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Berlin

EINE JUNGE KOMPANIE FÜR BERLIN

Marion Heinrich im Gespräch mit den Intendanten des „Landesjugendballetts Berlin“



Am 31.03.2017 wurde das „Landesjugendballett Berlin“ gegründet. Die Geschäftsführung übernimmt Prof. Dr. Ralf Stabel, die Künstlerische Leitung Prof. Gregor Seyffert.


  • Landesjugendballett Berlin mit Sandra Scheeres, Berlins Bildungssenatorin (Mitte) Ralf Stabel (li) und Gregor Seyffert,(re) Intendanten des Landesjugendballetts Berlin Foto © Bonnie Bennewitz

Von Marion Heinrich

„Landesjugendballett an der Staatlichen Ballettschule Berlin“ heißt das jüngste Angebot für angehende Tänzerinnen und Tänzer, was verbirgt sich hinter diesem Label, fragt Marion Heinrich den Geschäftsführer Prof. Dr. Ralf Stabel (RS) und den Künstlerischen Leiter Prof. Gregor Seyffert (GS).

Der Zeitpunkt ist gewiss nicht anlasslos gewählt. Warum also gerade jetzt?

GS: Der Zeitpunkt ist eine Art Höhepunkt der bisherigen Entwicklung der Schule. Das betrifft sowohl den Ausbildungsstand der Tänzerinnen und Tänzer als auch die Entwicklung des Repertoires. Wir haben in den vergangenen 15 Jahren gezeigt, dass wir die gesamte Breite des heute in der Welt aufgeführten Bühnentanzrepertoires präsentieren können. Immer wieder war das Publikum erstaunt von Giselle- oder Paquita-Akten, vom abendfüllenden „Le Corsaire“ oder von unseren Handlungsballetten „Romeo und Julia“ oder „Der kleine Prinz“, aber auch von unseren zeitgenössischen Kreationen mit Wayne McGregor und Marco Goecke. Und immer wieder kam auch die Frage: Das soll eine Schule sein? Und wir kamen in einen merkwürdigen Erklärungszwang, denn unsere jungen Tänzerinnen und Tänzer sind ja in dem Moment, in dem sie auf der Bühne beeindruckende künstlerische Leistungen zeigen, wirkliche Künstlerinnen und Künstler – nur eben etwas jünger.

Wir erleben in Berlin derzeit einen konfliktreichen Umbruch beim Staatsballett Berlin. Zudem wurde auch eine private Ballettschule beim Staatsballett gegründet, die der Staatlichen Ballettschule Berlin nicht wirklich Konkurrenz machen kann, die den Schülerinnen und Schülerin jedoch Auftrittsmöglichkeiten nimmt. Erinnert sei daran, dass in der Nussknacker-Inszenierung 2016 keine Kinder mehr besetzt wurden, oder gar die private Ballettschule am Staatsballett mit „Coppélia“ auf dem Spielplan der Staatsoper zu finden war. Tatsachen, die Sie nicht froh stimmen können, anders gefragt, das sind Tatsachen, die Ihren Widerspruch provozieren müssen?

RS: Wir existieren wirklich unabhängig voneinander, leben aber auch in einer gewissen Symbiose miteinander. Wir haben selbstverständlich ein Interesse daran, dass es dem Staatsballett und seinen Mitgliedern gut geht. Wir haben eine über 50-jährige Kooperation mit dem jeweils größten Ballettensemble der Stadt - und das unabhängig davon, wer dort gerade welche künstlerisch-ästhetische Linie vertritt. Wir sind und bleiben optimistisch, dass wir – egal mit wem – weiterhin gut mit diesem Ensemble zusammenarbeiten werden, zumal eine Reihe von Tänzerinnen und Tänzern ja aus unserer Ausbildung stammen. Auch in diesem Jahr, wie in den Jahren davor, geht wieder ein Absolvent zum Staatsballett.

Man kennt Junior-Kompanien an großen Theatern wie München, Hamburg und anderswo. Worin sehen Sie den Unterschied zum Landesjugendballett?

RS: Die dortigen Junior-Kompanien geben jungen Tänzerinnen und Tänzern, von denen sie glauben, dass sie noch nicht wirklich fertig sind, die Gelegenheit, wie es von alters her üblich ist, als Eleven – bei entsprechenden Verträgen – am Theater zu lernen, wie Theater funktioniert. Mitunter werden durch diese ‚Konstruktionen’ die Ensembles nicht unerheblich erweitert. Aber das sind wirklich autonome Entscheidungen dieser Theater. Wir denken, dass wir mit unserer Ausbildung und den vielen verschiedenen Auftrittserfahrungen den Theatern tatsächlich fertige Tänzerinnen und Tänzer zur Verfügung stellen.

Prof. Gregor Seyffert, welche Ziele verfolgen Sie als Künstlerischer Leiter des Landesjugendballetts damit?

GS: Wir möchten den jungen Tänzerinnen und Tänzern unserer Schule die Möglichkeit geben, noch mehr aufzutreten und noch vielfältigere Auftrittserfahrungen zu sammeln, denn nur, wer auf der Bühne tanzen gelernt hat, kann wirklich am Ende einer Ausbildung bzw. eines Studiums ein/e fertige/r Bühnentänzer/in sein. Das betrifft nicht nur die Virtuosität und Expressivität, sondern auch das Bewusstsein – ich bin Künstler/in, ich bin Tänzer/in. Und eben nicht: Ich habe die Schule beendet.

Wir wollen die Zusammenarbeit mit weltweit gefragten und stilprägenden Choreografen noch stärker betonen und ausbauen, um unsere ‚Kompaniemitglieder’ noch besser auf den Berufseinstieg vorzubereiten.
Darüber hinaus möchten wir mit diesem Ensemble als Kulturbotschafter unserer Stadt Berlin durch unser Land reisen und weltweit Tournee unternehmen, um auf die tollen Möglichkeiten von Bildung und Ausbildung in Berlin aufmerksam zu machen.

Welche Vorteile sehen Sie für die künftigen Ensemblemitglieder?

RS: Einige habe ich schon erwähnt: Noch mehr und noch vielfältigere Auftrittserfahrungen werden die jungen Tänzerinnen und Tänzer noch besser auf ihren Berufseinstieg vorbereiten. Und es wäre doch schön und erstrebenswert, dass jemand, der neun Jahre studiert, auf vielen unterschiedlichen Bühnen getanzt, eventuell Wettbewerbe gewonnen hat und mit dem aktuell getanzten Repertoire vom 19. Jahrhundert bis zu den Top-Choreografen unserer Zeit, sich nicht einen Vertrag als ‚Lehrling’ anbieten lassen muss, der sie oder ihn erst einmal in eine prekäre Lage bringt.

Wer kann Mitglied werden?

RS: Auf jeden Fall werden die Schülerinnen und Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin je nach künstlerischem Projekt die Mitglieder stellen. Wir stellen uns aber auch vor, mit Ballettschulen oder Tanz-Initiativen in Berlin und Umgebung zusammenzuarbeiten und so den jungen Menschen, die ansonsten ausschließlich in ihrer Freizeit tanzen, die Gelegenheit zu geben, mit uns zu proben und aufzutreten. Wenn wir auf Tournee gehen, würden wir jeweils vorab mit dortigen Kindern und Jugendlichen proben, um sie dann für die Aufführungen in unsere Projekte einzubeziehen.

GS: Wir haben damit bei den Aufführungen meines Balletts „Der kleine Prinz“ schon sehr gute und sehr schöne Erfahrungen. Und natürlich kann das Landesjugendballett auch jungen Menschen aus der Welt offen stehen, die sich bei uns auf eine Bühnentanzkarriere vorbereiten wollen und zum Beispiel erst ins Bachelor-Studium bei uns einsteigen. Auch der Einsatz von Absolventinnen und Absolventen ist durchaus denkbar und wünschenswert.

Wann wird man das Landesjugendballett in Berlin zum ersten Mal erleben?

GS: Wir werden unsere Vorstellung am 1. Mai in der Staatsoper im Schiller Theater „The Contemporaries – im Hier und Jetzt (Volume 2)“ bereits unter diesem Label zeigen.

Veröffentlicht am 31.03.2017, von Gastbeitrag in Homepage, Leute

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