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Frankfurt

VERZWEIFELTE MÄNNLICHKEIT

Bruno Beltrão & Grupo de Rua zeigen „INOAH“ als Auftakt zum Tanzfestival Rhein-Main im Frankfurt LAB



Trotz mangelnder Dramaturgie und zerfaserter Choreografie glänzt die brasilianische Kompanie durch atemberaubend physische Präsenz.


  • "INOAH" von Bruno Beltrão Foto © Kerstin Behrendt
  • "INOAH" von Bruno Beltrão Foto © Kerstin Behrendt
  • "INOAH" von Bruno Beltrão Foto © Kerstin Behrendt

Bei der Auftaktveranstaltung zum diesjährigen Tanzfestival Rhein-Main, das zweite seiner Art, wollten viele dabei sein. Das Frankfurt LAB war bis auf den letzten Platz gefüllt. Intendanten und Geldgeber dankten und lobten sich gegenseitig. Alle zeigten sich froh, dass es bis hierhin so gut gelungen war und hoffen auf eine Weiterführung über den vierjährigen Förderzyklus hinaus. Die Rhein-Main-Region, das sind die Städte Darmstadt, Frankfurt und Wiesbaden, soll wieder zur zentralen Tanzplattform Deutschlands werden. Das ist das Ziel.

Für den Eröffnungsabend hatte man Bruno Beltrão und seine Grupo de Rua mit ihrem neuen Tanzstück „INOAH“ gewählt. Die Brasilianer sind hochgelobt, wurden mit ihren vorherigen Stücken bereits in Europa gefeiert. Beltrão kommt aus HipHop und Breakdance. Ende der 90er Jahre gründete er die Grupo de Rua (= Straßengruppe), sie traten im Fernsehen und in Shows auf, nahmen an Battles, also an Wettbewerben im Street Dance, teil. Dann nahm Beltrão ein Tanzstudium auf, mit dem erklärten Ziel die Tanzstile der Straße und der Bühne zusammenzubringen. Seine Stücke fokussiert er seitdem auf den reinen Tanz, die ersten zu Musik, wie den YouTube-Videos zu entnehmen ist.

Das aktuelle Stück „INOAH“ reduziert er komplett auf die Körperbewegungen seiner zehn Tänzer. Nur in einer mittleren Passage kommen leise Sounds dazu, die dem Tanz allerdings keine Impulse geben. Die Machart wird im Programmzettel mit der schwierigen politischen Situation in Brasilien in Verbindung gebracht. Der Titel des Stücks ist der Name der Stadt, in der sie bezahlbare Probenräume fanden. Die Kleidung changiert zwischen Basketball und Kampfsport, auf jeden Fall ist sie flattrig weit. Das einzige Bühnenelement ist ein Lichtstreifen an der Decke, der den Blick auf Himmel und Landschaftselemente freigibt und einen Tag-Nacht-Zyklus zu simulieren scheint.

Das Stück beginnt im Dämmerlicht mit tastenden Bewegungen, die sehr filigran im Hand- und Fußbereich sind. Plötzlich meint man in einer Sporthalle beim Aufwärmtraining zuzuschauen. Später werden einzeln oder zu zweit komplizierte, bodennahe Figuren gezeigt – hier ist das Stück dem Street Dance am nächsten. Kontaktimprovisationen übersetzt Beltrão in seinen Urban Style, was mit zunehmender Schnelligkeit in den Gruppenbildern unüberschaubar wird. Wann wer wen berührt und wer wie worauf reagiert, das sieht man wie im Vorübergehen durch Zufall. Nur wenn der Blick auf einzelne Individuen fokussiert bleibt, lässt sich dies nachvollziehen.

Im letzten Teil des 50-minütigen Stücks zeigen einige Tänzer das Muskelspiel ihrer nackten Oberkörper. Sie experimentieren mit Männlichkeitsposen, was jedoch verzweifelt wirkt, kaum ironisch oder witzig. Die enorme Sprungkraft und kraftvolle Beweglichkeit der Tänzer beeindrucken zutiefst. Sie springen leicht wie Gummibälle, nicht nur mit den Füßen, sondern prallen auch mit anderen Körperpartien vom Boden einfach wieder ab. Ihre Fallsprünge sind geradezu artistisch, als gäbe es keine Schwerkraft. Geschmeidig laufen sie in der Hocke auf Händen und Füßen, einer schlittert auf dem Kopf über den Boden. Das alles ist staunenswert bis atemberaubend.

Doch insgesamt zerfasert die Choreografie, allein durch Lichtwechsel gelingt noch kein Spannungsaufbau. Was Musik für den Tanz bedeutet, das wird bei der Zugabe klar. Vier Streetdancer der Gruppe geben echte Breakdance-Einlagen und das Publikum klatscht voller Begeisterung. Vielleicht ging es genau darum?

Veröffentlicht am 17.10.2017, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2017/18

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