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München

ZEITENSPRÜNGE

Die Tanzwerkstatt Europa eröffnet mit 50 Jahren Tanzgeschichte



Die Programmierung der Tanzwerkstatt ist dieses Jahr eine Hommage an die letzten 50 Jahre Tanzgeschichte, speziell an die Anfänge der Nachkriegsavantgarden in New York und deren weitreichende Impulse.


  • Noé Soulier mit "Movement on Movement" bei der Tanzwerkstatt Europa Foto © Chiara Valle Vallomini

Lichtstreifen überziehen das dunkle Bühnenquadrat. Am Tisch sitzt einer und trommelt. Mal schlägt der Handrücken, dann die Innenfläche auf. Mit dumpfen Klängen zieht Wim Vandekeybus' „What the body does not remember“ in Trance, während die Tänzer im Takt des Drill-Sergeants auf den Boden knallen. Man kennt diese Szenen – zumindest von Aufzeichnungen - ist dieses Stück ja eines der Schlüsselwerke der europäischen Tanzszene. Mit der Wiederaufnahme wiederholt Vandekeybus nun den Erfolg seines Debüts von 1987.

Nichts scheint „What the body does not remember“ von seiner physischen Wucht eingebüßt zu haben. Die waghalsigen Manöver der Tänzer sind spürbar. Sie springen und rennen, Steine fliegen durch die Luft und werden im letzten Moment gefangen. Als Teil von brutalen Kinderspielen, die sich da auf der Bühne ereignen, werden sie begehrt, über den Boden geschoben, zerbröckelt. Man neckt und fängt sich gegenseitig, springt von einem Stein zum nächsten. Der einzige Unterschied: Die Tänzer heute sind viel besser ausgebildet als noch 1987, sind trainiert darin, sich abzufangen und über den Boden zu rollen. Was damals tatsächliches Risiko war, ist zur absolvierbaren Choreografie geworden, die mit dem Risiko nurmehr spielt. Das tut dem rasanten, zweistündigen Abend jedoch keinen Abbruch. Bild um Bild reiht sich aneinander, auf gewalttätige Aktionen der Tänzer mit schweren Stiefeln und vor allem der Muskel bepackten und doch zierlichen Tänzerinnen, folgen zarte Szenen menschlicher Nähe und Erotik – alles stets im reaktiven und intuitiven Miteinander.

Doch nicht nur am Eröffnungsabend der Tanzwerkstatt Europa wird auf Altes zurückgegriffen. Auch „Bound“ stammt aus dem letzten Jahrhundert. 1982 wurde das Solo noch von Steve Paxton getanzt, heute ist es eine Rekonstruktion mit dem slowenischen Tänzer Jurij Konjar, der ebenso wie Paxton mit Improvisationstechniken arbeitet. Anders als „What the body does not remember“ entbehrt diese Performance im ersten Moment jeglichen Kontexts. Der Vietnam-Veteran, der sich tastend und torkelnd wieder ins Leben einzufügen versucht, ist klar erkennbar, und doch so fern. „Bound“ ist Kunst, die sich in ihrer Absurdität gut vor dem Publikum zu tarnen weiß, und trotz des aktuellen Hintergrunds mit Gaza und Ukraine nicht anknüpfen lässt.

Ein mit Latten angedeutetes Bühnenrund ist die Spielfläche. Vor einer Leinwand in Camouflage-Optik, die nur einmal dem sich auflösenden Gemälde der Sixtinischen Kappelle von Pozzo weicht, baumelt Konjar in einen mit Hosenträgern gehaltenen Karton, spielt Auto, spielt Panzer. Mit Sonnenbrille und Bademütze wird er zum Funktionär, der kleine Kreise beschreibend, sich um sich selbst dreht, mit einem imaginären Partner tanzt. Sein Oberkörper verschraubt und windet sich, zuckt, rastet ein. Im Hintergrund läuft Auto- und Funkanlagenlärm, bevor sich erlösende Chorgesänge über die sich stetig wechselnden Situationen legen.

Wie in einem Nebel tastet man sich als Zuschauer voran. Greifbar sind nur die wenigen Requisiten wie Wiege und Schaukelstuhl, die dem absurd-belanglosen Geschehen bedeutungsschwere Momente einhauchen. Schön, die Beschäftigung mit Objekten im Raum. Konjar löst die Latten aus ihrem Rund, fächert sie am Boden ineinander zu neuen Mustern, testet ihr Gewicht und baut sie um sich auf. Die Latten werden zum Partner, und die Prinzipien der Kontaktimprovisation, deren Erfinder Steve Paxton war, sichtbar.

Und so gelangt man auch zum eigentlichen Thema dieses Eröffnungswochenendes: dem Erbe der Nachkriegsavantgarden in den 1960er Jahren. Denn Steve Paxton ist Mann der ersten Stunde. Zusammen mit Trisha Brown, Yvonne Rainer und Simone Forti begründete er 1962 das Judson Dance Theater in New York, das im Symposium „Judson and beyond“, das dieses Jahr in Kooperation mit dem Lenbachhaus stattfindet, auf seine Vergangenheit und Gegenwart im zeitgenössischen Tanz überprüft wird. Das Netz an Jahreszahlen und Ereignissen, das Ramsay Burt im Eröffnungsvortrag ausbreitet, lässt sich auch auf das Konzept des Symposiums oder gar der Tanzwerkstatt übertragen. Der Judson Dance Theater-Speizialist springt munter durch die Geschichte dieser prägenden Jahre, stellt Querverbindungen zu heutigen Choreografen wie Rosemary Butcher und Jérôme Bel her, und legt die vielfältigen Schnittmengen mit anderen Künsten, allen voran der bildenden Kunst offen. Denn Genres spielten bei den legendären 'Concerts' in der Judson Memorial Church keine Rolle mehr. Die Disziplinen vermischten sich. Tanz wurde mit Musikkompositionen und Film kombiniert, Raumerfahrungen werden wichtig und dem tanzenden Körper näherte man sich über Alltagsbewegungen an. So werden neben Filmen zu Steve Paxton und Yvonne Rainer, auch das Umfeld der sich stark verändernden Kunstwelt verhandelt – wie der Tanz in den letzten Jahren (wieder) den Weg in Ausstellungen fand, und was das kollektive, heute besser kollaborative Arbeiten in der Kunst bedeutet.

Die Programmierung der Tanzwerkstatt ist dieses Jahr eine Hommage an die letzten 50 Jahre Tanzgeschichte, speziell an die Anfänge der Nachkriegsavantgarden in New York und deren weitreichende Impulse, die auch der französische Choreograf und Philosoph Noé Soulier in seine Soloperformance „Movement on Movement“ überträgt. Ausgehend von William Forsythes „Improvisation Technologies“ setzt er eine Stunde lang seinen Körper sprechend und tanzend in Bewegung - auch diesmal wieder im Kunstbau unter der Installation Dan Flavins, die schöne Lichtspiele erzeugt. Soulier wandert durch die einzelnen Gliedmaßen vom Ballett zum Postmodern Dance, Namen wie Yvonne Rainer, Simone Forti, aber auch Jackson Pollock ertönen, während seine Hand zur einen Gesichtshälfte greift, oder das Bein einen Ausfallschritt nach links macht. Danach kehrt der Körper wieder kurz zum kodifizierten Ballettvokabular zurück.

Das Analyse-Tool Forsythes, das ursprünglich für Probenprozesse gedacht war, gerät zur komplexen Angelegenheit, für die man sich gerne etwas mehr Zeit nehmen würde. Maschine Körper denkt man unwillkürlich, wenn Soulier das kulturelle Wissen seines Körpers mit Sprache verknüpft, diesen in seine Einzelteile zerlegt. Wir hören und sehen ihn, die Bewegungen verändern seine Worte und umgekehrt. Ein schöner, wenn auch trockener Prozess, den man sich gerne nochmal ansehen will.

Veröffentlicht am 05.08.2014, von Miriam Althammer in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

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