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Linz

AUF DER SUCHE NACH DER PERFEKTEN MELODIE

Glucks Orpheus-Tanzoper



Mei Hong Lin inszeniert Glucks „Orfeo ed Euridice“ als künstlerischen Schaffensprozess - ein feines, stimmiges Gesamtkunstwerk zwischen Tradition und Moderne.


  • "Orfeo ed Euridice" von Mei Hong Lin Foto © Barbara Aumüller
  • "Orfeo ed Euridice" von Mei Hong Lin Foto © Barbara Aumüller

Tief gebeugt über das weiße Leichentuch intoniert der schwarz-gekleidete Orpheus seine Klage um die jung verstorbene Gattin, seine Muse Eurydike: „Ach, ich habe sie verloren....“. Ohne Orchesterbegleitung und nur bruchstückhaft gesungen, beginnt der neue Linzer Ballettabend nach Glucks Tanzoper „Orfeo ed Euridice“ von 1762. Erst am Ende dieser nur 100-minütigen, pausenlosen Premiere erklingt, wie vom Barockkomponisten notiert, die ganze Arie. Mei Hong Lin, in der dritten Spielzeit sehr erfolgreiche Linzer Ballettdirektorin und auch vielfach erfahrene Opernregisseurin, interpretiert Glucks Chor- und Tanzoper als Schaffensprozess des antiken Sängers, Leierspielers und Komponisten. Sehr deutlich wird Eurydikes Zögern, sich von ihm zurück ins Leben an seiner Seite ziehen zu lassen - hinaus aus der Helle, Stille und Freiheit des Elysiums, das hier vergegenwärtigt wird durch ein impressionistisches Naturgemälde in einem riesigen goldenen Rahmen, der schräg über der Spielfläche hängt, gelegentlich die Agierenden spiegelt oder den Hintergrund wechselt zu Bildern verschiedener Stile vom Barock bis zum Expressionismus und sich schließlich senkt, um die am Rande sich in die neue Welt tastende, verschleierte Braut dem Gatten wieder zuzuführen.

Ein schwarz-weißes Tableau umgibt die Trauerszene anfangs - vorn die 18 Tänzerinnen und Tänzer in fleischfarbenen Trikots, dahinter in zwei Reihen der Extrachor des Linzer Landestheaters als Trauernde in schwarz, Blumen haltend als letzten Gruß an die tote Freundin. Mit faszinierender Präzision und Diskretion imitieren einzelne Tänzer oder kleine Gruppierungen kurze rhythmische Phrasen der Chöre und des Orchesters. Bewegung und Erstarrung wechseln abrupt. Auch der Chor wird, entsprechend seiner Funktion als kommentierender, beobachtender Akteur im antiken Theater, einbezogen. Selbst Orpheus, Eurydike und der kindliche Liebesgott Amor werden emporgehoben, bei der Hand genommen und derart in die bewegte Geisterwelt integriert. Wenn Orpheus sich schmerzvoll an die Zweisamkeit mit Eurydike erinnert, umspielen ihn weiß gekleidete Tänzerpaare.

Die Hochzeit wirkt wie ein Rokokoballett aus Meissner Porzellanpuppen. Mit HipHop-Figuren dagegen fetzen die vermummten Furien in düster-bunten Kleidern - Chor und Kompanie gegenläufig mit einander verquickt - über die Bühne, bis sie dem berückend schönen Gesang des Orpheus unterliegen und ihm den Weg zu ihr freigeben. Die Begegnung des Paares, gemeinsam und jeder für sich sinnierend, ist wie ein langer, melancholischer aus Zweifeln, Hoffnungen und Ängsten choreografierter Pas de deux. Mei Hong Lin beugt sich hier ganz dem Primat der Musik - bis zum bitteren Ende, wenn Orpheus die zum zweiten Mal gestorbene Eurydike in den Armen hält, Tänzer sie in ihre Arme und Schöße betten. Der Eingangschor wird wiederholt und Orpheus singt sein nun vollendetes Klagelied. Eine schwarze Jalousie zieht sich über das helle Gemälde und der rote Samtvorhang schließt sich langsam während der letzten Takte.

Das rund 1200-köpfige Premierenpublikum im - wie fast immer - völlig ausverkauften neuen Musiktheater am Volksgarten feierte die Tänzer und Choreografin Mei Hong Lin mit den Ausstattern Dirk Hofacker und Christian Schmidleithner, den Extrachor und seinen Leiter Martin Zeller, das Brucknerorchester mit seinem Dirigenten Daniel Linton-France und die exquisiten drei Gesangssolisten Martha Hirschmann (Orpheus), Fenja Lukas (Eurydike) und Viola Geißelbrecht (Göttchen Amor).

Nach ihrem hochsensiblen „Schwanensee“ als Seelendrama Tschaikowskys, dem humorigen „Nussknacker“ und den temperamentvollen, farbenprächtigen „Carmina Burana“ gelingt Mei Hong Lin jetzt mit Glucks „Orfeo ed Euridice“ als Parabel auf einen künstlerischen Schaffensprozess ein feines, stimmiges Gesamtkunstwerk zwischen Tradition und Moderne.

Veröffentlicht am 28.02.2016, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2015/2016

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