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Leipzig

ZWEI SEITEN DER SCHÖNHEIT

„I am beautiful“ und „Helló Zombi“ bei der euro-scene in Leipzig



Drei männliche Gestalten zittern, stolpern, stürzen, winden oder quälen sich in verschmuddelten grauen Fetzen über die Bühne. Gegensätzlicher und verstörender könnte der Kontrast zur Feier der Schönheit zuvor nicht sein.


  • "I am beautiful" von Roberto Zappalá Foto © Marco Caselli Nirmal, Ferrara
  • "I am beautiful" von Roberto Zappalá Foto © Giuseppe Distefano, Catania
  • "Helló, Zombi" von Ferenc Fehér Foto © Jokuti Gyorgy, Budapest
  • "Helló, Zombi" von Ferenc Fehér Foto © Jokuti Gyorgy, Budapest

Lyrik, Musik und Bildende Kunst, nicht selten nehmen Choreografen von dort Anregungen für ihre Kreationen. Für den vierten Teil seines langfristig angelegten Projektes „Transiti Humanitas“, in dem es um Körperlichkeit und Identität geht, Schönheit der Bewegung und des Stillstandes, des Klanges und der Stille, ließ der italienische Choreograf Roberto Zappalá sich unter dem Titel „I am beautiful“ von Auguste Rodins Skulptur „Je suis belle“ und durch das Gedicht „La beauté“ von Charles Baudelaire aus der Sammlung „Les fleurs du mal“ anregen.

Puccio Castrogiovanni steuerte für die Folk-Rock-Gruppe „Lautari“ aus Catania sizilianisch grundierte, mitunter aber sehr harte und massige Klangfundamente bei und auch eine lautstark dargebotene Vertonung einiger Verse aus der geistlichen Dichtung „Stabat Mater“.

Um in der Immaterialität des Himmels anzukommen, bedarf es irdischer Leidenschaft, daher so Zappalà in einem Pressezitat aus Ferrara, hat er diese Hommage auf die Schönheit tanzender Körper kreiert, denn der Körper ist für ihn „das weltliche Heiligtum der Menschheit“ und diesen muss man haben, „um eine Seele zu finden“. Das ist ja schon mal alles sehr schön. Schön anzusehen sind bei diesem Schönheitsritual natürlich auch die fünf Tänzerinnen und vier Tänzer der Compagnia Zappalà Danza aus Catania, zunächst in weißer Unterwäsche und dann in durchscheinenden grünen Ganzkörpertrikots, zumeist in bestechend synchron ausgeführten Bewegungsbildern und Kombinationen der ganzen Gruppe. Interessant werden immer wieder kurze, aber prägnante Solovarianten, seien sie von eher sportivem oder lyrischer geprägtem Charakter. Ein subtil gestalteter Reigentanz erinnert an mittelalterliche Totentanzdarstellungen und im Zusammenhang mit dieser Kreation an die Vergänglichkeit des Schönen.

Rodins Skulptur ist nicht zu sehen, tänzerische Haltungen stellen auch keine Nachbildungen dar, inwieweit es direkte oder indirekte Anregungen sind, bleibt ungewiss. Baudelaires Gedicht wird von einer Tänzerin am Boden kniend an der Rampe des Theaters gesprochen und am Ende der Aufführung noch einmal die Anfangszeile „Imaginez...“ - „Stellen sie sich vor...“, wer den Text dann nachliest, weiß, dass es sich um eine Einladung an die eigene Vorstellungskraft handelt und somit an die Freiheit, den Gedanken freien Lauf zu lassen. Das ist auch nötig, denn das choreografische Material erschöpft sich, Wiederholungen erschließen sich nicht immer und bis zur finalen Lichtshow im Discosound der live spielenden Band wird die Stunde dieser Aufführung mitunter etwas lang.

Das Leipziger Festival euro-scene des zeitgenössischen europäischen Theaters und Tanzes fand im 26. Jahrgang unter dem Motto „Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus“, der Tanz war mit weiteren vier Gastspielen aus Antwerpen, Brüssel und Oslo vertreten, aus Budapest hatte Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff die Compagnie Ferenc Fehér eingeladen, „Helló Zombi!“, so deren außergewöhnliche Produktion, in bester Korrespondenz zum Thema des Festivals.

Zu harten Elektrosounds zittern, stolpern, stürzen, winden oder quälen sich drei männliche Gestalten in verschmuddelten grauen Fetzen über die Bühne der Diskothek des Leipziger Schauspielhauses. Gegensätzlicher und verstörender könnte der Kontrast zur Feier der Schönheit zuvor auf der Hauptbühne an diesem späten Festspielabend nicht sein. Diese untoten Toten, diese einsamen Gestalten, in denen doch immer wieder so etwas wie Fetzen verlorener oder gar zerstörter Seelen aufblitzen, bieten so kraftvolles wie dann immer wieder auch mit einem Anflug von sehnsuchtsvoller Zärtlichkeit angetriebenes, schonungsloses Körpertheater.

Wenn Gábor Czap, Ferenc Fehér und Baláz Szitás sich die Fetzen von den Leibern reißen, dann können sie dennoch nicht im nackten Leben ankommen, geschweige denn mit dem Leben davon kommen. Das ist die dunkle Seite der Schönheit. Das ist der Fluch der Unsterblichkeit. Und das ist ein Totentanz, der beim Zuschauer eine Fülle von Assoziationen in Gang bringt, etwa wenn diese „Zombis“ die Luft anhalten, zu ausgemergelten Gestalten werden, deren Rippen hervortreten und sie so dann doch zu Überlebenden werden, denen das Leben geraubt wurde, aber der Hunger nach Leben nicht zu töten ist.

Der Tanz, die Bewegungen der drei Protagonisten steigern sich zu einem Ritual und führen damit nicht zuletzt zurück zu den Ursprüngen dieser Kunst, die der Worte nicht bedarf, um zu schreien, zu flüstern, zu beten oder zu fluchen.

Veröffentlicht am 13.11.2016, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2016/2017

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Kommentare zu "Zwei Seiten der Schönheit"



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