von Pressetext


    MEISTERHAFTE CHOREOGRAFEN

    „Goecke/Godani/Montero“ in Nürnberg

    Der Titel ist reduziert. Auf die Choreografen, deren Namen allein schon klingend sind in den Ohren derjenigen, die sich in der Tanzszene bestens auskennen: Marco Goecke, Jacopo Godani, Goyo Montero.

    Veröffentlicht am 13.07.2021, von Gastbeitrag


    ZWITTERWESEN IM ZWIELICHT

    Die Tänzer*innen der Dresden Frankfurt Dance Company umgarnen im Festspielhaus Hellerau die Musiker*innen des Ensemble Modern

    "With these hands" von Jacopo Godani lebt von Improvisation. Choreografisch entsteht so eine neue Bewegungssprache, thematisch bleibt Godani seinem Thema des Animalischen jedoch treu.

    Veröffentlicht am 09.07.2021, von Rico Stehfest


    "PEACE WILL COME"

    Marco Goeckes "Good Old Moone" und Jacopo Godanis "Hollow Bones" bei der Dresden Frankfurt Dance Company

    Die Kamera als Partner nutzend fächern Marco Goecke und Jacopo Godani die ganze Kunst des Tanzens auf und kreieren zwei Uraufführungen, die auch im Stream nichts an Kraft einbüßen.

    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Rico Stehfest


    KLEINE FINGERÜBUNG GEFÄLLIG?

    Die Dresden Frankfurt Dance Company hält ihr Publikum fit

    Mit dem Video-Trainingsprogramm "Simple Dance" für minimale Bewegungen und Koordination kann nun jede*r Teil der Dresden Frankfurt Dance Company werden. Aber auch für klassisch Zuschauende gibt es mit "#Alter Ego" etwas zu sehen.

    Veröffentlicht am 06.02.2021, von Rico Stehfest


    LABORERGEBNISSE

    Die Dresden Frankfurt Dance Company testet mit „Lapdance“ neue Möglichkeiten

    Spiel mit Positionen des Publikums und atmosphärischer Langsamkeit: Der zweiteilige Abend im Dresdner Festspielhaus Hellerau vereint „Metamorphers“ aus dem Jahr 2016 und Jacopo Godanis neue Choreografie „Satelliting“.

    Veröffentlicht am 02.02.2020, von Rico Stehfest


    WIE MAN FLIEGEN FÄNGT

    "Alter Ego" von Jacopo Godani in Dresden uraufgeführt

    Die Dresden Frankfurt Dance Company überrascht mit ihrer neuen Arbeit in Dresden und zeigt ein ganz neues Gesicht.

    Veröffentlicht am 11.10.2019, von Rico Stehfest


    DIESES WILDE TIER IST GEREIZT

    Die TänzerInnen der Dresden Frankfurt Dance Company zeigen in Hellerau eigene Arbeiten

    In fünf eigenen Choreografien zeigen Tänzer und Tänzerinnen der Kompanie eigene Impulse und Gedanken. Das tun sie alle auf hohem Niveau, nur individuelle Handschriften lassen sich nicht ablesen.

    Veröffentlicht am 28.06.2019, von Rico Stehfest


    FLUCH UND CHANCE DER EVOLUTION

    „Ultimatum“, der neue dreiteilige Abend der Dresden Frankfurt Dance Company

    Kraftvoll und sensibel: Die Frankfurter Premiere von Jacopo Godanis Uraufführungen „The small infinite“ und „Ultimatum Part II“ sowie der Neubearbeitung von „Unit in reaction“ wird jubelnd gefeiert.

    Veröffentlicht am 11.03.2019, von Boris Michael Gruhl


    EINS, ZWEI, DREI GODANI

    Der dreiteilige Ballettabend "Girls Dance / Postgenoma / High Breed" in Dresden

    In Hellerau verbindet die Dresden Frankfurt Dance Company zwei ältere mit einer neuen Kreation von Jacopo Godani und nichts sieht dabei alt aus.

    Veröffentlicht am 08.12.2018, von Boris Michael Gruhl


     

    LEUTE AKTUELL


    „MAN WIRD IM BALLETT MEHR SYMPATHIE FÜR JULIEN SOREL EMPFINDEN ALS IM ROMAN“

    Ein Interview mit Mathieu Ganio von Julia Bühle
    Veröffentlicht am 21.10.2021, von Julia Bührle


    "EIN BALLETT PER SKYPE EINZUSTUDIEREN IST UNMÖGLICH"

    Ein Gespräch mit Pierre Lacotte über sein neues Ballett "Rot und Schwarz" nach dem Roman von Stendhal
    Veröffentlicht am 15.10.2021, von Julia Bührle


    IMMER AUF DER SUCHE NACH VERÄNDERUNG

    Ein persönlicher Nachruf auf Aat Hougée
    Veröffentlicht am 08.10.2021, von Ursula Kaufmann



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    „DER STURM“

    Ballett von Roberto Scafati nach William Shakespeare am Theater Trier

    Roberto Scafati inszeniert das Ballett in Zusammenarbeit mit demselben Team, das schon durch „Winterreise“ bekannt ist, sowie dem Philharmonischen Orchester der Stadt Trier unter der musikalischen Leitung von Wouter Padberg.

    Veröffentlicht am 06.10.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    GIPFELTREFFEN

    Livestream des Triple Bills „Tänze Bilder Sinfonien“ beim Wiener Staatsballett

    Veröffentlicht am 25.09.2021, von Anna Beke


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    PRODUKTION, STUDIES UND TANZ FÜR JUGENDLICHE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    BEWEGUNGSREICHTUM

    Sensationeller Erfolg für Nadav Zelner mit „Toda“ am Staatstheater Hannover

    Veröffentlicht am 27.09.2021, von Renate Killmann



    BEI UNS IM SHOP