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Berlin

IM HIER UND JETZT

Gala der Staatlichen Ballettschule Berlin



Die diesjährige Gala der Staatlichen Ballettschule Berlin setzt mit CONTEMPORARIES ganz auf Gegenwart. Vier Choreografen und ihre Kreationen, die jungen Tänzerinnen und Tänzer, ihre Pädagogen und das Publikum werden zu begeisterten Zeitgenossen.


  • Katharina Nikelski, Stine Kristapsone und Matheus Vaz Guimarães in SECHS TÄNZE Choreografie: Jiří Kylián Foto © Ulrich Gessner
  • Justin Rimke, Saki Kuwabara, Gregor Glocke und Matheus Vaz Guimarães in ALL LONG DEM DAY von Marco Goecke Foto © Ulrich Gessner
  • Katharina Nikelski und Mihael Belilov in CONCERTO MADRIGAL von Nacho Duato Foto © Ulrich Gessner
  • Frieda Kaden in DIE ZUKUNFT BEGINNT JETZT von Gregor Seyffert Foto © Ulrich Gessner
  • DIE ZUKUNFT BEGINNT JETZT Choreografie: Gregor Seyffert Foto © Frank Heckel

In vier zeitgenössischen Choreografien, darunter eine hochkarätige Uraufführung, präsentierten sich zum Abschluss des Ausbildungsjahres die Elevinnen und Eleven der Staatlichen Ballettschule Berlin im Schillertheater. Wobei besonders die Schülerinnen und Schüler des 7. – 9. Ausbildungsjahres gefordert waren, da sie in Mehrfachbesetzung die ersten drei Stücke zum Leben erweckten. Ein enormes Probenpensum mit erstaunlichem Ergebnis; Zeugnis der tanzinterpretatorischen Vielseitigkeit und professionellen Belastbarkeit der angehenden Tänzerinnen und Tänzer!

Nacho Duatos CONCIERTO MADRIGAL nach dem gleichnamigen Konzert für zwei Gitarren und Orchester seines Landsmanns Joaquin Rodrigo bot in seiner tänzerischen Melodik die perfekte Ouvertüre für Paare des 7. - 9. Ausbildungsjahres. In Reihen stehen sich junge Frauen und Männer gegenüber, sehnsuchtsvoll suchen ihre Arme über die Distanz zueinander. Reihen, Duette in raffinierten Fassungen, Plastizität der Trios, raumgreifende Drehungen. Paare, die wie in der Musik als Echo miteinander kommunizieren und verlieren. Vor rotem Fond ein Solo-Paar im rhythmischen Fandango sehr musikalisch in Hebungen und Sprüngen, wobei ihr Feuer bis zum Kuss schon zu lodern begann. Die jungen Interpreten genießen die großen fließenden Bewegungen in dieser gefühlvollen Begegnung von Neoklassizismus und spanischer Folklore.

Marco Goeckes außerordentlich anspruchsvolle Neuschöpfung ALL LONG DEM DAY nach dem gleichnamigen Song von Nina Simone stand dazu im größtmöglichen Kontrast. Zwanzig intensive Minuten gehetzter Kraft: in schwarzen Hosen mit freien plastischen Oberkörpern bzw. fleischfarbenen Trikots stürmen Jungen und Mädchen in wechselnden Formationen auf die Szene. Extrem schnelle Arme und hohe Beine zerschneiden gleichsam das angstmachende Schwarz des Bühnenraumes. Existenzielle Fluchten, die mit dem flehenden Hilfeschrei des Gesanges korrespondieren. Alle sind Gejagte, Zerrissene. Zitternd Kopf an Kopf stehen Frau und Mann im tosenden Fortissimo voreinander. Eruptive Brechungen, qualvolle getanzte Schreie nach Erlösung. Im klatschenden Rhythmus formiert sich die Gruppe. Ein Junge drängt durch die Labyrinthe und schlingt seine peitschenden Arme kurzzeitig fest um seinen Körper. Diese Uraufführung ist eine Sternstunde für Greta Jörgens, Saki Kuwabara, Katharina Nikelski, Alicia Ruben, Victoria Vassos, Mihael Belilov, Tommaso Bucciero, Matheus Vaz Guimaraes, Glauber Mendes Silva, Justin Rimke, Gregor Glocke und Kaito Sekino! Die Zuschauer feierten zu Recht mit großem Jubel dieses starke Epos und den Choreografen inmitten seiner kongenialen Interpreten.

Jiri Kyliáns SECHS TÄNZE sind seit Jahrzehnten ein choreografischer Leckerbissen, ganz aus Mozarts Geist seiner Sechs Deutschen Tänze KV 571 entwickelt. Klassiker sind zeitresistent. Durch die quicklebendige nuancenreiche und vor allem spielerisch ausgefeilte Interpretation gelingt mit Sinn für Bewegungskomik und gestische Präzision ein launiger Theaterspaß. Die flatterhaften Liebesgeplänkel, Eitelkeiten, Begierden und Scheingefechte werden durch die menschliche Interpretation köstlich lebendig. Auch hier haben die Pädagogen bei der Einstudierung sehr verdienstvoll gearbeitet.

Gregor Seyffert zaubert zum Crescendo des Bolero von Ravel ein überzeugendes Finale für alle Schülerinnen und Schüler: DIE ZUKUNFT BEGINNT JETZT ist (s)eine choreografische Liebeserklärung an die Berliner Ballettausbildung als ernsthafte Probenarbeit an den tradierten Grundlagen des Klassischen Tanzes ohne Effekthascherei im leidenschaftlichen Miteinander für Eleven aller Altersklassen. Der zeitgenössische Geist des Tanzes – hier lebt er!

Anfangs sitzt ein kleines Mädchen im Lichtspott, ihre Füße beginnen zu tanzen, andere Mädchen sitzen gleich ihr im Spagat, Exercice an immer längeren Stangen, erste Drehungen und Arabesquen im Raum. Zeitsprünge: Große junge Frauen in knallroten Kurzkleidern flankiert von den Jüngsten in perfekter Synchronität. Der hintere Vorhang hebt sich und offeriert eine perfekte Reihe von jungen Ballerinen-Beinen im Auf und Ab der Spitzenschuhe. Steigerungen: fünf Paare mit sichtlicher Freude am Zusammentanzen, ein couragiertes Mädchen dreht Double-Fouettés, junge Männer in blauen Trikots springen, erobern den Raum in großer Manege. Zum musikalischen Höhepunkt jagen Frauen in Rot variantenreich waghalsig in die Arme ihrer Partner und Jungen durch die Diagonale. Ein junger Mann dreht mühelos in der Luft um die eigene Körperachse und wirbelt damit alle Schülerinnen und Schüler zurück auf die Bühne.

Die diesjährige Gala der Staatlichen Ballettschule Berlin setzt mit CONTEMPORARIES ganz auf Gegenwart. Vier Choreografen und ihre Kreationen, die jungen Tänzerinnen und Tänzer, ihre Pädagogen und das Publikum werden zu begeisterten Zeitgenossen. Im Hier und Jetzt überzeugt dieser kontrastreiche Tanzabend, durch tänzerische und interpretatorische Vielseitigkeit, Musikalität, Ausdruckskraft und Bewegungsfreude im menschlichen Zusammenspiel.

Kleine Anmerkung: das Hochglanz-Programmheft mit austauschbaren Event-Fotos steht dem Geist dieser bemerkenswerten Gala diametral entgegen.


Veröffentlicht am 15.07.2015, von Karin Schmidt-Feister in Homepage, Kritiken 2014/2015

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