HOMEPAGE



Leipzig

DER PHILOSOPH UND DIE TÄNZERIN

„Writing Dancing“ von Ismo-Pekka Heinkinheimo beim Off-Europa-Festival im Leipziger Lofft



Dieses Duett ist ein hinreißender Exkurs über Körper und Geist, Sprache und Bewegung.


  • "Writing Dancing" von Ismo-Pekka Heinkinheimo; Tanja Illuka und Max Ryynänen Foto © Sakari Viika
  • "Writing Dancing" von Ismo-Pekka Heinkinheimo; Tanja Illuka und Max Ryynänen Foto © Sakari Viika
  • "Writing Dancing" von Ismo-Pekka Heinkinheimo; Tanja Illuka und Max Ryynänen Foto © Sakari Viika

Von Steffen Georgi

Eine Tänzerin, die tanzt. Und ein Philosoph, der dazu philosophiert: Es klang bedrohlich nach Kopfgeburt, was da am Dienstag zum Off-Europa-Festival im Lofft auf dem Programm stand. Doch entpuppte sich „Writing Dancing“ der Ismo Dance Company (Choreografie: Ismo-Pekka Heinkinheimo) schnell als hinreißender Exkurs über Körper und Geist, Sprache und Bewegung, Descartes Denken und Prosperos Blicke.

Doch erst einmal sind da Tanja Illuka, die junge Tänzerin, und Max Ryynänen, der nicht mehr ganz so junge Philosoph, die, während das Publikum den Saal betritt, etwas machen, was man tatsächlich am besten als ‚Sohle übers Parkett schieben’ bezeichnen kann. Ein langsames Tänzchen, ohne Musik und ganz beiläufig, als ein Sammeln und aufeinander Einschwingen. Wenn Ruhe eingekehrt ist, das Publikum sitzt, setzt sich auch Ryyänen. An einen Laptop, der auf dem Bühnenboden steht und in den er ein Wort tippt, das für eine ganze Weile das einzige bleibt: „Sensibility“ ist da auf der Projektionswand zu lesen. Ein Begriff, der den Wesenskern dieser Performance bestens fixiert.

Denn was sich zwischen Illuka und Ryyänen entspinnt, ist nichts Geringeres als der Dialog zweier unterschiedlicher Artikulationsformen, zweier verschiedener Sprachen, die aber nichtsdestotrotz im Stadium eines Verstehens und Einvernehmens operieren. Und dabei erst einmal jene Fragen umkreisen, die diese Konstellation aufwirft: Ob und wie das geht, mit dem Körper zu denken. Und wie das ist, wenn die Gedanken tanzen.

Dass nun der Körpertanz der Auslöser des Gedankentanzes ist, ist hier durchaus als bewusst hierarchische Satzung manifestiert. Illukas Darbietung ist der Inspirationsquell, dabei von jener kontrollierten Vehemenz, die nicht mehr beweisen muss, was an Kraft, Technik, Ausdrucksvielfalt in ihr steckt. Da sind die Figurationen von seltenem Abwechslungsreichtum und werden zugleich immer wieder Bewegungsmotive klug in Wiederholungen und Variablen aufgegriffen.
Und natürlich ist das nicht nur bannend, sondern auch Stimulans für gedankliche Assoziationen, die bei Ryyänen dann auch bald in die Tastatur fluten.

Da wird erst einmal Descartes abgewatscht, der bei seinen berühmten Meditationen vorm warmen Ofen, ja eher das Denken als den Körper als Seinsbeweis favorisierte, oder mit der Psychoanalytikerin und Feministin Luce Irigaray eine Morphologie des weiblichen Körpers gestreift. Nur gerät das nie verquast, verliert sich nie in steriler Abstraktion, weil Ryyänen seine Gedankensprünge eben immer wieder auch Traumtanz - das heißt: poetisches Bild - werden lässt: Ein Prospero sei er, der einem Ariel zuschaue. Und nein: sieht man wiederum „Writing Dancing“ ist dieser Vergleich keiner, der zu hoch greift.

Veröffentlicht am 22.09.2016, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 2380 mal angesehen.



Kommentare zu "Der Philosoph und die Tänzerin"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    ALLEIN ES FEHLT DER PUNK

    Am Samstag eröffnete das diesjährige Off-Europa-Festival im Leipziger Lofft mit „The Earth Song“

    „No Future!“ war gestern. „The Earth Song“ ist ein „ökologisches Tanz-Punk-Musical“, das sich um die Zukunft sorgt.

    Veröffentlicht am 22.09.2016, von Gastbeitrag


    DIE MITTE LIEGT OSTWÄRTS

    Das Festival off Europa blickt nach Bulgarien und präsentiert vor allem Tanzprojekte

    Wir wissen wenig über die Szene in Osteuropa. Damit wollte sich der Leipziger Theatermann Knut Geißler schon vor mehr als 20 Jahren nicht zufrieden geben und gründete das Festival off Europa. 1992 fand es zum ersten Mal in Leipzig statt.

    Veröffentlicht am 17.09.2014, von Boris Michael Gruhl


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    ZUHÖREN #4 - CLIMATE CHANGE & DEMOCRACY

    From complexity to action - Sasha Waltz & Guests
    Veröffentlicht am 19.11.2019, von Pressetext


    DER EINDRINGLING – EINE AUTOPSIE

    Gastspiel von Helena Waldmann in der Tafelhalle
    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Pressetext


    RED.FOREST

    Premiere des Ensembles PLAN MEE in Nürnberg
    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DOUBLE HELIX / ZUKUNFTSLABOR OFFENBURG

    Ausstellungs- und Performance-Projekt der Dance Company Nanine Linning

    Offenburg und die Dance Company Nanine Linning verbindet seit dem letzten Jahr eine ausgesprochen fruchtbare, erfolgreiche Kooperation. Nach mehreren Gastspielen und Workshops bringt sich die Truppe von Nanine Linning nun zum ersten Mal mit einer veritablen Uraufführung ein.

    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DEUTSCHER TANZPREIS FÜR GERT WEIGELT

    Anerkennung für Isabelle Schad und Jo Parkes

    Veröffentlicht am 20.10.2019, von Marieluise Jeitschko


    NUR WER SEINEN KÖRPER GANZ IM GRIFF HAT, DER LERNT ZU FLIEGEN

    Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen

    Veröffentlicht am 21.10.2019, von Vesna Mlakar


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    DIE SCHERE DER WAHRNEHMUNG

    Die Dresdner go plastic company lädt zu einer kuriosen Performance auf eine Kegelbahn

    Veröffentlicht am 25.10.2019, von Rico Stehfest



    BEI UNS IM SHOP