HOMEPAGE



Braunschweig

DIE LIEBE IN ALL IHREN FACETTEN

„Dein Herz ist meine Heimat“ von Gregor Zöllig am Staatstheater Braunschweig



Gregor Zöllig nutzt in seinem Tanzstück „Dein Herz ist meine Heimat“ Shakespeares Sonette als Interpretationsquelle für ein lebenspralles Werk.


  • "Dein Herz ist meine Heimat" von Gregor Zöllig; Ensemble Foto © Ursula Kaufmann
  • "Dein Herz ist meine Heimat" von Gregor Zöllig; Tiago Manquinho und Nao Tokuhashi Foto © Ursula Kaufmann
  • "Dein Herz ist meine Heimat" von Gregor Zöllig; Ensemble Foto © Ursula Kaufmann
  • "Dein Herz ist meine Heimat" von Gregor Zöllig; Simon Wiersma und Pauline de Laet Foto © Ursula Kaufmann
  • "Dein Herz ist meine Heimat" von Gregor Zöllig; Alice Baccile und Ensemble Foto © Ursula Kaufmann
  • "Dein Herz ist meine Heimat" von Gregor Zöllig; Adrian J. Wanliss und Alice Gaspari Foto © Ursula Kaufmann
  • "Dein Herz ist meine Heimat" von Gregor Zöllig; Mariateresa Molino Foto © Ursula Kaufmann
  • "Dein Herz ist meine Heimat" von Gregor Zöllig; Alice Baccile und Yuri Fortini Foto © Ursula Kaufmann

Von Kirsten Pötzke

Shakespeare und Tanz sind eine vielversprechende Symbiose – das zeigen schon klassische Ballette wie „Romeo und Julia“ oder „Ein Sommernachtstraum“. Gregor Zöllig, Chefchoreograf des Tanztheaters am Staatstheater Braunschweig, hat sich nun Shakespeares Sonetten als Inspirationsquelle bedient. In seinem Tanzstück „Dein Herz ist meine Heimat“, das am vergangenen Freitag uraufgeführt wurde, ist die Liebe das große Thema. In all seinen Facetten möchte Zöllig dieses unvergleichliche Gefühl darstellen. Mit allen Lichtseiten wie der ersten Verliebtheit, der Verehrung und der gegenseitigen Anziehung, aber auch mit allen Abgründen wie Eifersucht, Ablehnung und Unterdrückung zeigt er die Varianten menschlicher Zweierbeziehungen anhand lauter kleiner Einzelgeschichten und schafft ein emotionales, lebenspralles Werk.

Es beginnt schummrig. Im Halbdunkel ragt ein riesiger Felsen auf, in zwei Ebenen unterteilt und durch Treppen verbunden, was Ausstatter Hank Irwin Kittel die Nutzung des gesamten Raumes in der Vertikalen auf drei Geschossen ermöglicht. Eingehüllt in Nebelschwaden und abgeteilt durch einen Gazevorhang bewegen sich auf der oberen und mittleren Etage einige Tänzer, während auf dem Boden andere wie Zuschauer vor einer Kinoleinwand stehen und die Gestalten über ihnen betrachten. Zu umgeschriebenen Vokalstücken aus der Renaissance versetzt das Staatsorchester Braunschweig unter der Leitung von Samuel Emanuel die Zuschauer akustisch in die Zeit Shakespeares.

Aber die mystische Ruhe verfliegt. Auf der Bühne entsteht Bewegung, sichtbar zunächst vor allem in den Händen der Tänzer, die scheinbar knochenlos und gummiartig atemberaubend schnell immer neue Figuren formen. Dann erfasst der Fluss die Körper, die umeinander strömen, bis schließlich ein Paar sich findet. Die Liebe ist jung, unsicher, also muss das Küssen erst geübt werden. Die Anleitung dazu steht auf einem Blatt Papier und wird laut vorgelesen. Die ersten praktischen Versuche sind drollig-ungeschickt, schließlich übernimmt die Natur das Regiment, Vorschriften unnötig, der Zettel fliegt zu Boden, die Oberbekleidung des Paares ebenso. Doch in dieser Halb-Nacktheit liegt nichts Voyeuristisches. Vielmehr ist es anrührend, wie sich beide innig umarmen und vorsichtig eng umkreisen. Und wer angesichts des abgestreiften Hemdchens nun auf die offensichtliche Präsentation der anatomischen Besonderheiten eines weiblichen Oberkörpers gehofft hatte, wurde in dieser Hinsicht zwar enttäuscht, aber gleichzeitig entschädigt durch einen fantastisch freien Blick auf die durchtrainierten Rückenansichten von Pauline De Laet und Simon Wiersma. Während sich diese Zwei bereits einig sind, rutscht eine Ebene höher in der Mitte des Felsens ein anderes Paar etwas verklemmt nebeneinander her. Sie will ihn, er will sie nicht.

Zöllig spielt mit Klischees, setzt die Betonung immer wieder auf das Theater, lässt seine Kompanie sprechen, weinen, schmatzend küssen und singen. Dabei gelingt es ihm, einen logischen Bezug zum Tanz herzustellen und — ohne dass es allzu gewollt erscheint — die Elemente humorvoll miteinander zu verbinden, anstatt sie bloß nebeneinander zu präsentieren. Und glücklicherweise vertraut der Choreograf auch der Sprache des Tanzes. Etwa wenn er den Aspekt der Begierde tänzerisch umsetzt und sich Paare jedweder Geschlechterkombination auf allen drei Bühnenebenen zu Percussion-Klängen winden und wälzen, bekommt die Szene etwas beinahe Orgiastisches, ohne dass erklärende Worte oder untermalende Geräusche nötig sind.

Musikalisch wechselt das Tanzstück in seinem Verlauf komplett in die Gegenwart, zu Werken von Ravel, Adams und Einaudi. Auch die Kostüme vermitteln die zeitlose Aktualität des Themas, elegant-leger, als ob das Ensemble zum kollektiven Dating unterwegs wäre. Gleichwohl: so harmlos wie ein Ausgehabend bleibt es nicht. Immer düsterer werden die Spielarten der Liebe, bis hin zu Demütigung und Gewalt, was die engagierte Kompanie ausdrucksstark umsetzt. Und doch trägt Zölligs Konzept nicht durchgehend. Mitunter hat das Tanzstück Längen und der Eindruck entsteht, als seien dem Choreografen trotz Witz und Verve am Ende die Bilder für all das Verzweifeln und den Schmerz der Verlassenen ausgegangen. Anderes wiederum wäre vielleicht verzichtbar gewesen. So etwa eine kollektive Kopulationsszene, die weniger erotisch wirkt als vielmehr den Eindruck einer Turnübung erweckt.

Am Schluss nimmt Zölligs Werk jedoch noch einmal Fahrt auf und endet nach allen Hinweisen auf die Vergänglichkeit und die Abgründe der menschlichen Seele in einer rauschhaften Leichtigkeit. Da wirbeln die Tänzerinnen und Tänzer wie in rasender Verliebtheit entfesselt über die Ebenen und verteilen fontänenartig weiße und rosa Blütenblätter aus raschelndem Papier. Mit diesem mitreißenden Bild setzt Zöllig nach 90 Minuten pausenloser Tanztheaterkunst einen gekonnten Schlusspunkt.

Die nächsten Vorstellungen finden am 22. Februar, 12., 17. und 26. März statt.
Karten und Informationen gibt es unter Telefon (0531) 1234 567 oder karten@staatstheater-braunschweig.de

Veröffentlicht am 19.02.2017, von Kirsten Poetzke in Homepage, Kritiken 2016/2017

Dieser Artikel wurde 5082 mal angesehen.



Kommentare zu "Die Liebe in all ihren Facetten"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    BLICK INS ARCHIV II

    Fotoblog von Ursula Kaufmann

    Die in Essen lebende Fotografin öffnet während der Coronakrise ihr umfangreiches Archiv. Zu sehen sind hier Fotos verschiedener Choreografien des deutschen Choreografen Gregor Zöllig.

    Veröffentlicht am 15.04.2020, von Gastbeitrag


    REIZÜBERFLUTUNG CONTRA MEERESRAUSCHEN

    Gregor Zöllig erzählt am Staatstheater Braunschweig „Vom Sinn der Sinnlichkeit“

    Was bedeutet die tägliche Reizüberflutung für unsere sinnliche Wahrnehmung? Mit dieser Frage beschäftigt sich Gregor Zöllig in seinem neuesten Werk. Und der Braunschweiger Tanzchef geht auch gleich in die Vollen.

    Veröffentlicht am 09.02.2020, von Kirsten Poetzke


    NEUE STRÖMUNGEN

    Wechsel beim Internationalen Wettbewerb für Choreographie Hannover

    Nanine Linning gibt auf eigenen Wunsch ihr Amt als Künstlerische Leitung ab. Übernehmen wird ab 2020 Gregor Zöllig, Chefchoreograf des Tanztheaters am Staatstheater Braunschweig.

    Veröffentlicht am 16.10.2019, von Pressetext


    AUF ZU NEUEN UFERN

    Tänzerische Interpretation von "Struwwelpeter" am Theater Braunschweig

    Struwwelpeter lebt und Tanzdirektor Gregor Zöllig lässt ihn laufen: Seine Koffer macht er leer, seine Spielsachen wirft er über Bord, und dann rudert er los, als fliegender Robert auf einem Boot: raus aus der Kindheit, raus aus Erziehungsrepressalien.

    Veröffentlicht am 12.11.2018, von Andreas Berger


    SCHLACHTFELD DER GEFÜHLE

    Das Tanztheater des Staatstheaters Braunschweig zeigt Gregor Zölligs Uraufführung „Heimatabend“

    Es geht dabei nicht nur um Gemeinsamkeit, sondern immer auch um Suche, um Verlust und um Heimat als Last.

    Veröffentlicht am 18.02.2018, von Kirsten Poetzke


    UN GRANDE

    Gregor Zöllig choreografiert „Peer Gynt“ am Staatstheater Braunschweig

    Eine atemlose Lebensrevue mit energetisch mitziehender Leitfigur und exzellent zusammenwirkendem Ensemble.

    Veröffentlicht am 22.10.2017, von Andreas Berger


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien

    "Ich sehe mich als Botschafter des zeitgenössischen Tanzes und möchte beim Publikum die Leidenschaft für den Tanz entfachen."

    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


    LICHTWÄRTS AUF DER LEBENSSTRAßE

    Gregor Zölligs Tanzstück zum Brahms-Requiem am Staatstheater Braunschweig zeigt Urszenen von Trauer, Trost und Rebellion

    Leben und Tod, Tanztheater und Romantik – Gregor Zöllig stellt sich den großen Fragen des Lebens, verbindet scheinbar Gegensätzliches und begeistert damit das Publikum.

    Veröffentlicht am 01.03.2016, von Andreas Berger


    DER LETZTE TANZ

    Gregor Zöllig wechselt von Bielefeld nach Braunschweig

    Das Publikum fühlt sich angesprochen und feiert Gregor Zölligs sympathische Truppe in jeder Vorstellung lange und laut. "Alter Falter" wird der letzte "Zeitsprung" der Ära Zöllig am 5. Juni heißen. Er knüpft an Zölligs "Methusalem" an.

    Veröffentlicht am 22.05.2015, von Marieluise Jeitschko


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    DER AGGRESSIVEN ZÄHMUNG?

    "Drang" von Renegade und Malou Airaudo bei tanz nrw 21
    Veröffentlicht am 08.05.2021, von Rico Stehfest


    PHYSISCHER WIDERSTAND

    Die Kraft des Körpers im Protest in einer digitalen Uraufführung von Jan Martens
    Veröffentlicht am 07.05.2021, von Greta Haberer


    KACHELWELT

    Choreografien von Tänzer*innen des Hessischen Staatsballetts
    Veröffentlicht am 02.05.2021, von Dagmar Klein



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ARTICULATE! ACTIVATE! PROTEST!

    ONLINE-SYMPOSIUM: Politische Artikulation in Tanz und Literatur im Rahmen von DANCE 2021

    Inwiefern kann gerade in politischen Krisenzeiten das spezifische Körperwissen des Tanzes zur Entwicklung einer politischen Sprachlichkeit, Agency und Krisenbewältigung beitragen? In welchen Erzählformen äußert sich heute das Politische?

    Veröffentlicht am 22.04.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben

    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    LIAM SCARLETT IST VERSTORBEN

    Ein tragisch früher Tod

    Veröffentlicht am 18.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg

    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    BLONDE PERÜCKEN

    Reut Shemesh präsentiert "Cobra Blonde", ein Projekt mit der Tanzgarde der Karnevalsfreunde der katholischen Jugend Düsseldorf am Tanzhaus NRW

    Veröffentlicht am 11.04.2021, von Gastbeitrag


    ZUR SPRACHE GEBRACHT

    Gedichtband „Kinder - Tanzgedichte“ erschienen

    Veröffentlicht am 11.01.2021, von Sabine Kippenberg



    BEI UNS IM SHOP