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Heidelberg

DIE LANGE NACHT DES TANZES

Die ARTORT Jubiläumsausgabe – in der Heidelberger Hebelhalle und „um die Ecke“



Nichts ist bekanntlich so beständig wie ein Provisorium. Was als Notlösung begann, hat inzwischen Kultcharakter: das sommerliche ARTORT-Festival des Heidelberger UnterwegsTheaters.


  • Gio Tarantini: Sharon Fridman "caida libre" Foto © Artort
  • Laura Aris, "Open Wounds" Foto © Michael Ryll
  • La Intrusa, "Delta Victor" Foto © Michael Ryll
  • Jorge Jauregui, "Aguirre" Foto © Michael Ryll

Jahrelang ohne feste Spielstätte, entdeckten Jai Gonzales und Bernhard Fauser Heidelbergs „öffentlichen Raum“ mit Hilfe von Tanz und Performance neu: den Uniplatz und die Heiliggeistkirche, den Campus, den Bismarckplatz oder das Schloss… Seit das UnterwegsTheater in der Hebelhalle angekommen ist, hat das Festival dort seinen Ausgangspunkt. Dieses Mal wurde der Hof kurzerhand mit einfachen Mitteln und umso mehr Fantasie zum „Schlosshof“ umfunktioniert; Besucher können im „See“ entspannt die Füße kühlen und dem Pianisten David Serebrjanik lauschen, der schönste Lounge-Atmosphäre zaubert.
Weil die Bühne der Hebelhalle mit bespielt werden kann, liegt der Schwerpunkt des Abends eindeutig auf Tanz – auf kurzen, sozusagen verdichteten Stücken. Und natürlich gibt es emotionsgeladene Duos zu sehen. Ein Ausrufezeichen ganz zu Anfang setzt „HURyCAN“ (Madrid) mit „Je te haime“ – eine virtuos athletische, gnadenlose Umsetzung von Hassliebe. Sanfter, verträumter und mit Happy End geht so eine Geschichte in „Delta Victor“ von „La Intrusa“ aus – und mit liebevoll zelebriertem Witz in einer unterwegs präsentierten Geschichte mit einer Waschmaschine in zentraler Rolle: „Heart Wash“ von Cie. Margómez (Barcelona).
Mit großer Besetzung wartet das UnterwegsTheater in seinem eigenen Festival Beitrag „La Valse“ auf, in dem die musikalische Abrechnung Maurcie Ravels mit der Wiener Walzerseligkeit ihren adäquaten tänzerischen Widerpart in einer von Schaukeln geprägten Bühnenlandschaft findet. Sharon Friedman, Senkrechtstarter in die internationale Choreografenszene, zeigte mit seiner Kompanie eine intensive, beeindruckende Studie über Fallen und Aufstehen („caida libre“).

Ein ganz kleines, experimentelles Format erwartete die Besucher im angrenzenden Choreografischen Centrum: Jorge Jauregui schlüpfte in seinem Solo mit blanker Haut buchstäblich in die Projektion der bedrohlichen Szenerie von Werner Herzogs Film „Aguirre“. Großes Drama auf High Heels („Open Wounds“) zelebrierte Laura Aris (Barcelona) kunstfertig auf der Rasenfläche im Hof. Ganz anders das Solo (Uraufführung) von Rolando Rocha ausLima, der für die sehr spezielle Architektur des Hofes von VW Bernhard eine Vermessung mit dem eigenen Körper erdachte – und eine Salsa-Party zum Abschluss.

Noch weiter „um die Ecke“ Richtung Bahnstadt gab es einmal mehr erstaunliche Räume zu entdecken: einen hinterhofartigen Platz, wo eine karge Betonwand zur Projektionsfläche für einen amüsanten Mini-Tanzfilm (La Intrusa) wird – und ein dramatisches Treppengefälle im Skylabs-Ensemble der Bahnstadt, das wie geschaffen scheint für den finalen Auftritt aller Mitwirkenden. Zu späterletzt geht der Blick von der Montpellierbrücke auf den alten Postbahnhof, wo eine Videoinstallation von Sim(rays)ir die Brücke zwischen Verkehr und Kunst spielerisch schließt.

Die zehnte Ausgabe des Festivals bietet fast ein Überangebot (mit alternativem Programm noch einmal vom 23. bis 26. 7.). Da gibt es nur eines: Hingehen – denn ARTORT gibt es in dieser Form zum letzten Mal.


Veröffentlicht am 20.07.2015, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2014/2015

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Kommentare zu "Die lange Nacht des Tanzes"



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